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Kultur

Mit der Badehose ins Eisloch

Alljährlich im Januar nehmen tausende Russen ein Eisbad. Streng gläubige orthodoxe Christen erinnern damit an die Taufe Jesu. Manch einer hat aber auch einfach nur Spaß am Kälte-Schock.

Zwischen Umkleidezelten und Feuerstellen für die Wartenden führt ein hölzerner Steg zur Mitte des abseits gelegenen Teiches im Moskauer Sokolniki-Park. Dort wo ein Loch in das Eis geschlagen ist, werden die Moskowiter in das eiskalte Wasser steigen. Zwischen den Bäumen haben die Organisatoren eine große Lichtkugel installiert. Wie ein Ballon hängt sie dort und erleuchtet die Badestelle. Daneben steht das Kreuz aus Eisblöcken, das mehrfarbig angeleuchtet wird.

Die 48-jährige Natalia hat als Verstärkung ihre ganze Familie mitgebracht. Mit ihr werden heute ihr Ehemann, ihr Sohn und ihre Mutter das traditionelle Eisbad nehmen. Schon vor dem Sprung strotzen sie vor Energie. Perfekt vorbereitet, in Skikleidung und mit Badeschlappen in der Tasche, warten sie vor den Umkleidekabinen. Ob ihnen alle Sünden vergeben werden, wie es das religiöse Ritual vorsieht, wissen sie nicht. "Aber wir hoffen das natürlich", fügt Natalia hinzu. "Es ist Tradition, wir haben das auch schon zu Sowjetzeiten gemacht. Das ist für uns ein Feiertag."

Russische Eis-Taufe in Moskau (Photo: Lina Rusch)

Eine kleines Ensemble musiziert am Rande des Geschehens.

Kälteschock im Bikini

Natalias Familie gehört zu den ersten, die nach der feierlichen Weihung des Eislochs durch Vater Alexander in der Nacht auf den 19. Januar ins vier Grad kalte Wasser steigen. Hier im Sokolniki-Park in Moskau ist alles perfekt organisiert. Tausende sind gekommen, für die Gesundheit und die Tradition. Ersthelfer stehen bereit für den Notfall – ein Eisbad kann den Kreislauf ganz schön durcheinander bringen. Doch heute geht alles gut.

Die Moskowiter in Badehose oder Bikini steigen im Sekundentakt bei null Grad Außentemperatur ins Wasser, tauchen drei Mal unter und bekreuzigen sich dabei. Die meisten nehmen den Kälteschock mit Fassung, die wenigsten kreischen. Überhaupt ist es rund 20 Grad wärmer als im letzten Jahr – für viele hier fast keine Herausforderung mehr.

Russische Eis-Taufe in Moskau (Photo: Lina Rusch)

Ersthelfer sind stets zur Stelle.

Rubelkrise auf Eis?

Diejenigen, die das Eisbad schon hinter sich haben, wärmen sich am Lagerfeuer mit heißem Tee und Piroggen, gefüllten Teigtaschen. Ein kleines Ensemble singt und spielt auf Balalaika und Akkordeon, eine alte Frau tanzt dazu. Bei all der Harmonie deutet hier nichts darauf hin, dass Russland sich gerade in der schlimmsten ökonomischen Krise seit den späten 90er Jahren befindet. 2014 war doch eigentlich ein gutes Jahr, findet nicht nur Natalia. "Der Familie ging es gut. Und es war eine gute Zeit – vor allem für unser Land. Wir sind Patrioten!" Dieser Meinung sind hier viele.

Das Eisbad ist auch eine Art Reinigungsritual. Es steht für einen Neuanfang, ein neues Jahr beginnt. Der 35-jährige Ruslan ist ein starker Kerl in sportlicher Kleidung und war auch im Wasser. Obwohl er am letzten Jahr nichts auszusetzen hatte gibt er zu: "Es könnte natürlich besser laufen für unser Land. Aber dieses Jahr kann nur besser werden, wir sind da positiv. Alles wird gut."

Russische Eis-Taufe in Moskau (Photo: Lina Rusch)

Harte Kerle brauchen keine Jacken.

Ukrainekrise ganz weit weg

Neben der Rubelkrise scheint auch die Ukrainekrise den Leuten an diesem feierlichen Abend fern zu sein. Und das, obwohl das russische Fernsehen fast jeden Abend Bilder von heftigen Kämpfen in der Ostukraine zeigt. Viele Russen haben Verwandte dort. "Das ist halt so. Das ist jetzt die Realität dort," sagt Alexander, ein Manager mit Glatze und Seemannsmütze. Manchen, wie der schüchternen Rentnerin Valentina, ist unwohl bei dem Gedanken an den Krieg dort. "Ich wünsche mir Frieden und Ruhe. Das ist doch das Wichtigste. Keinen Krieg, wie in der Ukraine, wo die Kinder sterben."

Etwas abseits vom Getümmel stehen Alina und Galina, Enkeltochter und Großmutter. Für sie war es kein gutes Jahr. Erst vor kurzem ist Galina aus Perwomajsk in der Region Luhansk in der Ostukraine nach Moskau zu der Familie ihrer Enkeltochter gezogen, geflohen vor dem Krieg. Sie sind auch orthodox und in ihrer Heimat wird dieses religiöse Fest trotz der Kämpfe gefeiert. "Man kann nicht immer nur weinen. Es ist doch ein Feiertag."

Auch nach Mitternacht ist die Schlange vor den Umkleidekabinen noch hunderte Meter lang. Manch einer muss noch in der Kälte warten, bevor er seinen Kreislauf auf die russische Art in Schwung bringt.

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