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Kultur

Mit dem Specht gegen Repression 2.0

China hat geschätzte 200 Millionen Internet-User und über 20 Millionen Blogs. Deren Überwachung lässt sich die Regierung einiges kosten - an Geld und Prestige. Doch sie lässt sich austricksen.

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Löcher in der Großen Chinesischen Firewall

Mauerspechte: Christoph Wachter (links) und Mathias Jud auf der analogen Chinesischen Mauer

Mauerspechte: Christoph Wachter (links) und Mathias Jud auf der analogen Chinesischen Mauer

Spötter nennen Chinas Internet-Zensur die "Große Chinesische Firewall". Sie muss die lange Liste der chinesischen Tabu-Themen aussortieren: Tibet gehört selbstverständlich dazu, das Tian'anmen-Massaker von 1989, die eingestürzten Schulen bei dem großen Erdbeben vor einigen Monaten. "Webseiten sollten korrekte Informationen vermitteln, statt die Menschen in die Irre zu führen und negativ auf die soziale Ordnung einzuwirken", hat der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao einmal gesagt. In Punkto Pressefreiheit belegt China nach einer Rangliste der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) die 163. Stelle unter 168 Ländern.

Die einfachste Zensur-Methode ist das Blockieren von unliebsamen Webseiten an Internet-Knotenpunkten, wie es etwa regelmäßig mit BBC Chinesisch oder auch dw-world.de/chinese jahrelang praktiziert wurde. Technisch anspruchsvoller ist das Filtern der Inhalte nach Schlagworten, die Verweigerung eines Verbindungsaufbaus oder die Umleitung von Suchanfragen - die Wege der Gängelung sind nahezu unergründlich, wie die 25.000 bei Olympia akkreditierten Journalisten gerade miterleben dürfen. Seiten wie die von Amnesty International sind nach wie vor selbst aus dem Pressezentrum nicht zu erreichen, zu Themen wie Falong Gong geben die Suchmaschinen nichts her.

Screenshot

Unerwünscht: Eine geblockte Website

An Versuchen, die Mauer einzureißen, mangelt es nicht: Gerade im Vorfeld der olympischen Spiele steigt der Druck auf die chinesische Regierung, das Internet zu öffnen - sowie es dem Internationalen Olympischen Comitee (IOC) bei der Bewerbung für die Spiele eigentlich versprochen worden war. Die Seiten der Deutschen Welle sind daher nun erstmals seit Jahren wieder überall in China ohne Einschränkung zu erreichen.

Es gibt aber auch Dutzende von Möglichkeiten, die Wachhunde zu überlisten. Dabei werden die fraglichen Inhalte meist so verschlüsselt, dass deren meist textbasierten Suchalgorithmen nicht greifen. Eine der cleversten Projekte dürfte dabei Picidae (lateinisch für Specht) sein. Wer über picidae.net eine zensierte Website aufruft, bekommt die kompletten Inhalte von einem außerhalb des Landes stehenden "pici-Server" als Screenshot geliefert – inklusive Verlinkungen und Formularfeldern.

Digitaler Mauerspecht

Der Specht schlägt Löcher in die Firewall, indem er Websites in Bilder umwandelt. Das Bild dient quasi als digitale Verschlüsselung, denn es kann von Zensurprogrammen nicht nach Schlüsselworten durchsucht werden. Erfunden haben es die Schweizer Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud. "Es war gar nicht als politisches Projekt gemeint", sagt Jud. Dass ihr Projekt nicht nur Kunstpreise bekommen hat, sondern nun auch der Meinungsfreiheit hilft, ist den beiden aber sehr recht. "Ist ja prima, wenn Kunst auch mal einen praktischen Nutzen hat", meint Wachter.

200 Millionen User, wenig Freiheit: Schild eines Internet-Cafés aus Schanghai

200 Millionen User, wenig Freiheit: Schild eines Internet-Cafés aus Schanghai

Im Frühjahr 2007 reisten sie zum Selbstversuch nach China oder, wie sie es beschreiben, "ans Ende des Internets". Mit Hilfe von Picidae konnten sie dort problemlos alle Seiten erreichen, Bilder vom Massaker am Platz des Himmlichen Friedens eingeschlossen. Die chinesischen Überwacher waren alarmiert - seit Mitte Juni 2008 ist picidae.net in China geblockt

Wenn aber möglichst viele Internet-Benutzer ihren Computer als "pici-Server" einrichten, funktioniert das Projekt unabhängig von der Mutterseite. "Die Idee ist ein chaotisches Netzwerk", sagt Wachter. "Es gibt keinen zentralen Zugang. Jeder kann sich das frei runterladen, einrichten und modifizieren. Es ist von keinem Punkt aus zu sehen, wie viele Leute angeschlossen sind. Wir wissen nicht, wie viele dort draußen jetzt sind. Das hat den Vorteil, dass man es nicht zensieren kann."

Methode Selbstzensur

Die Rückmeldungen machen Mut: Tausende haben sich schon die Idee des schweizerischen Spechts zu eigen gemacht. Es ist ein neuer Abschnitt des gigantischen Hase- und Igel-Spiels zwischen Internet-Dissidenten und Zensoren, das sich überall wiederholt, wo das Web beschnitten wird - und die Zahl der Staaten, die den Zugang zum Internet überwachen, wächst. Die "Open Net Initiative" (ONI), ein Zusammenschluss der Universitäten Harvard, Toronto, Cambridge und Oxford, dokumentiert die Einschränkungen minutiös, von Tunesien, über Syrien den Iran oder bis eben nach China. Als einen der am meisten "verbreiteten und effektivsten Wege" nennt ONI dabei die Förderung der Selbstzensur - sozusagen die psychologische Firewall. Niemand weiß genau, wie viele chinesische Internetnutzer wirklich im Gefängnis sitzen oder ob wirklich die kolportierten 30.000 Cyberpolizisten Jagd auf Dissidenten machen. Sicher ist jedoch, dass sich Surf- und Post-Verhalten beinahe zwangsläufig ändert, wenn der User das Gefühl hat, beobachtet und gegebenenfalls bestraft zu werden - es ist wahrscheinlich effektiver, eine Atmosphäre der umfassenden Überwachung zu schaffen, als tatsächlich zu überwachen.

China Olympia Internet bleibt in olympischem Pressezentrum zensiert

Frust im Pressezentrum: Trotz gegenteiliger Zusagen wird zensiert

Die Pici-Väter Wachter und Jud hoffen jedoch, auch diese Repression 2.0 überwinden zu können. "Unser eigener Pici-Server hat schon Millionen Seiten ausgeliefert", sagt Wachter. "Die Seite wird gespiegelt und sogar auf Audiofiles vorgelesen und verschickt. Es gibt sehr viele, die eigene Pici-Server aufsetzen - und in China wurden sogar schon Plakate aufgehängt, die auf die Seite aufmerksam machen."

Staatsgeheimnis online

Vielleicht ist es also doch ein Zeichen gegen die Zensoren, dass ihnen dieser Tagen das vermeintlich bestgehütete Geheimnis im Vorfeld der Olympischen Spiele entglitt. Trotz der allgegenwärtigen Überwachung filmte ein südkoreanischer Kameramann die Generalprobe der Eröffnungsfeier im Olympia-Stadion von Peking. Selbst auf der großen chinesischen Internet-Seite sina.com waren Schnipsel davon zu sehen. Das Olympische Organisations-Komitee zeigte sich enttäuscht. Die Reaktionen der Internet-Überwacher sind nicht überliefert.

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