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Sport

Mit Gelassenheit zur Titelverteidigung

Gerald Ciolek will erneut den Klassiker Mailand-San Remo gewinnen. Dabei fährt er für ein besonderes Team. Die Radprofis von MTN Qhubeka sind auch Botschafter eines afrikanischen Entwicklungshilfeprojektes.

Das

südafrikanische Radsport-Team MTN Qhubeka

ist anders als die anderen, nicht nur wegen der Farbgebung der gelben Trikots, die den Sand und die Sonne der afrikanischen Wüste aufnehmen und auf die Straßen Europas, Asiens und Amerikas tragen. Die Mannschaft macht auch einen sehr bodenständigen Eindruck. Das mag daran liegen, dass die Fahrer Botschafter eines Entwicklungshilfeprojekts in Afrika sind und dadurch in engem Kontakt mit härteren Lebensrealitäten stehen, als der Welt des Profiradsports. Und während sich viele Arbeitskollegen aus anderen Teams beispielsweise über die kurzfristigen Kursänderungen beim Klassiker Mailand-San Remo mokierten, nahm das Gerald Ciolek, der Star der südafrikanischen Mannschaft und

Titelverteidiger

bei der Classicissima, völlig gelassen hin.

Der deutsche Radprofi hatte sich zu keiner Zeit davon abschrecken lassen, dass die italienischen Organisatoren in diesem Jahr eigentlich einen neuen Hügel, die Pompeiana, in die Rennstrecke von Mailand-San Remo hatten einführen wollen. Er plante seine Teilnahme an dem Frühjahrsklassiker weiter, obwohl sich die meisten Sprinterkollegen chancenlos sahen und woanders an den Start gehen wollten. Nach der Entscheidung der Organisatoren, doch auf die Pompeiana zu verzichten, warfen André Greipel, Mark Cavendish & Co. ihre Pläne wieder um, stornierten ihre Flüge und veränderten erneut mühevoll ihr Trainingsprogramm. Ciolek dagegen konnte seinen Weg einfach fortsetzen. Das sei durchaus ein Vorteil für das Projekt Titelverteidigung, findet Cioleks sportlicher Leiter Jens Zemke. "Wir haben jetzt nicht geweint, dass der Berg wegfällt, und ebenfalls der Le Manie. Von daher wird das Rennen mehr für die Sprinter. Das kommt uns entgegen."

MTN-Qhubeka-Radprofi Gerald Ciolek bei der Siegerehrung von Mailand-San Remo 2013 (Foto: Getty Images)

Der stolze Sieger von Mailand San Remo 2013: MTN-Qhubeka-Radprofi Gerald Ciolek

Geerdet vom Alltag in Afrika

Ciolek selbst nahm die Änderungen völlig stoisch hin: "Ich denke, das Rennen ist jetzt wieder so, wie es 2007 war. Ich mag es eigentlich so. Aber im Endeffekt ist es ein Rennen, bei dem man trotzdem jedes Jahr in Topform am Start stehen möchte, dieses sowie auch nächstes Jahr." 2015 wird es die Pompeiana, die in dieser Saison zunächst noch alle Topsprinter außer Ciolek abgeschreckt hatte, dann definitiv geben. Nun mag er schon von seinem Gemüt her kein Hektiker sein. Zusätzlich geerdet hat ihn und seine europäischen Teamkollegen und Betreuer aber auch die Lebensrealität, die mit dem Co-Sponsor Qhubeka verbunden ist.

Qhubeka ist eine Stiftung, die Geld für Fahrräder sammelt, mit denen südafrikanische Kinder zur Schule gelangen können. In den ländlichen Regionen haben sie wegen der mangelnden Infrastruktur Schulwege von bis zu zwanzig Kilometern. Zu Fuß ist ein regelmäßiger Schulbesuch da oft unmöglich. Mit dem Rad ist das eher zu schaffen. Darüberhinaus bietet ein Fahrrad der Familie vor und nach der Schule die Möglichkeit zu Minijobs, zum Beispiel zum Brot ausfahren in den Townships. Jens Zemke, der sportliche Leiter von MTN Qhubeka, steht voll hinter diesem Anliegen. "Deswegen gibt es uns. Das ist das Projekt. Dahinter steckt eine Stiftung. Und wir sind praktisch dafür da, das Projekt bekannt zu machen, damit Leute spenden, dass in Afrika möglichst viele Kinder den Weg in die Schule schaffen mit dem Fahrrad. Das erhöht natürlich auch die Bildung in Afrika."

Gänsehaut im Trainingscamp

Der sportliche Leiter des Radsportteams MTN Qhubeka, Jens Zemke (Foto: imago/Rene Schulz)

Leiter Jens Zemke von MTN Qhubeka ist zuversichtlich

Sein Team ist aber nicht nur eine rollende Werbeabteilung für einen guten Zweck. Mehrmals im Jahr gibt es Trainingscamps in Südafrika, bei denen die Stars die Alltagsräder für die Kids eigenhändig zusammenschrauben, ihnen übergeben und Erfahrungen austauschen. "Im Dezember war die ganze Mannschaft in Johannesburg zum Trainingslager. Wir haben das erste Street-Rennen da veranstaltet, im strömenden Regen, und trotzdem standen da von jedem Jahrgang zwanzig, dreißig Kinder bis zu den Erwachsenen mit diesen 24 Kilogramm-Qhubeka-Rädern. Das geht einem so unter die Haut, wenn man das live miterlebt. Da sieht man den Sport auch etwas aus einer anderen Perspektive", erzählte Zemke. Seinen Kapitän Ciolek habe diese Erfahrung motiviert. Er wisse jetzt, dass er nicht nur für sich fahre.

Ein zweiter Aspekt ist die Ausbildung von afrikanischen Radsporttalenten, eben auch solchen, die nicht wie der "weiße Kenianer" Chris Froome von eingewanderten Safari-Organisatoren abstammen, sondern aus südafrikanischen Townships oder vom Bürgerkrieg verwüsteten Staaten kommen und sich mit dem Rad eine ganz neue Welt erobern können. Diese Perspektive sei mittelfristig ausgelegt und trage bereits erste Früchte, freute sich Zemke. "Wir haben das Projekt hier vor zweieinhalb Jahren gestartet, und haben dann schon im zweiten Jahr einen Vizeweltmeister bei der U23. Wir haben bei Rennen wie hier dem Tirreno-Adriatico auch Schwarzafrikaner am Start. Man sieht schon eine sehr schnelle Entwicklung. Und ich bin mir sicher, dass wir Rennfahrer haben, die man in zwei, drei Jahren bei der Tour auf Bergetappen auch vorne sieht."

MTN-Qhubeka-Radprofi Frekalsi Debesay aus Eritrea feiert den Gewinn der 4. Etappe bei der Tour du Gabon 2014 (Foto: AFP/Getty Images)

MTN-Qhubeka-Radprofi Frekalsi Debesay aus Eritrea gewinnt die 4. Etappe der Tour du Gabon 2014

Perspektiven für Afrikas Radsport

Einige Namen, die man sich merken sollte, nannte Zemke auch: "Daniel Teklehaimanot hat letztes Jahr schon ein Profi-Rennen gewonnen. Tsgabu Grmay holte 2013 eine Etappe in Langkawi, es war der erste Profisieg für einen äthiopischen Fahrer. Louis Meintjes wurde Vizeweltmeister in der U23 und Merhawi Kudus schaffte jetzt Platz zwei in Langkawi." Gerne zieht der sportliche Leiter von MTN Qhubeka den Vergleich zu Australien. "Etwa 15 Jahre hat Australien für den ersten Weltmeister und den ersten Tour-de-France-Sieger gebraucht. Uns gibt es jetzt zweieinhalb Jahre." Dieser Gedanke hat viel für sich. Denn der Eritreer Teklehaimanot drehte seine ersten Trainingsrunden auf europäischem Boden genau dort, wo vor 19 Jahren Cadel Evans vom australischen Verband auf die Junioren-WM vorbereitet wurde. 2009, also 14 Jahre später, wurde Evans Weltmeister und zwei Jahre danach Sieger der Tour de France.

Ansporn genug also für die jungen afrikanischen Radsporttalente, ihre Chance die ihnen das Team MTN Qhubeka gibt, ernst zu nehmen. Im Ländervergleich mit Australien liegt Südafrika bei Mailand-Sanremo jedenfalls schon mal gleich auf. Im Debütjahr des australischen Rennstalls Orica GreenEdge triumphierte Simon Gerrans bei dem Frühjahrsklassiker. Im ersten Jahr von MTN Qhubeka war der - freilich eingekaufte - Ciolek erfolgreich. Verteidigt er am Sonntag seinen Titel, ist Afrika vorn.

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