1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bildung

Mit der Kamera gegen alle Klischees

Sex, Gewalt, Mobbing - kein Thema ist den jungen Filmemachern des Medienprojekts Wuppertal zu heikel. Ihre Videos sind preisgekrönt. Das Projekt wird jetzt 20 Jahre alt.

Die Welt der 22-jährigen Studentin Yasemin ist jung und bunt, voller Ideen und neuer Eindrücke. Eine Welt des Aufbruchs, nicht des Vergessens. Doch genau das Thema hat sie bewegt. "Ich wollte wissen, wie es ist, wenn Menschen ihr Gedächtnis verlieren und was das für ihre Familien bedeutet." Und zwar für türkischstämmige Familien, in denen oft drei Generationen unter einem Dach leben. Denn mit deren Kultur ist Yasemin vertraut. Sie stammt selbst aus einer deutsch-türkischen Familie.

Foto 2 (IMG_3979) zeigt drei Generationen einer türkisch-stämmigen Familie aus Wuppertal aus Yasemin Marksteins Film über demenzkranke Türkinnen und ihre Angehörigen. Das Foto wurde der Deutschen Welle für einen Onlineartikel über 20 Jahre Medienprojekt kostenfrei zur Verfügung gestellt. Copyright: Medienprojekt Wuppertal.

Preisgekrönt: Yasemins Film über Demenz in türkischstämmigen Familien

Für ihre jüngste Dokumentation hat sie deshalb alte, an Demenz erkrankte Menschen vor die Kamera geholt. Sie zeigt sie auf der Wohnzimmercouch mit ihren Töchtern bei türkischen Wortübungen gegen das Vergessen. Sie filmt sie im Bett mit dem Bild des Vaters in der Hand, das sie zärtlich streicheln, weil sie es erkennen. Und sie spricht mit den Angehörigen über die aufreibende Pflege, die Ängste, die Aggressionen. "Das ist ein Film, der mich persönlich sehr bewegt hat“, meint Yasemin. Und für den sie erst jetzt, so meint sie, nach rund 25 Produktionen beim Medienprojekt Wuppertal, reif genug war.

Jugendlichen eine Stimme geben

Seit sechs Jahren engagiert sich die junge Filmemacherin in der Werkstatt für Jugendvideos, die am 27. Oktober ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Eine Lehrerin hatte sie auf das Medienprojekt aufmerksam gemacht. Gemeinsam mit fünf Klassenkameraden drehte Yasemin einen kleinen Spielfilm zum Thema Sexualität und Aufklärung. Heute macht sie eigene Dokumentationen, steht anderen Jugendlichen ab 14 Jahren beim Filmemachen zur Seite und hat gerade ein Studium an der Filmhochschule in Köln begonnen.

Das Foto unten zeigt die Studentin Yasemin Markstein (Mitte) bei den Dreharbeiten für ihre Film über demenzkranke Türkinnen und ihre Angehörigen. Die Dokumentation ist beim Medienprojekt Wuppertal erschienen. Das Bild wurde der Deutschen Welle für einen Onlineartikel über 20 Jahre Medienprojekt Wuppertal zur Verfügung gestellt. Copyright: Medienprojekt Wuppertal.

Für ihren Film über Demenz dreht Yasemin (Mitte) im Supermarkt

Eine eher untypische Karriere, meint der Leiter des Medienprojekts, Andreas von Hören. "Die meisten der rund 500 Jugendlichen, die hier jedes Jahr gut 150 Videos drehen, tun dies nur ein- oder zweimal.“ Als Filmschmiede für Nachwuchstalente versteht sich das Medienprojekt nicht. "Wir geben Jugendlichen mit dem Medium Film eine Stimme für ihre Themen", betont der Medienpädagoge. "Das allerdings mit einem professionellen Anspruch." Denn die Filme, die beim Medienprojekt entstehen, erreichen meistens ein breites Publikum.

Großes Interesse im In- und Ausland

Das Foto zeigt den Projektleiter des Medienprojekts Wuppertal, Andreas von Hören. Es wurde der Deutschen Welle kostenfrei für einen Onlineartikel über das 20-jährige Bestehen des Medienprojekts zur Verfügung gestellt. Copyright: Medienprojekt Wuppertal.

Der Leiter des Medienprojekts Wuppertal, Andreas von Hören

Alle zwei Monate gibt es im größten Wuppertaler Kino eine öffentliche Uraufführung der neuesten Produktionen mit anschließender Diskussion. Danach sind die Dokumentationen als DVD in deutschen Jugendzentren, Schulen oder Beratungsstellen zu sehen. Mit dem Verkauf finanziert das Medienprojekt einen großen Teil seiner Filme, denn die Dokumentationen sind mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum und auch an Schulen im Ausland gefragt. "Hier erklären Jugendliche ihre Sicht auf alle Themen, die sie interessieren. Das ist international ziemlich einzigartig", betont von Hören.

Ob Integration, Sexualität, Gewalt, Rechtsextremismus, Sucht oder Cybermobbing – kein Thema ist tabu. Andreas von Hören achtet mit seinem Team von 25 Medienpädagogen und Filmemachern aber darauf, dass die Dokumentationen differenziert sind, verschiedene Sichtweisen zeigen und natürlich nicht gegen den Jugendschutz verstoßen. Viele Filme wurden bereits ausgezeichnet, etwa die Dokureihe "Hallo Krieg", in der deutsche, irakische und US-amerikanische Jugendliche im Jahr 2003 ihre Meinung zum Irakkrieg ausdrückten.

Dauerthema Integration

Dreharbeiten für Hallo Krieg

Dreharbeiten für "Hallo Krieg"

Auch die Serie "Jung und Moslem in Deutschland" sorgte für Aufsehen. Darin erzählen Jugendliche über ihren Alltag als Moslem, hinterfragen ihren Glauben, streiten über das Kopftuch und über Geschlechterrollen. "Integrationsthemen spielen seit Gründung des Medienprojekts eine große Rolle“, sagt von Hören. Kein Wunder, in Wuppertal haben immerhin fast 28 Prozent der Bürger einen Migrationshintergrund. Yasemins Film über Demenz in türkisch-stämmigen Familien ist allerdings die erste Dokumentation, die das Medienprojekt zweisprachig herausgebracht hat. "Denn damit wollen wir gerne auch ältere Türken erreichen."

Foto 4 (Moslems Podiumsdiskussion) zeigt die Diskussion mit Migranten in einem Wuppertaler Kino nach der Premiere des Films Jung und Moslem in Deutschland des Medienprojekts Wuppertal. Das Foto wurde der Deutschen Welle für einen Onlineartikel über 20 Jahre Medienprojekt kostenfrei zur Verfügung gestellt. Copyright: Medienprojekt Wuppertal.

Diskussionen nach der Premiere

Wie sehr das Thema die türkischstämmigen Familien bewegt, wurde bereits bei der Premiere des Films klar. "Plötzlich stand eine Frau im Kino weinend auf und rief: Bitte helft mir, ich bin auch davon betroffen", erzählt Yasemin Markstein. Alleine für diesen Moment habe sich die ganze Arbeit gelohnt. "Mit meinen Filmen kann ich etwas bewegen und das macht mich stolz", sagt die Studentin.

Die Redaktion empfiehlt