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Deutschland

Mit Hiphop-Songs zum Organspenderausweis

Die Mehrheit der Deutschen findet Transplantationen gut, füllt aber keinen Spenderausweis aus. Eine Aktion an Schulen soll die Beschäftigung mit dem Thema anregen.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr hat den Organspenderausweis immer dabei

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr hat den Organspenderausweis immer dabei

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr zeigt seinen Organspendeausweis gerne. Er habe ihn schon lange, sagt er mit ernster Miene, "nicht erst seit ich Gesundheitsminister bin". Das Thema ist ihm wichtig und das ist nicht verwunderlich. 12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan und laut Statistik stirbt alle acht Stunden ein Mensch, der mit einem Transplantat vielleicht noch eine Überlebenschance gehabt hätte.

Angesichts dieser Situation ist der Minister gerne zur Präsentation einer Informations-DVD gekommen, die eine große deutsche Krankenkasse zusammen mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) hergestellt hat. Sie soll Schüler ab der 9. Klasse für das Thema sensibilisieren. "Wir wollen keinen Zwang ausüben, aber wir wollen überzeugen, dass es sich lohnt. Und es wichtig ist, sich mit der Frage der Organspende auseinanderzusetzen", betont Bahr und meint, dass man damit gar nicht früh genug anfangen könne.

Coole Songs für mehr Spendenbereitschaft

Die DVD ist nett gemacht. Der Hauptfilm dauert gut 20 Minuten und wird von zwei jungen Musikern moderiert. Die Sängerin Nele und der Rapper Bo Flower haben auch Songs zur Thematik beigesteuert. "Ich schenk´ dir mein Herz" klingt da auf einmal ganz anders. "Die Jugendlichen wollen sachliche Ansprache zusammen mit einer emotionalen Komponente", ist Elisabeth Pott, die Direktorin der BzGA überzeugt und die DVD ist wohl deswegen überaus gefühlig geworden. In dem Film erscheint der Gerettete im Gespräch mit Schülern: "Ich bin hier als Opfer, ich lebe seit drei Jahren mit einem fremden Herzen." Die Angehörigen eines Verstorbenen kommen zu Wort, die ganz glücklich mit der Entscheidung sind die Organe frei gegeben zu haben.

Die Schüler erfahren, dass sie sich in Deutschland schon mit 14 Jahren gegen die Organspende aussprechen und mit 16 dafür entscheiden können. Sie erfahren, dass nur solche als Spender in Frage kommen, bei denen der Hirntod festgestellt worden ist und was damit gemeint ist. Die Macher der DVD betonen, dass alles ganz neutral dargelegt wird. Aber mit mehr oder weniger subtilen Mittel wird den jugendlichen Zuschauern doch eher nahegelegt, sich einen Spenderausweis zu besorgen.

EU-Richtlinie und neues Tranplantationsgesetz

In der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Jena wird am Donnerstag (15.11.2007) bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. Jährlich werden in Jena etwa 80 Nieren transplantiert. Nierentransplanteure aus ganz Deutschland treffen sich vom 15. bis 17. November in Jena zu einem Workshop, um aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet des Organersatzes bei Nierenerkrankungen zu diskutieren und die derzeit möglichen Verfahren der Organspende vorzustellen. Parallel zu dem Workshop findet zudem die 15. Jahrestagung des Arbeitskreises Nierentransplantation der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Jena statt. Foto: Jan-Peter Kasper +++(c) dpa - Report+++

Tausende warten in Deutschland auf eine Organspende

Die Informationsoffensive hat zwei Gründe jenseits des medizinischen Bedarfs an Spenderorganen. Zum einen ist es der Wunsch, dass sich die Deutschen, die sich in ihrer Mehrheit in Umfragen positiv zur Organspende äußern, endlich aufraffen, sich auch mehrheitlich zur Organspende bereit zu erklären. Zum anderen hängt sie zusammen mit einer anstehenden Novellierung des deutschen Transplantationsgesetzes, die durch eine EU-Richtlinie zur Organverpflanzung notwendig geworden ist. Hier favorisiert Bundesgesundheitsminister Bahr eine Regelung, bei der die Krankenkassen aktiv auf die Bürger zu gehen, um deren Einwilligung zu bekommen. Es gilt Ängste und Vorbehalte abzubauen. Die sind immer noch weit verbreitet. Die DVD geht auf einige ein: Die Angst, es könnte einen mafiösen Organhandel geben, oder die Ärzte würden vorschnell Organe entnehmen. Dem stellt das Unterrichtsmaterial ein klares ”Nein" entgegen.

Offene Fragen zum Hirntodkonzept

Allerdings hört die Diskussion damit nicht auf. Eine der spannendsten Fragen in Zusammenhang mit der Transplantationstechnik taucht in der DVD überhaupt nicht auf. Rein rechtlich gilt ein Mensch, bei dem der Hirntod festgestellt worden ist als tot. Das ist die Vorraussetzung dafür, dass überhaupt Organe entnommen werden dürfen, weil die laut Gesetz von Verstorbenen stammen müssen. 

Aber darf man Hirntod und den Tod eines Menschen gleich setzen? Die meisten Mediziner würden dem zustimmen. "Der Hirntod ist unumkehrbar und ohne intensivmedizinische Unterstützung würde auch der Rest des Körpers Stück für Stück aufhören zu funktionieren", sagt Stephan Brandt. Für den stellvertretenden Klinikdirektor in der Neurologie an der Charité am Standort Berlin Mitte ist das Konzept des Hirntodes schlüssig: "Es findet auch keine Interaktion mehr mit der Umwelt statt, jedenfalls nicht so, wie wir es mit dem Begriff des Lebens verbinden." Aber selbst bei dieser aus medizinischer Sicht recht eindeutigen Sachlage, stellt Brandt fest, dass "sich der Todesbegriff auch aus ethischen, theologischen und gesellschaftlichen Perspektiven betrachten lässt." Kritiker des Konzepts irritiert: der hirntote Körper ist noch warm, Zellen teilen sich.

Für den Philosophen Ralf Stoecker – er hat den Lehrstuhl für angewandte Ethik an der Universität Potsdam inne – liegt die Antwort der Frage nicht in einem klaren "lebt" oder "ist tot". "Da liegt ein Zustand vor, der weder unserem gewachsenen Verständnis vom Tod oder aber vom Leben entspricht." Demnach ist der Hirntote mit dem am Funktionieren gehaltenen Körper jemand, der in der einen Hinsicht lebt, in der anderen tot ist. "Wir haben es hier möglicherweise mit einem weiteren Zustand zu tun, bei dem wir klären müssen, wie wir mit ihm umgehen", gibt der Ethiker zu bedenken.

In Deutschland nimmt die Diskussion über die Organspende zu und es könnte durchaus sein, dass sie intensiver werden könnte, als Krankenkassen und Gesundheitspolitiker erwarten.

Autor: Heiner Kiesel
Redaktion: Marcel Fürstenau