1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sport

Mit Glück und Manuel Neuer

Das wäre beinahe schief gegangen: Dank eines Hackentricks von Schürrle und Neuers Glanztaten stolpert die deutsche Mannschaft ins Viertelfinale - und war dem Ausscheiden doch ganz nah.

Sein Blick wirkt wütend. Die Stirn liegt in tiefen Falten. Es sind gerade einmal 20 Minuten gespielt und Bundestrainer Löw steht fassungslos da. Er spürt, dass seine Mannschaft schwimmt. Der WM-Mitfavorit Deutschland wird gerade vom Außenseiter Algerien an die Wand gespielt. Längst ist Löw von der Bank aufgestanden und an den äußersten Rand seiner Coachingzone geeilt. Von dort aus beobachtet er das Spiel seiner Mannschaft, das bisher eigentlich gar nicht stattfindet. Die pure Verunsicherung im Spielaufbau, eine Fehlpassorgie im Mittelfeld, dicke Schnitzer in der Abwehr - die deutsche Mannschaft steht völlig neben sich. Viel deutet in diesem Moment darauf hin, dass die Mission WM-Titel schon an diesem Abend für die deutsche Elf enden wird. Dass es am Ende eines 120-minütigen Spiels auf Messers Schneide doch noch zu einem 2:1-Sieg reichte, hat zwei Gründe: Glück und Manuel Neuer.

Ein Beispiel: In der 9. Spielminute reichte ein langer Ball, um die gesamte deutsche Viererkette zu überspielen und den Algerier Islam Slimani frei vor Neuer auftauchen zu lassen. Neuer schlüpfte in die Rolle des Liberos und rettete für die entblößte Abwehr mit einer gut getimten Grätsche. Ein riskantes Manöver, das ihm auch die Rote Karte hätte einbringen können, wäre er einen Tick später gekommen. Doch es geht gerade nochmal gut, Neuer bewahrt Deutschland vor einem Rückstand. Das Erstaunliche dieser Szene ist: Sie wiederholt sich an diesem Abend noch drei weitere Male. In der 28., 71. und 88. Minute wurde Manuel Neuer erneut zur Lebensversicherung der Nationalmannschaft. Und zwar nicht durch Paraden, die eigentlich zur Aufgabenbeschreibung eines Torhüters gehören, sondern durch ebensolche Abwehraktionen außerhalb seines Sechzehnmeterraumes.

Neuers Rettungstaten: Genial, aber hochriskant

Verletzter Mustafi bei WM-Achtelfinale Algerien Deutschland

WM-Aus: Muskelfaserriss bei Mustafi

Man kann nun das Loblied auf Neuer anstimmen, den Phänotypen des modernen, mitspielenden Torhüters, der den Libero ersetzt und dem Spiel nach vorne so mehr Gestaltungsfreiheiten lässt. Doch bei allem Beifall für Neuer gerät eines schnell außer Acht: Mit so einem Defensivverhalten spielt man Vabanque. Bei seinen Abwehraktionen musste Neuer ein hohes Risiko eingehen - zu hoch in einem K.O.-Rundenspiel. Eine dermaßen hoch stehende und durch lange Bälle leicht zu überrumpelnde Abwehrreihe ist für eine Mannschaft mit effizienteren Angreifern als Algerien ein gefundenes Fressen. "Wir haben uns in der ersten Halbzeit sehr schwer getan und zu viele Bälle verloren", musste Bundestrainer Joachim Löw nach der Partie eingestehen.

Die Anfälligkeit bei langen Bällen war aber nicht das einzige Problem im deutschen Defensivverbund. Die Außenverteidiger, die eigentlich keine sind, stießen wieder einmal an ihre Grenzen. Shkodran Mustafi und Benedikt Höwedes ließen auf den Außenbahnen gefährliche Lücken und waren im Spiel nach vorne nahezu wirkungslos. Zu allem Überfluss zog sich Mustafi nach einer guten Stunde auch noch einen Muskelfaserriss zu. Für ihn ist seine erste WM ziemlich sicher vorbei.

Schürrle brachte neuen Schwung

Ihre Vorderleute machten es den Verteidigern auch unnötig schwer. Reihenweise verstolperten die technisch so beschlagenen Mittelfeldspieler einfache Bälle, spielten Pässe perfekt in den Fuß des Gegners oder liefen dem Zuspiel des Mitspielers einfach nicht entgegen. In den ersten 45 Minuten wirkte das deutsche Mittelfeld, als habe es noch nie zusammen gespielt. Stattdessen sahen die 43.000 Zuschauer in Porto Alegre eine Halbzeit mit den besseren Torchancen für Algeriens Team, das hinten kompakt stand und vorne mit schnellen Kontern gefährlich blieb. Einzig Schlussmann Rais M'Bolhi zeigte Schwächen auf der Linie, die er jedoch im zweiten Durchgang weitgehend abstellen konnte.

Dies galt zu Beginn der zweiten Hälfte auch für die Fehler im deutschen Spiel. Die DFB-Elf kam verbessert aus der Kabine und profitierte enorm von der Einwechslung André Schürrles, der auf der rechten Offensivseite den gewünschten Druck erzeugen konnte. Auf der anderen Außenbahn blieb der allerdings aus. Mesut Özil erwischte dort einen rabenschwarzen Tag. Nachdem er sich in der Vorrunde langsam gesteigert hatte, gelang ihm gegen Algerien praktisch nichts. Fast über das gesamte Spiel hinweg blieb er klar unter seinen Möglichkeiten und verlor zahlreiche Bälle.

"Sieg des Willens"

Doch nach anfänglichem Schwung verflachte das Spiel der deutschen Mannschaft in der zweiten Hälfte wieder zusehends. 90 torlose Minuten waren schließlich vorbei, es ging in die Verlängerung. In der spielte die Mannschaft von Joachim Löw vor allem ihre bessere Physis gegenüber den Algeriern aus und profitierte von einem genialen Moment von André Schürrle. Nachdem sich Thomas Müller auf der linken Seite energisch durchgesetzt hatte, passte er den Ball präzise zum Angreifer des FC Chelsea, der per Hacke das 1:0 erzielte (92.). Ein Tor, das so schön und filigran überhaupt nicht zu diesem Spiel passen wollte. "Da war etwas Glück dabei, aber ich wollte den Ball aufs Tor schießen", sagte Schürrle später und wollte dieses Spiel anschließend schnell hinter sich lassen: "Aber das ist jetzt egal, wir sind im Viertelfinale."

Özil im WM-Achtelfinale Algerien Deutschland

Özil zieht ab - der Schütze zum 2:0.

Dafür sorgte schließlich ausgerechnet Mesut Özil mit seiner ersten gelungenen Aktion des Abends: Als Algerien eine Minute vor dem Ende die Abwehr längst aufgemachte hatte, nutzte der Regisseur des FC Arsenal einen Abpraller zu einem Abstaubertor - 2:0, die Entscheidung. Denn auch ein Gegentor durch Abdelmoumene Djabou in der 121. Minute änderte nichts mehr am deutschen Sieg. Bundestrainer Löw sprach danach von einem "Sieg des Willens" und sparte an Kritik an seiner Elf. Dabei fehlte an diesem Abend nicht viel, und es wäre sein letzter als Bundestrainer gewesen.