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Wirtschaft

Mit Helm und Hacke in die USA

Deutsche Arbeiter müssen mobiler werden, lautet die jüngste Forderung der Bundesregierung im Kampf gegen Arbeitslosigkeit. Sechs Bergarbeiter im Ruhrgebiet nahmen den Aufruf ernst: Sie heuerten bei Minen in den USA an.

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Stehen vor einer ungewissen Zukunft: Deutschlands Bergarbeiter

Andreas Willrodt arbeitet in einem Bergwerk im Ruhrgebiet. Sein gesamtes Leben hat er in der Region verbracht. Er und sein Bruder gehören zur dritten Generation der Familie Willrodt, die bis heute ihren Lebensunterhalt unter Tage verdient. Der Vater war Minenarbeiter, der Großvater auch. Doch Andreas Willrodts Generation wird wahrscheinlich die letzte sein.

Mit dem Bergbau geht's bergab

Denn der Bergbau in Deutschland ist eine sterbende Industrie. Die Branche beschäftigt hierzulande zwar noch 47.000 Menschen, am Leben gehalten wird sie jedoch nur noch durch jährliche staatliche Subventionen in Höhe von drei Milliarden Euro. Doch die Subventionen für den Bergbau sind nur noch für einige Jahre gesichert. Eine langfristige Perspektive gibt es nicht. Allein in den nächsten fünf Jahren müssen zwei der zehn noch betriebenen Kohlegruben geschlossen werden. 12.000 Menschen werden dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren.

Willrodt hat sich deshalb entschlossen den sinkenden Kohle-Dampfer zu verlassen, bevor es zu spät ist. Jetzt ist er einer der ersten Teilnehmer an einem Programm des Essener Industriekonzerns RAG, das Bergarbeitern bei der Umsiedlung in die USA hilft. Schon bald wird er gemeinsam mit vier weiteren Kumpels Picke, Schaufel und Helm einpacken und auswandern.

"The American Dream"

"Diese einmalige Chance werde ich auf jeden Fall ergreifen", sagt Willrodt," und irgendwann möchte ich auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen." Er ist einer von mehr als hundert Programm-Teilnehmern der RAG. Viele seiner Kollegen stehen auswanderungsbereit auf einer Warteliste des Konzerns. Sobald eine Stelle in den USA frei wird, wollen sie gehen.

"Ich glaube, einige fühlen sich stark angezogen von der Idee des 'Amerikanischen Traums'", erklärt RAG-Sprecher Wolfgang Unterkötter die große Resonanz auf das Angebot des Unternehmens.

Grundlegende Voraussetzungen

Unterkötter zufolge werden wahrscheinlich Dutzende deutscher Bergarbeiter ihren Kumpels folgen. Bewerber müssten Englischkenntnisse vorweisen, über die nötige Berufserfahrung verfügen und - natürlich – bereit sein, die Heimat zu verlassen.

Der 20-jährige Steffen Scholand wird in vier bis sechs Wochen in die Berge von West Virginia ziehen. Er gesteht: "Ich werde das Ruhr-Gebiet vermissen." Trotzdem wird er sein Glück in der Ferne suchen - schließlich ist er noch jung, ledig und ehrgeizig.

Mobilität und Flexibilität

Michael Kinzer vom Essener Arbeitsamt begrüßt die Tatkraft und Mobilität dieser Minenarbeiter. Seiner Meinung nach könnten sie ein Beispiel für andere sein. "Wir brauchen heutzutage Menschen, die flexibel und mobil sind und ich glaube, das RAG-Projekt zeigt, was der Einzelne unter Umständen zu tun bereit sein muss, um eine sichere Arbeit zu finden", sagt Kinzer und fügt hinzu: "Auch wenn das vielleicht ein extremes Beispiel ist."

Höhere Mobilität von deutschen Arbeitslosen forderte Ende Juni bereits die Hartz-Kommission. Zusammen mit weiteren Reformen auf dem Arbeitsmarkt könne so die Arbeitslosigkeit in Deutschland um die Hälfte gesenkt werden, meinte ihr Vorsitzender, der Personalleiter des Volkswagen-Konzerns, Peter Hartz.

Zahlreiche Politiker und selbst die Gewerkschaften befürworten die geplanten Maßnahmen. Kritiker melden sich dagegen nur wenige zu Wort. Für Andreas Willrodt kommen die geplanten Reformen des deutschen Arbeitsmarktes zu spät. Der 40-Jährige hat sein Motorrad bereits für die Verschiffung in die USA präpariert. "Amerika, das ist meine Chance", sagt er.