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Kultur

Mit Medienpräsenz gegen den Zeitgeist

Der Auftritt war dramatisch: Stumm erteilte ein schwer kranker Johannes Paul II. den Ostersegen Urbi et Orbi. Carola Hoßfeld kommentiert die Medienstrategie des Vatikan und fragt, warum wir am Leiden teilhaben sollen.

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Seit Jahren titeln Journalisten: "Götterdämmerung im Vatikan" und schreiben über die Spät- beziehungsweise Endphase dieses Pontifikats. Zweifellos hat diese Phase in den letzten Wochen eine neue Stufe erreicht. Am Ostersonntag (27.3.05) zeigte sich der sichtlich leidende 84-Jährige fast 15 Minuten lang unter äußerster Kraftanstrengung am Fenster. Den Segen erteilte der Papst wortlos.

Ob er nur vorübergehend als Folge seines Luftröhrenschnitts verstummt ist oder in Folge der Parkinsonschen Krankheit auf Dauer, dazu hüllt sich der Vatikan in Schweigen. Wie überhaupt die Informationspolitik der Kurie in den letzten Wochen dürftig war. Details über den Gesundheitsverlauf des Papstes wurden häppchenweise dosiert. Was einerseits Spekulationen schürte, anderseits das öffentliche Interesse garantierte. Spätestens mit den Bildern von Ostern werden nun alte Fragen zum wiederholten Male neu aufgeworfen.

Müssen die Medien wirklich das Leiden des alten Papstes in die Wohnzimmer transportieren? Muss er seinen Kampf gegen seine Gebrechen bis zuletzt vor den Augen der Weltöffentlichkeit austragen? Die Lager sind gespalten. Was die einen als unerträgliche Zumutung werten, löst bei den anderen Bewunderung aus. Nun kommen die Bilder vom greisen Papst vom vatikanischen Fernsehen, nicht etwa von voyeuristischen Privatsendern.

Johannes Paul II. hat die Medien immer für seine Zwecke zu nutzen verstanden. Seine Telepräsenz in den vergangenen Wochen ist ganz in seinem Sinn. Er wird keineswegs medial instrumentalisiert, er nutzt die Kameras, damit seine letzte Botschaft bei den Menschen ankommt: Krankheit, Schmerz und Leiden gehören zur menschlichen Natur. Eine Botschaft, die dem Zeitgeist diametral widerspricht. Eine Botschaft, mit der er vor allem den westlichen Gesellschaften, die Alter und Tod verdrängen, einen Spiegel vorhält. Dieser Papst ist bis zuletzt ein Papst der Provokation. Gebeugt vom Alter, unbeugsam in der Sache.

Debatten über einen Rücktritt wie sie jüngst in den Medien wieder losgetreten wurden, sind müßig. Er selbst hat einen solchen Schritt immer ausgeschlossen. Ein Stellvertreter Christi tritt nicht einfach zurück, Christus sei schließlich auch nicht vom Kreuz herabgestiegen. Basta.

Hochrangige Kardinäle der Kirche hatten in den letzten Jahren einen Rücktritt nicht ausgeschlossen für den Fall, dass Johannes Paul II. sich nicht mehr in der Lage sieht, die Kirche zu leiten. Mittlerweile halten Insider den Zeitpunkt für einen solchen Schritt jedoch für überschritten. Er dürfte zudem auf Widerstand beim harten Kern der vatikanischen Führungsriege stoßen. Denn mit dem Tod oder auch Rücktritt eines Papstes verlieren alle wichtigen Kardinäle an der Spitze der verschiedenen Abteilungen und Geschäftsbereiche des Vatikan ihre Ämter.

Solange Johannes Paul II. seinen Willen mitteilen kann, und sei es nur durch Gesten, werden die Geschäfte im Vatikan weiterlaufen wie bisher. Also business as usual? Nicht ganz. Der Papst wird sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Das stellt die Regisseure im Vatikan vor eine völlig neue Herausforderung.

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