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Kultur

Mit einem liebenden Herzen

Annemarie Schimmel war eine prägende Persönlichkeit für die Vermittlung der islamischen Kultur. Die Orientalistin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1995 war aber auch umstritten.

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Ikone der Islamkunde:
Annemarie Schimmel

"Die Menschen schlafen, und wenn sie sterben, dann erwachen sie". Dieser Auszug aus einer orientalischen Geschichte habe sie schon als siebenjährige so beeindruckt, dass sie sich gesagt habe, das sei ihre Welt, so Annemarie Schimmel einst in einem Zeitungsinterview. Die anerkannte Orient-Expertin verstarb im Alter von 80 Jahren am Montag, den 27. Januar 2003.

Schon im Alter von 15 Jahren begann sie Arabisch zu lernen. Ein Jahr später machte sie ihr Abitur, studierte Islamkunde und Arabistik in Berlin. Wenige Monate nach ihrer Internierung bei Kriegsende in Marburg, habilitierte sie sich 24jährig an der dortigen Universität.

Als Nicht-Muslim akzeptiert

Porträtfoto Annemarie Schimmel

Annemarie Schimmel

Doch trotz ihres Fleißes und ihrer Zielstrebigkeit im wenig toleranten Nachkriegs-Deutschland bleibt für sie als Frau der Lehrstuhl an einer Universität nur ein Traum. In der Türkei dagegen wird ihr 1954 als Nicht-Muslimin ein Lehrstuhl an der Islamisch-Theologischen Fakultät in Ankara angeboten. Sie nimmt das Angebot an, später lehrte sie auch in Bonn und an der amerikanischen Elite-Universität Harvard.

Insgesamt sechs orientalische Sprachen lernt Annemarie Schimmel im laufe ihres Lebens, aus denen sie auch übersetzt. Mehr als 100 Bücher entstammen ihrer Feder, darunter Standardwerke wie "Mystische Dimensionen des Islam", die sie zur geachteten Expertin für den Sufismus machte. Daraus leitete sie ab, dass der Islam die am meisten missverstandene aller Religionen sei. Immer wieder betonte sie, durch ihre Arbeit zu mehr Verständnis für den Islam im Westen beitragen zu wollen. Ihr Interesse galt dabei weniger den tagesaktuellen politischen Fragen des Islam, als vielmehr der islamischen Mystik, Literatur und Kunst.

Umstrittenes Verständnis

Als Annemarie Schimmel 1995 als Preisträgerin für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgewählt wird, entzündete sie eine kurze, aber heftige öffentliche Debatte. In einem Fernsehinterview hatte sie Verständnis für die Kritik am Werk des Schriftstellers Salman Rushdie geäußert. Über ihn hatte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini 1988 wegen des Buches "Die satanischen Verse" eine "Fatwa", das Todesurteil verhängt. Diese und ähnliche politische Äußerungen führten nicht nur zu Missverständnissen, sondern brachte sie sogar in die geistige Nähe zu Fundamentalisten und Islamisten und beschädigte auch ihren hervorragenden Ruf als Akademikerin.

Ihre Kritiker forderten, sie möge auf den Preis verzichten - was sie aber nicht tat. Ihr Anliegen, so betonte sie stets, sei immer das Werben um Verständnis für den Orient gewesen. Und den könne man nur mit einem liebenden Herzen verstehen.