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Sport

Mit Makkabi zu den eigenen Wurzeln

Mehr als 9000 Sportler aus 70 Ländern stärken bei der Makkabiade ihre Beziehung zu Israel. Die junge Golferin Michèle Prigoschin aus Berlin verkörpert Neugier und Selbstbewusstsein der jungen Athleten.

Mit einer bunten Eröffnungsfeier hat am 16.07.2001 im Jerusalemer Teddy-Stadion unter massiven Sicherheitsvorkehrungen die 16. Makkabiade begonnen. An den Spielen für jüdische Sportler nehmen bis zum 23. Juli rund 3200 Sportler aus 43 Ländern teil. Deutschland ist mit etwa 50 Athleten vertreten. Die auch als «Jüdische Olympiade» bekannte Veranstaltung gilt als drittgrößtes Sportereignis weltweit nach den Olympischen Spielen und den Weltstudentenspielen.

16. Makkabiade in Jerusalem 2001

Michèle Prigoschin ist eine Sportlerin, die Funktionäre gern als Vorzeigeathletin bezeichnen. In der Schule hat sie eine Klasse übersprungen und bereits mit 16 Jahren Abitur gemacht. In ihren Ferien hat sie im Bundestag und beim ZDF hospitiert. Nach ihrem gerade begonnenen Jura-Studium möchte sie Anwältin in einer großen Kanzlei werden. Außerdem gehört Michèle Prigoschin zu den talentierten Golferinnen Deutschlands. Sie eilt von Erfolg zu Erfolg, hat viele Gründe stolz zu sein, doch zurzeit denkt sie nur an ein Thema: ihre Wurzeln.

Berliner Golferin Michèle Prigoschin (Foto: privat)

Michèle Prigoschin

Genau wie 200 andere Sportler aus Deutschland reist sie in diesen Tagen nach Israel. Dort wurde am Donnerstag (18.07.2013) im Teddy-Stadion von Jerusalem das zahlenmäßig drittgrößte Sportereignis der Welt eröffnet. 9000 junge Frauen und Männer aus siebzig Nationen nehmen an der 19. Makkabiade teil, an den Weltspielen des Judentums. Alle vier Jahre werden Sieger in mehr als 40 Sportarten ermittelt, doch den Organisatoren geht es um mehr: Sie möchten die Beziehung der Juden aus der Diaspora zum Heiligen Land stärken.

Viele der Athleten kommen zum ersten Mal nach Israel. "Meine Mutter meinte, ich darf nur mitkommen, wenn ich danach wieder nach Deutschland zurückkehre", sagt Michèle Prigoschin und lacht. Ihre Mutter geht auf Nummer sicher - und begleitet sie. Die Familie reist auf eigene Kosten.

Integrationshilfe im Klubheim

Wenige Tage vor ihrer Abreise sitzt Michèle Prigoschin im idyllisch gelegenen Klubheim von Makkabi Berlin. Im Saal des Flachbaus feiert ein russischstämmiges Mitglied seinen Geburtstag. Für viele der jüdischen Einwanderer aus Osteuropa war Makkabi Anfang der neunziger Jahre die erste Anlaufstelle. Nicht nur in Berlin. Die landesweit insgesamt 37 deutschen Ortsvereine halfen den Einwanderern bei der Integration in die Gemeinden. Die Eltern von Michèle Prigoschin siedelten vor zwanzig Jahren aus Moskau nach Deutschland über.

Ihre Tochter erforscht nun immer mehr ihre jüdischen Wurzeln. Sie liest viel, spricht mit ihrer Großmutter, besucht Museen und schreibt literarische Texte. Wie Prigoschin haben sechzig Prozent der deutschen Athleten bei der Makkabiade Wurzeln in Osteuropa. "Ich möchte die Geschichte der Juden besser verstehen", sagt sie. "Das bin ich meinen Vorfahren schuldig."

Unvergessliche zwei Wochen

Makkabiade Hauptquartier in Ramat Gan (Foto: Blaschke/DW)

Das Hauptquartier der Makkabiade in Ramat Gan

Im Kfar Maccabiah, dem weltweiten Hauptquartier von Makkabi, laufen alle Fäden zusammen. Es liegt in Ramat Gan, einer mittelgroßen Stadt in der Nähe von Tel Aviv. Auf den Schreibtischen stapeln sich Kartons mit Plakaten und Souvenirs. Faxgeräte rattern, Telefone klingeln. Zwischen zwei Konferenzen hetzt Amir Peled in sein Büro und schließt die Tür. Schon sein Vater hat Makkabi über viele Jahre geprägt, seine Tochter stellte Rekorde im Schwimmen auf, er selbst leitet die Planung der Makkabiade seit 2009, ehrenamtlich. "Eine Möglichkeit, um jüdische Identität zu wahren, ist diese Art jüdisches Olympia", sagt der pensionierte Geschäftsmann. "Ich weiß, dass die jungen Leute diese zwei Wochen nicht vergessen werden."

Zwanzig Nationen sind zum ersten Mal mit Sportlern vertreten, darunter Kuba, Montenegro und Slowenien. Ein großer Teil des Veranstaltungsetats von 50 Millionen US-Dollar fließt in Kultur- und Bildungsprojekte. Die Sportler können in Bussen durchs Land reisen, Sehenswürdigkeiten, Gedenkorte und religiöse Stätten besuchen.

Talentsuche auf Motorrädern

Jüdische Rudersportler des Ruderclub Werder (Havel), Anfang 20. Jahrhundert / Ruderer, Rudersport, Sport historisch, Davidstern auf Brust (Foto: dpa)

Jüdische Rudersportler in Deutschland, Anfang des 20. Jahrhunderts

Im Hauptquartier von Makkabi ist auf drei Etagen auch das weltweit einzige jüdische Sportmuseum untergebracht. "Makkabi steht für eine jüdische Revolution", sagt Stella Syrkin, die regelmäßig Gäste durch das Museum führt. Die Entstehung der Bewegung ist eng mit dem aufkommenden Antisemitismus im 19. Jahrhundert verbunden: 1895 gründeten deutsche Soldaten in Konstantinopel den ersten jüdischen Turnverein. Der Arzt Max Nordau prägte den Begriff des Muskeljuden. Er rief Juden dazu auf, Leistungsfähigkeit und Selbstachtung durch Sport zu stärken.

Zehn Jahre später gab es in Europa mehr als 100 jüdische Sportvereine. 1932 fand in Tel Aviv die erste Makkabiade statt, mit 400 Sportlern, auch aus arabischen Nationen, aus Syrien, Libyen oder Ägypten. Die Premiere wurde mit Bedacht gewählt: Genau 1800 Jahre nach dem Aufstand des Freiheitskämpfers Judas Makkabäus gegen die griechischen Besatzer. "Menschen aus Palästina reisten mit Schiffen nach Europa", erinnert Stella Syrkin. "Dort fuhren sie auf Motorrädern von einer Gemeinde zur nächsten. So luden sie Menschen zur Makkabiade ein – lange vor der Erfindung des Internets."

Tiefe Bindung zu Israel

An der zweiten Makkabiade 1935 nahmen auch 134 deutsche Sportler teil, gegen den Willen der Nazis. Dutzende Athleten blieben im britischen Mandatsgebiet Palästina - und überlebten den Holocaust. Nach dem Krieg wurden die Vereine langsam wieder aufgebaut. 1969 nahm dann wieder eine deutsche Delegation an der Makkabiade teil. Heute sind weltweit mehr als 400.000 Sportler in 400 jüdischen Gemeinden aktiv. Zu ihren 56 Heimatländern gehören Simbabwe, Taiwan oder die Marshallinseln.

Blick ins Teddy-Stadion von Jerusalem bei einem U21-Länderspiel (Foto: Vitaliy Belousov/RIA Novosti)

Im Teddy-Kollek-Stadion von Jerusalem wird die 19. Makkabiade eröffnet

"Die Eröffnungsfeier mit 30.000 Zuschauern wird fantastisch", sagt Michèle Prigoschin. "Und tränenreich". Die deutsche Delegation ist so groß wie nie zuvor. Vielleicht wird Michèle Prigoschin als Turniersiegerin zurückkehren, vielleicht mit mehr Fragen als Antworten. Viele große Sportler haben durch die Makkabiade eine Bindung zu Israel herstellen können: zum Beispiel der US-amerikanische Schwimmer Mark Spitz, der 1965 im Alter von 15 Jahren an der Makkabiade teilnahm. Spitz sollte später zu einem der größten Olympia-Sportler der Geschichte werden. 1985 nahm er erneut an der Makkabiade teil und durfte das Eröffnungsfeuer entzünden, als erster Nicht-Israeli.

"Ich werde an vielen Touren teilnehmen und alles aufsaugen", sagt Michèle Prigoschin mit leuchtenden Augen. Ob die Sorge ihrer Mutter berechtigt ist? Nach früheren Spielen haben immerhin fünf Prozent der Sportler entscheiden, in Israel zu bleiben. Nicht für die zwei Wochen der Makkabiade, sondern für immer.