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Kultur

„Mit dem Reich Gottes ist es wie ...

mit einem Attentäter…?“ (EvThom 98) – eine jesuanische Zumutung jenseits der Bibel. Von Dr. Rita Müller-Fieberg, Bergisch-Gladbach.

Dr. Rita Müller Fieberg ist Dozentin für katholische Theologie am Institut für Lehrerfortbildung in Mülheim an der Ruhr

Nicht alles, was Jesus gesagt und getan hat, ist uns in den vier Evangelien unserer Bibel überliefert. Es gibt eine ganze Reihe so genannter „apokrypher“ Schriften, die neben oder auch nach den biblischen Schriften entstanden sind und den Weg in unseren kirchlichen Bibelkanon nicht gefunden haben. Oft handelt es sich um Legendarisches – aber bisweilen finden wir dort Aussagen, die mit großer Plausibilität von Jesus selbst stammen könnten. So ist es auch mit dem folgenden Gleichnis aus dem Thomasevangelium, das ich Ihnen nun vorlesen möchte.
„Jesus sprach: Das Königreich des Vaters gleicht einem Mann, der einen Mächtigen töten wollte. Bei sich zu Hause zog er das Schwert aus der Scheide und durchbohrte die Wand, um zu erkennen, ob seine Hand stark genug sein werde. Dann tötete er den Mächtigen.“
Ein starkes Stück, nicht wahr? Nein, Sie haben sich nicht verhört: Es handelt sich um ein Gleichnis, der formalen Gattung nach wohl vertraut – aber um ein Gleichnis von einem Attentäter. Das Reich Gottes, der zentrale Inhalt der Botschaft Jesu, wird hier tatsächlich verglichen mit einem Mörder mitten in seinen Tatvorbereitungen. Und das soll Jesus wirklich gesagt haben? Andererseits: Wer unter den Christusgläubigen hätte sich im Nachhinein getraut, Jesus etwas so Verwirrendes und Anstößiges in den Mund zu legen? Und belegen nicht auch neutestamentliche Texte, dass man Jesus Provokationen durchaus zutrauen darf, dass er sich in den Realitäten des Lebens auskannte? Gerade seine Gleichnisse sind doch mitten aus dem Leben gegriffen. Der Mann, der sich mit „Zöllnern und Sündern“ abgab, scheut sich nicht, ungerechte Richter und betrügerische Verwalter zu den Protagonisten seiner Erzählungen zu machen – warum dann nicht wie hier auch einen Mörder?
Jesus lebte in einem von den Römern besetzten Land – lag es da nicht vielleicht sogar nahe, auch gewaltsame Tötungen zu thematisieren? Der griechische Begriff, den das Gleichnis für das Mordopfer wählt, lässt zumindest an einen gutsituierten, vielleicht auch nichtjüdischen Würdenträger denken, wie er z.B. am Hofe des Herodes und seiner Nachfolger lebte und oft genug auch sein Unwesen trieb. Und Jesus beschreibt hier Bekanntes aus der damaligen Fechtausbildung: Auch Gladiatoren und Legionäre mussten erst einmal üben, ihren Stoß mit ausreichender Kraft für die Tötung des Gegners auszuführen.
Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als uns dieser auch moralischen Zumutung zu stellen – und vielleicht sogar Gewinn daraus zu ziehen. Man könnte beispielsweise die minutiöse Sorgfalt in den Mittelpunkt stellen, die der Attentäter bei seinen Vorbereitungen an den Tag legt: Umsichtig verbirgt er sein Tun vor den Augen der anderen, indem er sich in sein Haus zurückzieht. Dort probt er den Stoß, bis er sich seiner Wucht und Tiefe sicher sein kann – und schreitet erst dann zur Tat.
Vielleicht lässt sich dieser Zug des Gleichnisses als Aufforderung lesen: Wenn du dich auf das Reich Gottes, auf das Leben als Christin oder Christ einlässt, prüfe dich gut! Das ist keine leichtfertige Entscheidung – sei dir der Konsequenzen deines Handelns bewusst! Vielleicht liegt der Akzent bei diesem Gleichnis aber auch auf dem Schluss. Denn das Vorgehen des Mörders läuft mit hundertprozentiger Sicherheit auf die Tötung des Mächtigen hinaus, ein Scheitern ist ausgeschlossen. Ähnlich wie der Erfolg der Saat in den Saatgleichnissen nie zur Disposition steht, könnte auch das erfolgreiche Attentat diejenigen ermutigen, die zweifelnd fragen, ob sich Gott und sein Reich in dieser scheinbar so anders verfassten Welt denn wirklich je durchsetzen können. Allen Zweiflern und Verzagten damals wie heute spräche Jesus dann mit diesem Gleichnis zu: Ihr könnt euch auf Gott verlassen. Was er begonnen hat, wird er zu Ende führen.
Zugegeben, dies geschieht in drastischen Bildern, wie es so manche Werbekampagne heute nicht besser könnte. Doch vielleicht bedarf es manchmal solcher Bilder, um aufgerüttelt zu werden aus zögerndem Kleinmut und Resignation.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Frau Dr. Silvia Becker.

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