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Deutschland

Mit etwas Arroganz geht Führung leichter

Machtspiele und Revierkämpfe sind Alltag im Berufsleben. Wenn Frauen nicht mitspielen, ziehen sie oft den Kürzeren. Ein Unternehmensberater bringt Chefinnen in einem Seminar bei, wie sie sich durchsetzen können.

Wirtschaftsstudent Philipp Vojinovic sitzt auf dem Gang eines Kölner Tagungszentrums und liest das Manager Magazin. Die Tür geht auf, Peter Modler ruft ihn herein in einen Raum mit 30 Frauen, die für 590 Euro das "Arroganz-Training für weibliche Führungskräfte" gebucht haben. Der Student spielt mit ihnen belastende Szenen aus ihrem Berufsalltag nach, er mimt den Mitarbeiter, Kollegen, Chef oder Kunden. Er hört Vorträge, wird gelobt, getadelt oder auch mal ausgebremst.

Eine Frau schüttelt einem jungen Mann die Hand und ergreift seinen Unterarm (Foto: DW)

Die Frauen erproben ihre Gesten und Worte an Student Philipp

Nach der Szene gibt es Beifall von den Frauen und fröhliches Gelächter. Der 22-jährige Philipp wird wieder vor die Tür geschickt. "Man fühlte, dass man aufhören sollte zu reden", erzählt er von einer nachgestellten Konferenzsituation. In einem Konfliktgespräch habe ihn eine Frau mit sehr klaren Worten und kurzen Sätzen an den Punkt gebracht, "dass ich nichts mehr entgegensetzen konnte". Schlecht oder gar arrogant behandelt fühlt er sich aber nicht. "Nein, überhaupt nicht", sagt Philipp.

Vermittler zwischen Harmonie-Anhängerinnen und Revierkämpfern

Genau so reagierten die Sparringspartner in seinen Seminaren praktisch immer, berichtet Unternehmensberater Peter Modler, obwohl er sie nicht auf ihren Einsatz vorbereite. Ein Verhalten, das viele Frauen als unhöflich oder zu hart empfänden, würden Männer als normal wahrnehmen und zwar unabhängig davon, ob es wie Philipp junge Männer seien oder der älteste Trainingspartner, ein 70-jähriger Ex-Prokurist. Männer und Frauen nutzten unterschiedliche Kommunikationssysteme, sagt der promovierte Theologe Modler, das habe er als Manager, Unternehmer, Dozent und Berater immer wieder selbst erlebt. Kein System sei besser oder schlechter, es sei einfach eine andere Sprache. Weil die Mehrzahl der Führungskräfte immer noch Männer seien, müssten Frauen wissen, wie sie in diesem System mitspielen könnten, denn gemischt-geschlechtliche Führungsteams arbeiteten am Ende am effizientesten.

Unternehmensberater Peter Modler zwischen einer jungen Frau und ihrem Seminarpartner (Foto: Elke Kern)

Modler sieht sich als Dolmetscher zwischen Männern und Frauen

Seine Seminare, in denen er bis zu 3000 Frauen geschult hat, und sein Buch "Das Arroganz-Prinzip“, das schon über 40.000 Mal verkauft wurde, versteht der 57-jährige Modler als Übersetzungshilfe. Arroganz als Lebenshaltung, sagt er, "finde ich genauso abstoßend wie die meisten Leute". Was er Frauen in Führungspositionen empfiehlt, ist Arroganz als Werkzeug für bestimmte Situationen: "Wenn sie das Gefühl haben, jemand nimmt mich nicht ernst oder hört mir nicht zu oder macht mich gerade herunter." Modler stützt sich auf Erkenntnisse der US-amerikanischen Soziolinguistin Deborah Tannen. Grob vereinfacht setzen Frauen demnach in der Kommunikation stärker auf Augenhöhe, Harmonie und Ausgleich, Männer dagegen auf eine klare Rangordnung, die mit Revierkämpfen immer neu ausgetestet werde und das sehr oft durch Körpersprache.

Putschversuche am Konferenztisch

Buchcover Das Arroganz-Prinzip. So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf von Autor Peter Modler

Verkauft sich gut: "Das Arroganz-Prinzip" von Peter Modler

Wenn Männer auf einem Besprechungstisch stapelweise ihre Unterlagen ausbreiten, sich raumgreifend aufstützen und Laptop oder Handy zücken, während die Konferenzleiterin versucht, sachlich zu diskutieren, dann wird das Revier markiert und gegen die Führung geputscht, das erklärt Modler den Frauen. "Ich habe das auch schon bei Kollegen beobachtet, deswegen musste ich heute sehr lachen", erzählt die 27-jährige Kerstin L. (*Name von der Redaktion geändert), die in der Automobilbranche fast nur unter Männern arbeitet. Sie hat das Seminar in Köln gebucht, um ihre Mitarbeiter und Kollegen besser zu verstehen. "Wir Frauen müssen viel weniger reden und viel klarer", nimmt sie als ihr persönliches Ergebnis aus dem Seminar mit nach Hause.

Diese Botschaft ist auch bei Barbara T. (*Name von der Redaktion geändert) angekommen. Die 45-jährige Diplomsozialarbeiterin leitet eine soziale Einrichtung und hatte schon häufiger das Gefühl, in ihrer Führungsfunktion "insbesondere als Frau nicht anerkannt zu werden." Nach dem Tag in Köln hat sie sich vorgenommen, kürzer und langsamer zu sprechen, mehr auf die Körpersprache zu achten und ihr eigenes Auftreten zu verändern. Sie will sich nicht mehr in den Besprechungsraum hineinschleichen und auf ihrem Stuhl verstecken, sondern offensiv alle Anwesenden begrüßen und signalisieren: "Ich bin präsent, das ist jetzt meine Showbühne."

Unternehmensberater Modler zwischen einer Frau und einem Mann (Foto: Elke Kern)

Frauen wollen Kommunkation üben, Männer erwarten klare Anweisungen

Probleme mit Frauen? Ich? Nie!

Jahrelang hat Peter Modler auch Männern Kommunikationstrainings mit Frauen angeboten unter dem Titel: "Arbeiten mit Aliens". Mangels Nachfrage hat er sie immer absagen müssen. Mittlerweile schult er für einen großen deutschen Maschinenbaukonzern das mittlere männliche Management mit einer weiblichen Trainingspartnerin. Als er die Männer im Vorfeld bat, ihm Beispiele zu nennen, wo sie sich unwohl im Umgang mit Frauen gefühlt hätten, konnten sie sich an keine einzige Szene erinnern. Erst die anonyme Recherche über die Personalabteilung brachte jede Menge Beispiele, die die Männer aber nie als Problem wahrgenommen hätten. Modlers Eindruck ist, "dass die meisten Männer, die Frauen im Berufsleben nicht besonders erleuchtet behandeln, nicht bösartig sind, sondern einfach nur naiv, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es außer ihrem Sprachsystem noch ein anderes geben soll".

Barbara T. hofft bei ihrer Abreise aus Köln, dass sie nicht auf Dauer im Beruf eine Rolle spielen muss, um von den Männern akzeptiert zu werden. Das finde sie anstrengend, und sie macht sich Gedanken, ob sie so auf Dauer authentisch bleiben kann. Kerstin L. sieht das weniger problematisch. Sie betrachtet die Sprache der Männer im Beruf als Fremdsprache, zu Hause und mit Frauen könne sie ja weiter ihre eigene Sprache sprechen: "Wenn ich mit einem Chinesen rede, kann ich auch nicht erwarten, dass der Deutsch kann. Dann versuchen wir vielleicht, uns auf Englisch zu einigen, aber sonst muss ich Chinesisch lernen." Auf Konferenztischen jedenfalls will sie künftig die Revierabzeichen der Männer wegräumen, wenn sie ihr zu nahe kommen. "Das wird spannend", lacht die junge Chefin aus Stuttgart, "mal gucken, wie das funktioniert".