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Nahost

Mit Märtyrer-Bildern auf Stimmenfang

Am diesem Sonntag (7. Juni 2009) wählen die Libanesen ein neues Parlament. Im Wahlkampf stehen nicht nur die Kandidaten für die 128 Sitze im Mittelpunkt, sondern auch die in den vergangenen Jahren ermordeten Politiker.

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In einem Hotel in Ashrafiya im Osten Beiruts gibt Nayla Tueni ihr Wahlprogramm bekannt. Die 27-Jährige kandidiert für einen der griechisch-orthodoxen Sitze im libanesischen Parlament. Bevor die junge Politikerin ihr Programm verkündet, ertönt aus den Lautsprechern des Saales der Schwur, den ihr Vater Gebran Tueni im März 2005 vor Demonstranten verkündet hat.

Das war mitten in der Zedernrevolution, die durch den Mord an dem ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri wenige Wochen zuvor ausgelöst wurde. Tausende von Libanesen forderten den Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon. Einige Monate später wurde der Journalist und Abgeordente durch eine Autobombe getötet. Der "Märtyrer Tueni" ist geboren.

Das Wahlprogramm seiner Tochter Nayla umfasst 48 Punkte, so viel wie die Lebensjahre ihres Vaters: "Ich glaube an die Souveränität, an die Freiheit und an die Unabhängigkeit. Ich werde sie verteidigen, die Sache verteidigen, für die Gebran Tueni zum Märtyrer geworden ist, das Blut, das er vergossen hat, seine Liebe zu diesem Land."

Zitate und Bilder

Dieses Wahlplakat hängt am Haus der Kataeb im Zentrum Beiruts

Pierre Gemayel ist der Sohn des Politikers Amin Gemayel, der im November 2006 ermordet wurde

Das Beispiel von Gebran Tueni ist nur eines von vielen. Auf dem roten Wahlplakat mit dem Bild des jungen Kandidaten der christlichen Phalange Partei sieht Nadim Gemayel seinem Vater Bashir zum Verwechseln ähnlich. Auch in seinen Ansprachen spielt er mit dem Wiedererkennungseffekt und integriert Ausschnitte aus bekannten Reden Bashirs. Der umstrittene Milizenchef und Staatspräsident Bashir Gemayel war 1982 nach wenigen Wochen im Amt einem Attentat zum Opfer gefallen.

Als Saad Hariri unter tosendem Applaus vor seine Anhängern tritt, um das Programm der Zukunfts-Bewegung vorzustellen, sind die ersten Minuten seinem Vater vorbehalten, dem ehemaligen Ministerpräsidenten und Milliardär Rafik al-Hariri. Die ersten Seiten des Wahlprogramms skizzieren die politische Vision des Vaters. Auf den Wahlplakaten erscheinen Vater und Sohn oft als zusammen.

Schwere Bürde der junge Generation

Libanon

Militärisch und politisch spielt Michel Aoun seit 20 Jahren eine wichtige Rolle

Wie in keinem Wahlkampf zuvor wird die diesjähige Wahl zum libanesischen Parlament von "Märtyrern" dominiert. Gemayel, Tueni und Hariri Junior tragen ein schweres Erbe. So sehr sie sich bemühen, über diverse Anleihen von der älteren Generation ihr politisches Profil zu schärfen, so erscheinen sie doch nur wie blasse Schatten ihrer charismatischen Väter.

Die jungen Politiker gehören zu der Bewegung des 14. März, eines der beiden politischen Hauptkräfte im Zedernstaat. Die Allianz dieser sunnitischen und christlichen Kräfte, zu der auch die Drusen unter Führung von Walid Jumblat gehören, wird symbolisch über Gruppenfotos von Getöteten vermittelt. Trotz ihrer politischen Divergenz sollen sie zusammen für die Slogans des 14.März stehen: Souveränität, Unabhängigkeit und ein handlungsfähiger Staat.

Jihad Nammour, Professor an der Universität Saint Joseph in Beirut sieht darin eine neue Entwicklung: "Wir haben keinen politischen Diskurs mehr außerhalb des Martyriums. Das ist neu. Als ob die wachsende Rolle der Märtyrer mit dem Mangel an politischen Inhalten einhergeht. Wir haben ein Feilschen um Wahllisten, aber keine Auseinandersetzung um Themen."

"Ein Pantheon an Märtyrern" nennt Nammour die Versammlung getöteter Politiker. Er stellt fest, dass es dort "sehr libanesisch" zugeht: "Es basiert auf der Idee der Allianzen in einer multikonfessionellen Gesellschaft. Damit die einzelnen Märtyrer halbwegs von den anderen mitgetragen werden können, werden bestimmte Dinge aus dem Leben der getöteten Männer ausgeblendet." Das beste Beispiel seien Bashir Gemayel und Kamal Jumblat. "Es läuft nach dem Prinzip: Wenn wir euren Märtyrer akzeptieren, dann akzeptiert ihr unseren", sagt Namour.

Märytererkult bei der "Partei Gottes"

Auch der Generalsekretär der "Partei Gottes", Hassan Nasrallah, führt Wahlkampf. Er feiert an diesem Abend die "Märtyrer" seiner Partei. Es sind Männer, die in den vergangenen Jahrzehnten im Kampf gegen Israel gefallen sind. Im Gegensatz zu anderen politischen Kräften im Libanon gehören der Widerstand gegen den israelischen Feind und das Martyrium zu den ideologischen Eckpunkten der Partei.

Das schlägt sich auch unmißverständlich im Wahlprogramm und in den Wahlslogans nieder. "Leiste Widerstand mit deiner Stimme", werden die Wähler auf unzähligen riesigen gelben Plakaten aufgerufen. Das Wahlprogramm der Hisbollah endet mit dem Versprechen, den ehemaligen Generalsekretären der Hisbollah, Raghib Harb, Abbas Musawi und dem Militärchef Imad Mughniyya, die Treue zu halten. Alle sind eines gewaltsamen Todes gestorben.

Gefühle von Schuld und Dankbarkeit

Libanon

Das Grab von Rafik Hariri am Märtyrerplatz in Beirut

Ali Fayyad ist der ehemaliger Direktor des Zentrums für Studien und Dokumentation, dem "Think Tank" der Hisbollah. Nachdem er seine Kandidatur für den schiitischen Sitz im Wahlkreis Marjuyun-Hasbaya bekannt gegeben hat, besucht er die Gräber Musawis und Mughniyyas: "Ich stamme aus einer Gegend, die 22 Jahre lang von Israel besetzt war, von 1978 bis 2000. Die Männer, die zu Märtyreren geworden sind, haben ihr Leben dafür geopfert, dass ich wieder in mein Zuhause zurückkehren konnte." Nach der Überzeugung von Fayyad starben die Märtyrer auch dafür, dass der Libanon außerhalb der amerikanischen Einflusssphäre bleibe und auch weiterhin Israel die Stirn biete.

Opfer des Krieges

In den Jahren von 1975 bis 1990 wurden im libanesischen Bürgerkrieg 150.000 Menschen getötet, die meisten davon Zivilisten. Der Politologe Jihad Nammour warnt allerdings davor, eine Verbindung zwischen dem Märtyrerkult der Gegenwart und der Trauer um die Toten von damals herzustellen: "Fast jede Familie hat ein Opfer zu beklagen. Alle Parteien und Milizen waren direkt oder indirekt verstrickt und haben Menschen auf dem Gewissen, außer Hariri, der erst nach Kriegsende auf die Bühne trat. Man kann nicht den Führer einer Miliz oder Partei von dem Rest seiner Leute trennen." Nammour glaubt, dass der Libanon eigentlich denkbar ungeeignet für diesen Märtyrerkult sei. "Aber was wir hier erleben, zeigt die Macht der politischen Führer im Land. Sie schaffen neue Dinge und verwandeln sie so, wie es ihnen passt. Sie haben die Macht über die Symbole."

Autor: Monika Naggar
Redaktion: Stephanie Gebert

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