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Kultur

Mit ehemaligen Häftlingen durch Belfast

Überall in Belfast findet man Schauplätze, an denen sich in den 1970er Jahren Katholiken und Protestanten heftige Kämpfe lieferten. Heute begleiten ehemalige Häftlinge beider Seiten Stadttouren der besonderen Art.

Wandbilder im der Shankill Road im protestantischen Viertel Belfasts, Foto: ap

Wandbilder in der Shankill Road im protestantischen Viertel Belfasts

"Herzlich willkommen in Belfast. Ich bin Pádraic McCotter und ein ehemaliger republikanischer Häftling". Erst auf Irisch, dann auf Englisch heißt Stadtführer Pádraic eine Schülergruppe aus der Nähe von Dublin in dem grauen, unscheinbaren Kleinbus willkommen. Der stattliche, rotgesichtige Ire steht vorne neben dem Fahrer und schaut hinter seinen Brillengläsern freundlich in die Runde. 16 Augenpaare schauen ihn erwartungsvoll an, ein Geschichtskurs der Klasse zehn, der einen Ausflug in die nordirische Stadt macht.

Von der IRA zum Touristenführer

Früher war Pádraic Mitglied der Terrororganisation IRA (Irish Republican Army). Er hat viele Jahre im Gefängnis verbracht. Jetzt arbeitet er als Stadtführer für "Coiste", eine republikanische Ex-Gefangenen-Organisation. Während der Fahrt berichtet er über seine Zeit im Gefängnis, er ermutigt die Schüler, ihm Fragen dazu zu stellen und stellt direkt einleitend klar: "Meine Tour ist aus der republikanischen Perspektive. Also erwarte ich nicht, dass irgendjemand meinen Meinungen zustimmt".

Einschussloch in einer Scheibe, Foto: ap

Spuren der Gewalt sind bis heute zu sehen

Die Arbeit als Stadtführer bietet Pádraic und anderen ehemaligen Häftlingen eine neue Beschäftigung und Einkommen - denn offensichtlich ist es spannend für Touristen, ein "echtes" IRA-Mitglied zu treffen. Das sehen auch einige der Schüler so, zum Beispiel die 16-jährige Deidre: "So bekommt man einen besseren Eindruck von den Leuten und der Leidenschaft, mit der sie gekämpft haben, als wenn man es in einem Geschictsbuch nachlesen würde."

Besuch in den vergessenen Vierteln Belfasts

Pádraic verspricht den Schülern, dass sie bei dieser Tour Teile Belfasts zu sehen bekommen, die selbst viele Einheimische nicht kennen. Der Bus setzt sich in Bewegung, vorbei geht es an einigen der berühmten politischen Wandmalereien. Die Schüler kleben mit gezückter Digitalkamera an der Scheibe.

Sie passieren eine Grundschule, in deren Backsteinwand heute noch Einschusslöcher zu sehen sind. Dann hält der Bus plötzlich. Pádraic stapft mit Regenschirm voraus zur Gedenkstätte in der Bombay Street, wo 1969 katholische Häuser niedergebrannt wurden.

Bis heute trennt eine Mauer die Stadt

Die Schüler bleiben gebannt vor einer Mauer stehen, die ungefähr dreimal so hoch wie sie selbst ist, auf ihr liegt Stacheldraht. Es ist die "peace line", sozusagen die Grenze zwischen dem katholischen Teil Belfasts und der direkt angrenzenden protestantischen Nachbarschaft.

Von hier ist es nicht mehr weit zum Cupar Way, einer Art Checkpoint, der nach Einbruch der Dunkelheit gesperrt wird, um Katholiken und Protestanten auf beiden Seiten vor Übergriffen zu schützen. Der Bus hält, die Schüler applaudieren und Pádraic übergibt die Gruppe an Jake. Früher hätten sie sich bekämpft, heute arbeiten die beiden zusammen.

Häuserwand in Belfast, Quelle: DW

Die meisten Wandbilder haben eine politische Botschaft

Katholik und Protestant arbeiten zusammen

Jake ist Protestant, für seine Zeit als königstreuer Paramilitär saß er ebenfalls jahrelang im Gefängnis. "Von mir hört Ihr die protestantische Perspektive. Ich zeige Euch einige Malereien im Gebiet rund um die Shankill Road." Jake streicht seine grauen Haare zurück und beginnt zu erzählen, wie er die Unruhen rund um die Bombay Street erlebt hat.

Der Bus kurvt derweil an der Trennmauer entlang, durch die berüchtigte protestantische Shankill Road und dann in ein Wohnviertel mit Wandmalereien. "Es ist interessant zu sehen, wie jede Seite die andere in den Wandmalereien darstellt", sagt eine Schülerin. Und es habe sich gelohnt, die Perspektiven beider Seiten kennen zu lernen mittels Personen, die dies unmittelbar erlebt haben: "Man sieht, was wirklich passiert ist, die Reaktionen der Leute - und wie der Konflikt bis heute weitergeht."

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