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Politik

Mit Gottes Segen ins Weiße Haus

In den USA sind, im Gegensatz zu Deutschland, Staat und Religion nicht so leicht zu trennen. Wie sich US-Präsidentschaftskandidaten bei religiösen Themen profilieren und warum das in Deutschland nicht nötig ist.

George Bush mit dem Papst (AP Photo)

Religion ist aus der US-Politik nicht wegzudenken

Präsident George W. Bush hatte seine Wahl zum Präsidenten zu einem großen Teil der religiösen Rechten zu verdanken. Barack Obama hat sich von seiner Gemeinde getrennt, weil die Äußerungen seines Pastors ihn politisch in Schwierigkeiten gebracht hatten. Auf seiner Webseite lässt der demokratische Präsidentschaftskandidat daher klarstellen: Obama war nie ein Muslim, er ist ein engagierter Christ.

Roger Friedland, Soziologe und Religionswissenschaftler an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara erklärt, dass ein Atheist in den USA in kein politisches Amt gewählt werden würde: "Die Menschen glauben nicht, dass eine Person anständig, also moralisch gut sein kann, wenn sie oder er nicht an Gott glaubt".

Wenn der US-amerikanische Präsident eine wichtige Rede hält oder sich an das Volk wendet, beendet er seine Ansprache mit "Gott schütze Amerika" oder "Gott schütze Euch". Und dabei spielt es keine Rolle, ob der Präsident der republikanischen oder der demokratischen Partei angehört. Auch die Religionszugehörigkeit der Bürger sei nicht entscheidend, so Friedland. Die Trennung von Kirche und Staat funktioniere lediglich in folgendem Sinne: Niemand werde wegen seiner Religionszugehörigkeit ausgeschlossen.

Die Kirche entscheidet an der Wahlurne mit

Barack Obama und Pastor Jeremiah Wright im Jahre 2005 (AP Pfoto)

Obama musste sich auf Druck der Öffentlichkeit von der Gemeinde seines langjährigen Mentors Wright trennen

Religiöse Gruppen können demnach großen Einfluss auf die Politik ausüben, wie die Hilfe der evangelikalen Rechten zu Bushs Wahlsieg gezeigt hatte. Auch bei der kommenden Wahl werden ihre Stimmen wichtig sein, sagt der Politologe Josef Braml von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Denn wenn der Republikaner John McCain bei der Wahl des Vize-Präsidentschaftskandidaten auf die Interessen der Evangelikalen Rücksicht nimmt, dann kann er auf ihre Stimmen zählen.

Obama, dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, ist es bisher ganz gut gelungen, den religiösen Rechten möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Als die aufputschenden Auslassungen seines Pfarrers Jeremiah Wright für ihn politisch nicht mehr tragbar waren, trat Obama aus seiner Gemeinde aus.

Pr. Friedland und Dr. Braml im Gespräch (Foto DW)

zwei Experten unter sich: Roger Friedland und Josef Braml

Braml ist der Ansicht, dass auf Seiten der Demokraten "so etwas wie eine religiöse Linke" entstehe und Obama in der Lage sei, liberalere, moderatere Protestanten anzusprechen. In Hinsicht auf die Katholiken, insbesondere die mehrheitlich katholischen Latino-Wähler, hält Braml das Feld für noch nicht entschieden, aber er räumt Obama gute Karten ein.

Auch bei den Kongresswahlen ist die politische Kraft der christlich Rechten nicht zu unterschätzen. "Wir dürfen nicht vergessen, dass im System der sich gegenseitig kontrollierenden Gewalten der Kongress in vielen Politikbereichen eine sehr wichtige Rolle spielt", sagt Braml.

Der Segen der Kanzlerin - undenkbar

In Deutschland sei der Einfluss der Religion auf das Wahlverhalten zwar durchaus vorhanden, sagt der Soziologe Detlef Pollack, allerdings sei er nicht so groß wie in den USA. Traditionell wählten Katholiken eher CDU/CSU, während Protestanten zur SPD tendierten. Obwohl sich dieser Gegensatz zunehmend abschwäche, könne man feststellen, dass kirchengebundene Wähler stärker zur CDU/CSU neigen als andere.

Pr. Pollack im Interview (Foto DW)

Detlef Pollack vergleicht das Wählerverhalten in den USA und Deutschland

Allgemein spiele der Glaube in Deutschland eine ganz andere Rolle als in den USA. "In Deutschland ist religiöse Zugehörigkeit und religiöses Engagement zum großen Teil etwas Konventionelles. Das macht man, weil es die Eltern oder Großeltern wollen", sagt Pollack. In den USA dagegen sei Religion selber ein Mobilisierungsfaktor, ein Faktor der Individualisierung und der Selbstverwirklichung.

Eine Bundeskanzlerin, die ihre Neujahrsansprache mit "Gott schütze Deutschland" beendet, bleibt daher weiterhin nur schwer vorstellbar. Auch das Phänomen einer religiösen Rechten, die ihre Werte in der Politik umgesetzt sehen will, sei in Deutschland nicht in Sicht. Zwar sind religiöse Gruppen durchaus zu beobachten, aber sie seien politisch nicht so stark orientiert. "Sie werden wahrscheinlich eher zu konservativen Positionen neigen, ohne dass daraus aber eine politisch handlungsfähige Gruppe wird", meint Pollack.

Glück im Unglück für Obama?

Dennoch, so betont Professor Friedland aus Kalifornien, für die USA und besonders für die kommenden Präsidentschaftswahlen gelte: Der Einfluss von Religion auf Politik ist nicht isoliert zu betrachten. Er hänge entscheidend davon ab, wie sich die Wirtschaft entwickelt:

"Wenn es der US-amerikanischen Wirtschaft gut geht, können moralische Werte und Religion eine große Rolle spielen. Wenn es mit der Wirtschaft aber abwärts geht, und danach sieht es aus, dann wird das viele Wähler in das demokratische Lager treiben."


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