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Nahost

Mit einem Extremisten gegen den "Islamischen Staat"

Jordanien hat den Al-Kaida verbundenen Religionsgelehrten Abu Mohammed Al-Makdisi freigelassen. Er soll nun dabei helfen, die Terrororganisation "Islamischer Staat" zu besiegen. Fraglich ist, ob die Rechnung aufgeht.

Abu Mohammed al-Maqdisi mit Abu Qatada 24.09.2014

Abu Mohammed al-Maqdisi (li.) im Gespräch mit anderen dschihadistischen Religionsgelehrten

Es scheint paradox:

In der Stunde der Not

setzt Jordanien auf einen der führenden Al-Kaida Ideologen. Als Reaktion auf die Verbrennung des Piloten Muas al-Kasasba durch die Terrororganisation "Islamischer Staat" ließen die Justizbehörden des Landes den dschihadistischen Religionsgelehrten Scheich Abu Mohammad al-Makdisi frei.

Al-Makdisi soll dazu beitragen, der Terrororganisation "Islamischer Staat" die religiöse und politische Legitimation zu entziehen

und zurückzudrängen

. Damit setzt das Land auf den guten Willen eines Dschihadisten, den es jahrelang in seinen Gefängnissen gehalten hatte.

Der 1959 in Nablus im Westjordanland geborene Al-Makdisi gilt als einer der theologischen Vordenker jener radikalen sunnitischen Kreise, aus denen schließlich die Terrorgruppe "Al Kaida im Irak" hervorging. Diese wiederum mündete auf einigen Umwegen in den "Islamischen Staat".

Doch seit Jahr 2004 kritisiert Al-Makdisi die Gewalt gegen Muslime. Er distanzierte sich von dem früheren Al-Kaida-Anführer im Irak, Abu Musab al-Zarqawi, als dessen spiritueller Wegbegleiter er galt. Muslime dürften nicht gegen Muslime vorgehen, schrieb er. Gewalt sei nur gegen illegitime Herrscher zulässig.

"Eine abartige Organisation"

der Dschihadist Abu Mussa al-Sarkawi, 8.6. 2006 (Foto:dpa)

Schüler Al-Makdisis: der Dschihadist Abu Mussa al-Sarkawi

Im Mai 2014 kritisierte Al-Makdisi die Terrororganisation "Islamischen Staat" (IS) als "abartige Organisation". Vor allem richtete er sich gegen den Treueeid, den der Herrscher des vom IS begründeten "Kalifats", al-Baghadi, von den sunnitischen Muslimen forderte. Das, erklärte er, würde zu weiterem Blutvergießen zwischen Muslimen führen. Stattdessen forderte er die Muslime auf, sich der Al-Nusra-Front anzuschließen.

Al-Makdisi war auch an den Verhandlungen zur Freilassung des US-amerikanischen Katastrophenhelfers Peter Kassig beteiligt. Kassig wurde im Oktober 2013 in Syrien entführt. Zuvor hatte Al-Makdisi Kontakt zu einem seiner ehemaligen Schüler aufgenommen, der im IS eine führende Rolle spielt. Doch die Versuche scheiterten: Im November 2014 wurde Kassig durch den IS enthauptet.

Al-Makdisis Werdegang begann in den 1980er Jahren, als er an der Islamischen Universität Medina in Saudi Arabien Schariawissenschaften studierte. Ende der 80er reiste er nach Afghanistan, wo der den sunnitischen Kämpfern im Widerstand gegen die Rote Armee theologisch zur Seite stand.

Befürworter von Selbstmordattentaten

In dieser Zeit entwickelte sich seine Überzeugung, dass das saudische Königshaus keine politische und religiöse Legitimität besitze. Nach dem zweiten Golfkrieg hielt er sich überwiegend in Jordanien auf. Auch dessen Königsfamilie sprach er jegliche Legitimation ab. Demokratische Rechte wie Gleichheit vor dem Gesetz, Presse- und Redefreiheit lehnte er in seinen Büchern als unislamisch ab.

1994 sprach er sich unter dem Eindruck des von dem radikalen jüdischen Siedler Baruch Goldstein begangenen Attentats gegen betende Muslime in Hebron für Selbstmordattentate aus. Daraufhin wurde er verhaftet.

In Al-Kaida-Kreisen genießt Al-Makdisi hohes Ansehen, erklärt der Nahost-Experte André Bank vom GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg. "Allerdings ist es unsicher, ob Al-Makdisi diese Erwartungen erfüllen wird", sagt er.

Andererseits habe Al-Makdisi die vom IS verübte Brutalität gegen Muslime deutlich kritisiert. "Darum kann man nicht ausschließen, dass er sich nicht allein gegen die Tötung Muas al-Kasasbas, sondern auch gegen deren sehr martialische Art wendet".

Solidaritätskundgebung für den ermordeten Piloten Al-Kasasbaeh, 6.2. 2015 (Foto: dpa)

Solidaritätskundgebung für den ermordeten Piloten Muas al-Kasasba in Amman

Doch selbst wenn Al-Maqdisi sich gegen den IS ausspräche, wäre Jordanien seine Terrorprobleme nicht los. Denn wiederholt hat Al-Makdisi auch die Präsenz und das Vorgehen der USA in der Region kritisiert. Diese stellen er und andere Al-Kaida nahestehende Religionsgelehrte als Angriffe gegen den Islam insgesamt dar.

Die Kriege und Unruhen im Nahen Osten sind in ihren Augen nicht politisch motiviert. Ihr hauptsächlicher Zweck sei es vielmehr, den Islam insgesamt zu vernichten. darum müssten die Muslime sich vereinen und den Kampf gegen die ihre Existenz bedrohenden Mächte gemeinsam aufnehmen.

Kämpfer außer Kontrolle?

Fraglich ist allerdings, ob solche Ansichten dem IS weiterhin nutzen werden. Der Ruf der Terrororganisation habe Schaden genommen, sagt André Bank. Insbesondere seit der Niederlage in der Schlacht um Kobane habe der Nimbus der Unbesiegbarkeit des IS gelitten. "Es könnte sein, dass der IS durch seine Brutalisierung versucht, diesen Niedergang aufzuhalten. Dies tut er, indem er noch radikalere Anhänger zu gewinnen versucht."

Kurdische Kämpfer im befreiten Kobane, 26.01.2015 (Foto: EPA)

Militärischer und symbolischer Triumph: Kurdische Kämpfer im befreiten Kobane

Ein anderer Grund für die zunehmende Brutalität des IS könne aber auch die zunehmend entgleitende Kontrolle über einen Teil der Kämpfer sein. "Womöglich ist es so, dass sie gar keinen Einfluss mehr darauf haben, auf welche Art die Gegner des IS entführt und getötet werden. Es könnte sein, dass es einzelne, besonders radikale Gruppen innerhalb des IS gibt, die zu solchen Formen neigen", so Bank. Dagegen spreche allerdings, dass der jordanische Pilot Al-Kasasbaeh in der Nähe von Raqqa entführt wurde. "Denn Raqqa gilt ja als eine Art Hauptstadt des IS auf syrischem Gebiet."

Im Kampf gegen den IS

setzt Jordanien nun auf Al-Makdisi. Der wird allerdings nur einen Teil der Gewalt stoppen wollen: nämlich jenen, der sich gegen die Muslime richtet. Gegen der Kampf von Al-Kaida und ihren Schwestern gegen die als illegtimin erachten arabischen Regime und deren westliche Partner hat er sich nicht ausgesprochen.

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