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Global Ideas

Mit den Vögeln fliegen

Trinkwasser, Nahrung, Erholung: Feuchtgebiete erweisen Menschen und Tiere wertvolle Dienste. Im Norden Israels liegt eins, das noch mehr ist - nämlich ein großes Freiluftlabor für Forscher. Ein Ausflug in Bildern.

Vogel­Monitoring im Hula­Tal 4

20.000 Kraniche machen schon einen Höllenlärm, doch mitten unter ihnen auf dem Feld zu stehen ist ein einzigartiges Erlebnis. Dabei sind sie nur ein kleiner Bruchteil der Reisegruppe: Eine halbe Million Zugvögel passieren jedes Jahr das israelische Hula-Tal auf ihrem Weg von Skandinavien nach Afrika.

Kranich-Geschrei im Hula-Tal

Um das Spektakel zu beobachten, kommen hunderte Touristen und Vogelbeobachter in den nördlichen Teil Israels, der an den Libanon und Syrien grenzt.

Doch nicht nur Vögel und Touristen haben das Hula-Tal für sich entdeckt - auch für Forscher ist er ein wahrer Schatz. Einst war es das größte Feuchtgebiet im Nahen Osten, heute ist es das einzige. Damit ist sein Schicksal exemplarisch: seit 1900 sind mehr als 60 Prozent der Feuchtgebiete weltweit verschwunden, die verbliebenen sind oft in schlechtem Zustand.

Dass Ökologe Ran Nathan tatsächlich mit seinem Team im Hula-Tal tausende Vögel beobachten kann, verdankt er einem eher unglücklichen Zufall. In den 1950er Jahren legte israelische Regierung die Region trocken, um das Trinkwasser zu nutzen. Vierzig Jahre später erkannte man den Fehler und renaturierte den Agamon-See. Mit Erfolg: Die Vögel kehrten zurück. Mehr als 300 Vogelarten leben hier - neben den Kranichen auch kleine Singvögel und Eulen.

Beispielsweise gibt es hier die größte Dichte an Schleiereulen. Während in Europa rund 40 Eulen-Pärchen auf 100 Quadratkilometern leben, sind es hier in Israel mehr als fünf mal so viele.

Die tierische Überbevölkerung führt oft zum Konflikt zwischen Natur und Mensch, doch die vielen Schleiereulen machen den Bauern rund um das Tal nichts aus - im Gegenteil: Sie stellen sogar freiwillig Nistkästen auf ihren Feldern auf. Denn die Schleiereulen interessieren sich nicht für die Erdnüsse oder Kichererbsen auf den Äckern, dafür umso mehr für Nagetiere. 2000 bis 6000 davon verspeist ein Eulenpärchen pro Jahr - es gibt kaum eine natürlichere und effektivere Schädlingsbekämpfung.

In ihren Nistboxen bleiben die Eulen aber nicht unbehelligt. Zwar gibt es keine Raubtiere, die sie fressen würden, aber ab und zu schleicht sich Motti Charter heran, um die Tiere herauszufischen und sie mit Sender-Rucksäcken auszustatten. "Wenn sie mich [dabei] beißen, ist es mein Fehler", sagt Charter und scherzt über seine vermeintliche Unbeholfenheit: "Jetzt hat sie mich angeschissen - das ist halt ihre Form der Rache."

Ungefähr 13 Gramm wiegt der Sender. Das entspricht drei bis fünf Prozent des Körpergewichts. "Das ist die normale Schwankungsbreite, die sie auch an einem Tag zu- oder abnehmen", erklärt Charter - angeblich merken die Tiere also nichts von ihrem Peilsender. Nach ein Mal Putzen verschwindet er auch unter dem Gefieder - nur der Antennendraht wird dann noch zu sehen sein.

Alle zwei Sekunden funkt der Sender ein Signal - bis der Rucksack ihnen nach einer Weile wieder abgenommen wird, denn die meisten Vögel fängt der Ornithologe mehrfach.

Die gesammelten Daten geben etwa Aufschluss über die Hoheitsgebiete eines Eulenpaares und ihr Jagdverhalten. Das zeigt sich sehr variabel: So jagte ein Eulenpärchen vor allem im Umfeld seiner Nistbox, während das Paar im Territorium nebenan ein weiter entferntes Jagdgebiet wählte und Beutetier um Beutetier zum Nest zurückflog.

Mit dem Monitoring wollen die Forscher verstehen, wie solch unterschiedliches Verhalten zustande kommt, erklärt Charter: "Über den Ablauf des Flüggewerdens wissen wir bislang so gut wie gar nichts. Wir können sie bei Nacht nicht jagen sehen. Wir wissen nicht ob sie Gruppen bilden oder alleine jagen, oder ob sie von ihren Eltern lernen."

Zwischen den hohen Gräsern im Hula-Tal verbergen sich noch mehr Geheimnisse, die die Forscher zu lüften versuchen.

In der Abenddämmerung kann man das Gezwitscher der vielen Singvögel zwar hören, sie mit bloßem Auge zu entdecken oder gar zu fangen, wie die Schleiereulen, das klappt nicht.

Singvögel im Hula-Tal

Die Forscher haben deswegen entlang der Feldwege Netze aufgespannt, kaum erkennbar für das Vogel-Auge, um sie zu erwischen.

Sobald sie im Netz hängen, bewegen sie sich kaum noch. Bis Yosef Kiat aus Nathans Arbeitsgruppe kommt, um sie vorsichtig daraus zu befreien.

Kiat erkennt die Tiere oft schon auf den ersten Blick. Seit mehr als zehn Jahren ist er "bird ringer" und bestückt Vogelfüße mit winzigen Metall-Ringen zur Identifikation. Heute stattet er sie zusätzlich mit kleinen Sendern aus. Wie bei den Schleiereulen erhoffen sich die Forscher auch bei den kleinen Singvögeln neue Erkenntnisse.

Denn auch wenn die kleinen Singvögel nicht so aussehen: Auch sie ziehen über weite Strecken, wie die großen Kraniche. Sie nehmen bloß den entgegengesetzten Weg: etwa vom Libanon in die Türkei oder nach Griechenland, um dort zu überwintern.

"Wir können sie in Echtzeit und in der Wildnis beobachten. Mit Hilfe der Technologie können wir unsere Theorien überarbeiten und verfeinern, damit sie die Realität noch besser wiedergeben", so Nathan. "Früher hatten wir etwa 300 Datenpunkte für ein ganzes Forschungsprojekt. Jetzt erheben wir so viel in einer Stunde."

Eine dieser Theorien beschreibt den Zusammenhang zwischen Bewegungsmustern und dem Federwechsel der Vögel: "Verschiedene Arten ersetzen ihre Federn in unterschiedlichen Entwicklungsstufen und auf verschiedene Weise - und wir wollen die Variation dieser Strategien verstehen. Weil die Handschwingenfedern essentiell sind, damit diese liebenswerten Flugmaschinen sich bewegen können, erwarten wir, dass Unterschiede im Bewegungsmuster mit unterschiedlichen Mauser-Strategien einhergehen."

Solche feingliedrigen Prozesse lassen sich bislang nur hier im Hula-Tal untersuchen. Denn neben den kleinen Sendern an den Vögeln braucht man natürlich auch Empfänger, Bodenstationen - die zusammen das weltweit einzige Atlas-System ("Advanced Tracking and Localization of Animals in real-life Systems") bilden. So "sehen" die Wissenschaftler viel mehr, als sie jemals nur mit einem Fernglas beobachten könnten.

Bewegung nicht einfach isoliert zu betrachten - sondern sie in Zusammenhang mit anderen biologischen Prozessen im Vogelleben zu verstehen, das ist die Grundidee von Ran Nathan.

Schon als Kind beobachtete er Vögel, damals noch mit einem Fernglas statt mit High-Tech. Als Forscher stellte er dann fest, dass Bewegung von Tieren in der Wissenschaft immer nur isoliert beschrieben, aber selten im Kontext betrachtet wird - ganz egal, ob es um die Bewegung von Schmetterlingen, Luchsen, Geiern oder Elefanten geht.

Deswegen gründete er 2010 an der Hebrew University of Jerusalem die damals weltweit einzige Arbeitsgruppe zu "Movement Ecology", die Bewegung und Ökologie verbindet. Als "Vogelbeobachter mit einer Leidenschaft fürs Fliegen" war schnell klar, auf welche Tiere er sich spezialisieren würde.

In schon fast völliger Dunkelheit nehmen Nathans Kollegen dann die Signalverfolgung der Singvögel auf. Solange die Tiere das Tal nicht verlassen, zeichnen die Computer des Teams jeden Flug auf.

Ab Mai 2016 will Nathan das System auch an anderen Orten etablieren, gemeinsam mit den deutschen Universitäten Frankfurt und Potsdam. Erstmal nur auf zehn Quadratmeter große Areale begrenzt, was den Bewegungsspielraum vieler Tiere schon abdeckt. Aber ihre Vision reicht weiter: Irgendwann soll das Monitoring-System Globus-umspannend laufen - sodass die Forscher mit den Vögeln weltweit fliegen können.

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