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Sport

Mit dem Skilift in die Favela

Pünktlich zum WM-Viertelfinale ist Rio de Janeiro um eine Touristenattraktion reicher: eine Seilbahn, die das Stadtzentrum mit der ältesten Favela Rios verbindet. WM-Reporterin Astrid Prange ist mitgefahren.

Bin ich hier richtig? Das Ruckeln der Seilbahn, das Schaukeln und Schwingen am Drahtseil, all das kommt mir irgendwie vertraut vor. Ja, es geht steil bergauf, die Gipfelstation ist bereits in Sicht.

Ich setze mich in die Kabine, und genieße den Ausblick. Ich schließe die Augen, und für einen kurzen Augenblick ziehen Bilder von schneebedeckten Berghängen und eisigen Gletschern an mir vorbei.

Die flüchtigen Erinnerungen an Skiurlaube in den Alpen verflüchtigen sich allerdings, als ich die Augen wieder öffne. Zwar stammt die Seilbahn, in der ich sitze, von der österreichischen Firma Doppelmayr. Doch der Berg, den sie hochfährt, liegt nicht in den Alpen, sondern mitten im Stadtzentrum von Rio de Janeiro.

Nur drei Tage vor dem WM-Viertelfinale wurde am sonnigen Vormittag des 2. Juli eine Seilbahn in Rios ältester Favela "Morro da Providencia" feierlich eröffnet. Die Gondeln verbinden die Favela mit Rios Hauptbahnhof "Central do Brasil".

Der Stadtteil, der im 19. Jahrhundert von brasilianischen Soldaten gründet wurde, die nach ihrer Rückkehr von der Front nicht die Grundtücke erhielten, die ihnen versprochen worden waren, liegt in der Nähe von Rios Hafen.

Die Aussicht von der Bergstation ist nicht weniger imposant als das Panorama vom österreichischen Großglockner. Hinter dem großen Turm des Zentralbahnhofs erscheint in Umrissen der Zuckerhut, auf der anderen Seite eröffnet sich der Blick auf Südamerikas längste Brücke. Die 14 Kilometer lange "Ponte Rio-Niteroi" erhebt sich über die Bucht von Guanabara und verbindet Rio mit der gegenüberliegenden Stadt.

Natürlich sind auch mit diesem Bauwerk nicht alle Bewohner vom "Morro da Providencia" einverstanden. Viele finden es zu teuer, andere meinen, es gebe dringendere Investitionen, oder sie sind verärgert über die Umsiedlungen von Bewohnern, deren Häuser der Seilbahn im Wege standen.

Doch selbst Kritiker ließen sich die Testfahrt nach der Einweihung nicht entgehen. Ein kurzes Magenkitzeln, ein kurzer Rundgang auf der Bergstation, dann geht es wieder zurück in die Niederungen des großstädtischen Chaos. Rios Verkehr schaukelt sich zurecht - mit brasilianischem Stau und österreichischer Gelassenheit.

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