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Kultur

Mit Deutsch in die Elite - Das Istanbul Lisesi

Deutsches Abitur und türkischer Hochschulzugang: Das Istanbul Lisesi nimmt eine Sonderrolle unter den deutschen Auslandsschulen ein. 800 türkische Schüler lernen Deutsch als erste Fremdsprache.

Blick vom Schuldach auf den Bosporus (Foto: DW / Schesckewitz)

Blick vom Schuldach

Studienrat Georg Bertrams ist ein moderner Pädagoge - Frontalunterricht gehört nicht zu seinem bevorzugten Unterrichtsstil. Stattdessen gibt es viele spielerische Elemente, szenische Dialoge, Lieder und Hörübungen mit denen er seine türkischen Schüler auf die neunte Klasse des Istanbul Lisesi vorbereitet. Ab dem nächsten Jahr müssen sie auch in Fächern wie Mathematik oder Physik dem deutschsprachigen Unterricht folgen können.

Erste Fremdsprache: Deutsch

Physikunterricht in Istanbul (Foto: DW / Scheschkewitz)

Moderne Pädagogik - auch mal im Frontalunterricht

Eine Herausforderung für die 13- bis 14-Jährigen, die sich durch ein ausgeklügeltes Punktesystem der türkischen Schulbehörden für das Istanbul Lisesi qualifizieren mussten. In seiner zehnten Klasse kann Physiklehrer Kai Unger die Korrelation zwischen Masse und Schwingungsdauer im Feldversuch unter reger Beteiligung der Schüler herleiten lassen, wobei das Deutsche schon ganz selbstverständlich als Unterrichtssprache verwendet wird.

Gelernt wird am Istanbul Lisesi in 33 Klassen der Jahrgangstufen neun bis zwölf und in sechs so genannten Vorbereitungsklassen, in denen der Deutschunterricht ganz im Vordergrund steht. Fächer wie Geschichte oder Gesellschaftskunde werden ausschließlich auf Türkisch unterrichtet, ansonsten ist Deutsch erste Fremdsprache und Unterrichtsprache zugleich.

Priviligierte Position

Zwei Schüler der Deutschen Schule Istanbul (Foto: DW / Scheschkewitz)

Melis Laebens und Ege Dyler

"Das allein ist ein wichtiger Bestandteil von Eliteförderung, ein wesentlicher Bestandteil von Hochbegabtenförderung – eine Schule mit einem so strammen bilingualen Lernprogramm gibt es eigentlich in Deutschland so gut wie gar nicht", sagt Michael Schopp, der den deutschen Zweig des Istanbul Lisesi seit nunmehr fünf Jahren leitet. Faszinierend ist für den aus Deutschland entsandten Pädagogen nicht nur die Begegnung mit der anderen Kultur und der islamischen Religion. Schopp empfindet es durchaus als Privileg, Schüler mit einer Begabung zu erziehen, die dafür sorgt, dass die jungen Erwachsenen sich nach dem Besuch seiner Schule fast regelmäßig in herausgehobenen Positionen der türkischen Gesellschaft wiederfinden. So weist die Ehemaligen-Liste des Istanbul Lisesi immerhin zwei frühere türkische Ministerpräsidenten auf.

Auch Cetin Atsur, bis vor kurzem technischer Direktor bei Mercedes, hat das Istanbul Lisesi besucht und sagt rückblickend: "Das war eine tolle Zeit. Wir waren fasziniert von der anderen Grundeinstellung unserer deutschen Lehrer. Davon, wie sie Dinge anders aufgreifen, wie man ein Literaturwerk durchnimmt. Weniger auswendig lernen, dafür aber mit einer Methodik, die die Dinge grundsätzlicher angeht. Das waren die Sachen, die uns damals bereichert haben und jetzt natürlich ein fester Bestandteil unserer Persönlichkeit sind."

Ministerpräsidenten und Manager

Schulleiter Schopp und ein Kollege (Foto: DW / Scheschkewitz)

Schulleiter Michael Schopp mit türkischem Kollegen

Die Ehemaligen bilden ein wichtiges Netzwerk, das der deutschen Schulleitung auch finanziell durch Spenden über die Runden hilft. Noch wichtiger aber sind die Kontakte in die Führungsetagen der Betriebe und Forschungseinrichtungen, denn das Istanbul Lisesi hat seinen eigentlichen Schwerpunkt in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern.

Die Schülerinnen und Schüler des hoch über dem Goldenen Horn gelegenen Lisesi kommen aus allen Teilen der Türkei und wer nicht aus der näheren Umgebung der aufstrebenden Metropole Istanbul stammt, ist im Internat der Schule untergebracht. Privilegiert dürfen sich die Schüler schon aufgrund des prachtvollen Gebäudes fühlen, dessen Geschichte bis ins Osmanische Reich zurückgeht. Am Schnittpunkt zwischen den Kontinenten gelegen, ist der Wandel zwischen den Kulturen den Schülern quasi von Natur aus mitgegeben und so können sich viele auch ein Studium in Deutschland vorstellen.

Studium in Deutschland

Zum Beispiel Ege Dyler, der gerade sein Abitur bestanden hat: "Ich wollte hier das Abitur ablegen und in Deutschland studieren und das geht jetzt in Erfüllung. Ich möchte Betriebswirtschaftslehre studieren und danach mit einem Masterprogramm weitermachen, eventuell in den Vereinigten Staaten. Vielleicht gründe ich dann meine eigene Firma. Es kann aber auch sein, dass ich in einer großen bekannten Firma arbeiten werde, in einer Management-Position."

Auch seine Mitschülerin Melis Laebens, Tochter eines französisch-türkischen Elternpaares hatte den Wunsch, über den Besuch der deutschen Auslandschule eine weitere Kultur kennen zu lernen. Ausschlaggebend für die Schulwahl war aber auch der exzellente Ruf der Schule. "Ich wusste, dass dies eine der besten Schulen der Türkei ist und dass ich eine sehr gute Ausbildung bekommen werde."

Fahneneid und Abitur

Die Schulband der Deutschen Schule Istanbul (Foto: DW / Scheschkewitz)

Europäische Klänge in Istanbul

Anders als ihr Schulkamerad Ege will Melis in der Türkei studieren und danach vielleicht für den türkischen Staat arbeiten. Mit den staatlichen Schulbehörden und der türkischen Schulleitung muss sich auch Michael Schopp als Leiter der Deutschen Abteilung am Istanbul Lisesi regelmäßig auseinandersetzen. Im Großen und Ganzen klappt das reibungslos. Schopp und sein türkischer Amtskollege nehmen jeden Montag zu Wochenbeginn und jeden Freitag nach der letzten Schulstunde vor den Schülern gemeinsam den Fahneneid ab. Die Schüler intonieren dabei lautstark die Hymne ihres Landes.

Auslandschulwesen, so erklärt Schopp, bedeute immer, auch seine Gastrolle zu akzeptieren. Die Kooperationsbereitschaft stößt aber dort an ihre Grenzen, wo der Auftrag gefährdet wird. Als die türkische Schulbehörde vor zwei Jahren vorschreiben wollte, dass Deutsch und Englisch als Fremdsprachen nur noch in einem reduzierten Stundenumfang angeboten werden sollten, habe es richtig gekracht, so Schopp: "Wenn sie das durchgesetzt hätten, hätten wir unsere Koffer gepackt. Schließlich ist Englisch bei uns Abiturfach und das geht mit zwei Stunden in der Woche einfach nicht." Schon gar nicht, wenn man hoch hinaus will und das wollen sie alle am Istanbul Lisesi.

Hoch hinaus mit Faust

Ambitioniert ist nicht nur die Art und Weise, wie sich die Schule präsentiert. Auch das hochherrschaftliche Gebäude, in dem in der osmanischen Zeit französische und englische Bankdirektoren Staatsschulden eintrieben, besticht schon durch seine hervorgehobene Lage.

Vom Dach der Schule hat man das gesamte Panorama der Istanbuler Altstadt mit ihren Moscheen und Palästen vor Augen und blickt weit auf den Bosporus hinaus. Da findet es auch niemand vermessen, wenn Lehrer Bertrams mit seiner Anfängerklasse im Deutschunterricht den Osterspaziergang aus Goethes Faust durchnimmt. "Das ist natürlich eine Herausforderung, aber wenn man es runterbricht auf das, was die Schüler leisten können, dann geht das!", sagt Bertrams. Der Altmeister hätte es wahrscheinlich so ausgedrückt: "Überall regt sich Bildung und Streben“ – fast so, als hätte Goethe bei seinem Osterspaziergang den Umweg über Istanbul genommen.

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