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Kultur

Mit der S-Bahn in den Westen

Die Berliner S-Bahn war in den Zeiten der Teilung mehr als nur ein Transportmittel. Sie war auch ein Mittel zur Flucht. Eine Ausstellung in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde geht dieser Epoche nach.

Berliner Mauer. Foto: dpa

"Die Mauer trennt, die S-Bahn verbindet"

Meinhard Schröder war 17 Jahre alt, als er zu seinem Vater nach Westdeutschland floh. An Ostern des Jahres 1960 fuhr der Schüler gemeinsam mit seiner Mutter von Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern zunächst nach Ost-Berlin. Dort stiegen beide in die S-Bahn Richtung Westberlin ein. Würde sie ein Kontrolleur erwischen, drohten ihnen mehrere Jahre Gefängnis. "Dann kam der Grenzpolizist und ich hielt wie alle meinen Ausweis hoch, wartete darauf heraus gewunken zu werden", sagt der heute 66-Jährige. "Ich war natürlich auch rot, weil ich Blut und Wasser schwitzte. Er guckte aber nur und ging weiter. Ich wusste gar nicht, wie mir da geschah." Meinhard Schröder ist einer der Zeitzeugen, die mit ihren persönlichen Erinnerungen zur Ausstellung "Mit der S-Bahn in den Westen" beigetragen haben.

Viele haben wie Meinhard Schröder diese Verbindung zwischen Ost- und Westberlin zur Flucht aus der DDR genutzt. Allein in den ersten Augustwochen des Jahres 1961 kamen mit der S-Bahn täglich rund 1500 Flüchtlinge nach West-Berlin.

Die zerstörte Lebensader der Stadt

Ausstelung Mit der S-Bahn in den Westen. Foto: Leipert/DW

"Ich wurde natürlich auch rot": Blick in die Ausstellung.

Bis auch diese Verbindung zwischen beiden Teilen der Stadt verschwand: Als am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde, wurden auch viele S-Bahnstrecken still gelegt, Gleise abgebaut oder blockiert. An den Grenzstationen errichtete man Kontrollpunkte. Eine Hauptlebensader der Stadt war gekappt, erklärt Andrea Szatmary, eine der beiden Kuratorinnen der Ausstellung. Man könne mit der S-Bahn nicht nur die deutsche Teilung nachvollziehen sondern auch die Verbindung zwischen Ost- und Westberlin. "Man hat ja die Mauer, die trennt, aber man hat die S-Bahn, die verbindet", beschreibt sie das seltsame rechtliche Konstrukt des Bahnbetriebes. Die Bahn gehörte samt Schienennetz ganz der DDR. Die West-Alliierten hatten nur ein Nutzungsrecht. Das sorgte nicht nur für ständigen Konfliktstoff, sondern auch für kuriose Arbeitsverhältnisse. "Diese S-Bahn fuhr durch West-Berlin und wurde gefahren von Personal, das für die Deutsche Reichsbahn gearbeitet hat, sprich für die DDR", sagt Andrea Szatmary.

Rote Fahnen und Parolen

Kuratorinnen der Ausstellung Mit der S-Bahn in den Westen. Foto: Leipert/DW

Kuratorinnen Claudia Rücker (links) und Andrea Szatmary

Die Bahnangestellten lebten in West-Berlin und wurden in der West-Währung D-Mark bezahlt. Aber sie wurden im Osten ausgebildet und waren nach DDR-Arbeitsrecht tätig. Nicht nur deshalb wurde die S-Bahn immer wieder zum Problem zwischen den beiden deutschen Staaten. Auch weil die DDR die Bahnhöfe dazu nutzte, um Propaganda-Zeitungen zu verteilen und Plakate wie "Ami go home" aufzuhängen. Am 1. Mai wurden alle S-Bahnen mit der DDR-Staatsflagge und einer roten Fahne geschmückt. "Diese S-Bahn war ein Symbol für die DDR. Da haben der Westberliner Senat und der Deutsche Gewerkschaftsbund die Berliner aufgerufen, die S-Bahn zu boykottieren. Und alle haben kräftig mitgemacht", sagt Andrea Szatmary. Denn die Gewinne, die durch die Fahrscheine erzielt wurden, flossen in die Taschen der DDR. Das hat vielen nicht gefallen. Deshalb blockierten Demonstranten gleich nach dem Mauerbau S-Bahnhöfe. Sie demolierten Waggons und beschimpften die S-Bahn Mitarbeiter. Trotz höherer Fahrpreise stiegen viele auf Busse und U-Bahnen der West-Berliner Verkehrs-Betriebe (BVG) um. Als 1990 die Wiedervereinigung kam, verschwand die Mauer relativ schnell aus den Straßen Berlins. Aber bis das S-Bahnnetz wieder intakt war, sollten noch viele Jahre vergehen. Erst seit dem Jahr 2006 ist der Berliner S-Bahn-Ring wieder voll in Betrieb.

Autorin: Lydia Leipert
Redaktion: Matthias von Hein

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