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Politik

Mit der Lizenz zum Töten

Nach den Selbstmordanschlägen vom 7. Juli, den gescheiterten Bombenattentaten zwei Wochen später und den Todesschüssen der Polizei auf einen Unschuldigen liegen die Nerven der Londoner blank. Die der Polizei auch.

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Aufmachen, auspacken: Das Handgepäck von Fahrgästen der U-Bahn wird untersucht


Nach den Anschlägen: Fahrgäste in Londoner U-Bahn

Nach den Anschlägen: Fahrgäste in Londoner U-Bahn

Misstrauische Blicke auf Mitmenschen und Rucksäcke, hastige Schritte auf Rolltreppen, Nervosität bei jeder Minute Verspätung - in der Londoner U-Bahn geht die Angst um. Und das mulmige Gefühl, vielleicht irrtümlich auch noch ins Fadenkreuz von Polizisten geraten zu können. War das Pendeln einst lästige und langweilige Routine, ist es nun zum täglichen Nervenkrieg geworden.

Londons Polizei ab jetzt bewaffnet

Polizei schießt auf Selbstmordattentäter Stockwell

Traditionell ist Scotland Yard um ein friedliches Image seiner Beamten bemüht, versinnbildlicht durch den unerschütterlichen "Bobby" - selbstverständlich ohne Waffe - auf den Straßen der britischen Hauptstadt. Nur 2060 der 31.000 Polizeibeamten der Metropolitan Police trugen bislang Schusswaffen. Aber: "Die Zeit der unbewaffneten Bobbys ist vorbei", beschreibt die "Mail On Sunday" die neue Sicherheitssituation.

Inzwischen sind hunderte bewaffnete Polizisten in Zivil in den U-Bahnen und auf Bahnhöfen unterwegs. Ihr Auftrag: Selbstmordattentäter nicht nur kampfunfähig zu machen, sondern notfalls sofort zu töten. Laut Polizeichef Ian Blair haben sie Anweisung, direkt in den Kopf zu schießen, statt zuerst auf den Körper zu zielen. So soll verhindert werden, dass die Schüsse eine Bombe auslösen oder der Attentäter noch Zeit findet, einen möglichen Sprengsatz zu zünden.

Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt?

Londoner Opfer: Jean Charles de Menezes mit Familie, Brasilien

Aus Versehen erschossen: Jean Charles de Menezes (mitte)

Der Tod eines Unschuldigen im Zuge der Terrorfahndung hat Großbritannien in tiefes Unbehagen gestürzt, die Polizei spricht von einer "Tragödie". Über die Umstände der Todesschüsse vom 22. Juli gibt es nur spärliche Informationen: Nach offiziellen Angaben hatten Zivilfahnder den 27-Jährigen Jean-Charles de Menezes seit Verlassen eines verdächtigen Hauses verfolgt. Er habe trotz der hohen Temperaturen einen dicken Mantel getragen und sei einer Aufforderung, sich zu stellen, nicht gefolgt. Nach einer wilden Verfolgungsjagd hatten ihn die Beamten schließlich in einer voll besetzten U-Bahn gestellt. Augenzeugen berichteten, wie der Verfolgte auf den Boden stürzte und durch fünf Kopfschüsse getötet wurde.

Menezes' Angehörige können sich die Verfolgungsjagd nicht erklären. Der 27-Jährige habe seit drei Jahren legal in Großbritannien gelebt und ein unbescholtenes Leben geführt. Er sei auf dem Weg zu seiner Arbeit gewesen und habe keinen Grund gehabt davonzulaufen. Menezes' in London lebender Cousin Alex Pereira warf den Polizisten vor, sie hätten "jemanden töten müssen, um der Bevölkerung zu zeigen, dass sie das Land sicher machen". Vertreter der in Großbritannien lebenden Moslems forderten eine Untersuchung. Sie fürchten, dass Menezes den Beamten vor allem wegen seines Aussehens verdächtig vorkam.

Polizei übereifrig?

Die Polizei steht nach den tödlichen Kopfschüssen auf den 27-jährigen Elektriker de Menezes vor dem Problem, wie sie mit der neuen Bedrohung durch Selbstmordattentäter umgehen soll. Zunächst warb sie um Verständnis für die Beamten: Die meist jungen Polizisten stünden angesichts der neuen "Todesschuss"-Politik ("shoot-to-kill") vor einem riesigen "ethischen Dilemma"; jeder Fehler könne Hunderte von Toten zur Konsequenz haben. Das sei eine "neue Welt" für die Beamten, mit der sie erst noch zurechtzukommen müssten. Der frühere Polizeichef Lord Stevens schrieb in der Sonntagszeitung "News Of The World": "Es gibt nur einen sicheren Weg, um einen Selbstmordattentäter an der Tat zu hindern - zerstöre sein Gehirn auf der Stelle."

Besorgte Bürger und Menschenrechtler fordern jedoch eine Überprüfung dieser Handhabe. Die Menschenrechts-Organisation Liberty verlangte eine umfassende Untersuchung. Iqbal Sacranie, Generalsekretär des Muslimischen Rates in Großbritannien, sagte, er könne den Druck, der auf der Polizei laste, verstehen, aber es müsse "größte Sorge getragen werden, dass unschuldige Menschen nicht auf Grund von Übereifer getötet werden".

Zwei der vier Täter ermittelt

Die Londoner Polizei hat inzwischen zwei der vier Rucksackbomber vom vergangenen Donnerstag identifiziert. Peter Clarke, Chef der Antiterroreinheit von Scotland Yard, gab in London ihre Namen bekannt: Muktar Said Ibraihim alias Muktar Mohammed Said und Yasin Hassan Omar. Clark bestätigte außerdem, dass die Polizei in einem Londoner Park noch eine fünfte Bombe gleichen Typs gefunden habe. (arn)

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