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Politik & Gesellschaft

Mit Kopftuch wenig Jobchancen

Sie sind jung, gebildet und bedeckt. Weil sie das Kopftuch tragen, haben muslimische Frauen jedoch oft Schwierigkeiten einen Job zu finden. Auch die Aufstiegschancen sind gering. Eine Jobbörse für Muslime soll helfen.

Muslima mit Kopftuch in Berlin. #25609112 Fotolia/Mumpitz

Muslimische Frauen mit Kopftuch fühlen sich in Deutschland vielfach benachteiligt, wenn es um den Zugang zum Arbeitmarkt geht. Die Geschichte von Gül Duman ist eine von vielen. Die 35-jährige Mutter von zwei Kindern ist in Köln geboren und aufgewachsen. Sie hat die Fachhochschulreife gemacht und eine Ausbildung zur Erzieherin erfolgreich abgeschlossen. Ihr Deutsch ist perfekt. Eigentlich hat Gül Duman ideale Vorraussetzungen um eine Anstellung in ihrem Beruf zu bekommen. Doch die junge Frau hat sich für das Tragen des Kopftuches entschieden. Sie hat viele Bewerbungen geschrieben. Die waren zunächst jedoch ohne Erfolg. Als dann die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch kam, schöpfte Gül Duman wieder Hoffnung. "Alles verlief positiv. Dann aber fragte mich der Chef, ob ich bereit wäre, das Kopftuch abzulegen.“ Die junge Frau lehnte ab. Das Tragen des Tuches ist für die gläubige Muslima sehr wichtig. Und somit war das Bewerbungsgespräch nicht mit Erfolg gekrönt.

2 Frauen vorm PC Foto: Matilda Jordanova-Duda für DW, Aufnahmeort: Köln, Aufnahmedatum: August 2011

Kopftuch im Beruf oft ein Problem

Kopftuch mindert Aufstiegschancen

Die Religionsfreiheit ist in Deutschland gesetzlich verankert. Niemand darf wegen seiner Religion oder Weltanschauung benachteiligt werden. Für Kopftuchträgerinnen in Deutschland aber sieht die Wirklichkeit anders aus. Zahlreiche Fälle weisen darauf hin, dass bedeckte Muslimas deutlich weniger berufliche Chancen haben. Das betrifft vor allem Bereiche, in denen Jobs mit guter Qualifizierung zu besetzen sind. Als Lehrerin einer Fortbildungseinrichtung für muslimische Frauen, bekommt Wiltrud Meyer regelmäßig Fälle von Diskriminierung mit.

So hat zum Beispiel eine ihrer Schülerinnen sechs Monate lang in einem Discounter gearbeitet. Ein Job im Niedriglohnbereich. Aufgrund ihrer guten Arbeitsleistungen wollte man die junge Frau befördern. "Ihr Chef hat ihr die Übernahme in ein festes Arbeitverhältnis angeboten, mit besserer Bezahlung und sozialer Absicherung. Doch der Aufstieg war an die Bedingung geknüpft, nun das Kopftuch abzulegen“, sagt Wiltrud Meyer.

Jobbörse für Muslime soll Chancen erhöhen

Vielfach beginnen die Schwierigkeiten schon während der Bewerbungsphase. Unterlagen mit Foto schmälern die Chancen für Kopftuchträgerinnen, zügig einen Job zu bekommen. Vor allem dann, wenn die Tätigkeit mit Kundenkontakt verbunden ist. Imen Jemili und Ramzi Brini, beide Akademiker, haben Geschichten wie diese zum Anlass genommen, im April 2010 eine Jobbörse für Muslime im Internet anzubieten. Auf dem Portal können Arbeit suchende Muslime selbst inserieren und nach Unternehmen suchen, die bedeckte Frauen einstellen. Arbeitgeber haben Zugriff auf Personal, das eine gewisse Kultursensiblität mitbringt.

Screenshot der Webseite muslimjobs.de Foto: DW/ Ulrike Hummel 24.10.2011 Wo wurde das Bild aufgenommen?: Bildbeschreibung: Hauptseite einer Jobbörse für Muslime

Screenshot der Webseite muslimjobs.de

Beruf und Religion nicht vereinbar

Die Religion zu praktizieren, bedeutet für einen Teil der muslimischen Frauen, das Kopftuch auch während der Arbeit zu tragen. Auch das regelmäßige Beten ist für praktizierende Muslime oft eine Herausforderung bei der Suche nach einem geeigneten Arbeitgeber. Denn nicht alle Vorgesetzten haben Verständnis dafür, dass die Arbeit wegen des Gebets unterbrochen wird. Kurz nach seinem Studium erhielt Ramzi Brini ein Job-Angebot als Informatiker bei einer großen deutschen Bank. Es war eine Festanstellung mit sehr guten Verdienstmöglichkeiten. Doch eine Software für Zinsen zu entwickeln, das konnte der 28-Jährige nicht mit seinen religiösen Überzeugungen vereinbaren.

Trotz der vielfältigen Schwierigkeiten, moderne Arbeitswelt und Religionsausübung in Einklang zu bringen, ist die Kopfbedeckung muslimischer Frauen das entscheidende Kriterium der Diskriminierung am Arbeitsmarkt. Das Jobportal für Muslime wertet John Mukiibi vom Kölner Antidiskriminierungsbüro "Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V.“, daher als Reaktion auf Ungleichbehandlung. „Aus unserer Beratungspraxis zeigt sich, dass das Tragen eines Kopftuches dazu führen kann, dass Frauen einen Job nicht bekommen. Das belegen auch verschiedene Studien.“ Muslimjobs.de, so der Name der Webseite, sei in erster Linie als Reaktion auf die Benachteiligung am Arbeitsmarkt zu werten. "Betroffene versuchen dann mit den eigenen Ressourcen und Netzwerken Möglichkeiten zu schaffen, erwerbstätig zu werden“, sagt John Mukiibi.

John Mukiibi Fotograf: DW/ Ulrike Hummel 25.10.2011 Wo wurde das Bild aufgenommen?: Antidiskriminierungsbüro „Öffentlichkeit gegen Gewalt“, Köln Bildbeschreibung: John Mukiibi, Mitarbeiter der Kölner Antidiskriminierungsstelle „Öffentlichkeit gegen Gewalt e.V.“ Ulrike Hummel Postanschrift inkl. Land: Zülpicher Wall 36, 50674 Köln Mail-Adresse: ulihummel@web.de

John Mukiibi, Antidiskriminierungsbüro Köln

Akzeptanz und Respekt gefordert

Facebook-Einträge oder Kommentare von Bloggerinnen machen deutlich, dass vor allem Kopftuchträgerinnen das Jobportal begrüßen. Dennoch gibt es auch kritische Stimmen. Gül Duman, die inzwischen eine Festanstellung, ohne die Hilfe von Muslimjobs.de als Erzieherin hat, befürchtet klare Abgrenzungstendenzen. Ihr Wunsch ist es außerdem, von allen Mitgliedern der Gesellschaft akzeptiert zu werden, so wie sie ist. "Ich finde die Gemeinschaft sehr wichtig, damit sich Muslime und Nicht-Muslime öffnen können, sich gegenseitig akzeptieren und respektieren“, sagt Gül Duman. Nur von muslimischen Arbeitgebern angenommen und respektiert zu werden, sei ihr zu wenig und löse nicht das Problem.

Autorin: Ulrike Hummel

Redaktion: Christina Beyert