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Bücher

Mit dem Rücken zum Buch

Über Buchsortiersysteme, Literatur-Roboter oder Schriftsteller als Autofahrer: Hier schreibt Thomas Böhm Kolumnen aus dem Lesealltag.

Symbolbild Buchmanieren: Gabel neben aufgeschlagenem Buch

"Haben Sie kein Bücherregal, vor das Sie sich stellen können? Dann ist auch auf den ersten Blick klar, dass Sie ein Büchermensch sind." Weil ich einer bin, sind mir Fotos, auch von mir, ziemlich egal, egal im Sinne von: "Ich stell mich irgendwo hin, Sie knipsen." Das hatte ich auch jenem Fotografen gesagt, der mich für eine Lokalzeitung fotografieren sollte. Also vor die Bücherwand. So wie Sarkozy, Mitterrand, de Gaulle. Die sah ich kurz darauf in einer Ausstellung in Berlin unter dem Titel "Macht zeigen - Kunst als Herrschaftsstrategie" und zwar auf den offiziellen Präsidentenfotos, die in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland von jedem Präsidenten gemacht werden, um in französische Amtsstuben zu lächeln.

Lesen geht zu weit

Interessant im Vergleich der drei ist, dass nur Mitterrand so weit geht, ein Buch in die Hand zu nehmen. Aber natürlich nicht hineinschaut. Das wäre auch die falsche Botschaft – ein Politiker kann sich ja nicht als gedankenverlorener Leser darstellen lassen, der die Amtsgeschäfte vernachlässigt. Das Buch soll nur ein Signal sein: man ist im Kontakt mit Wissen und Weisheit, und zwar in unbegrenztem Ausmaß, deshalb lässt man sich vor Bücherwänden fotografieren, die den ganzen Hintergrund ausfüllen. Wie begrenzt in jedem Sinne sähe es dagegen aus, vor einem einzigen, freistehenden Billy-Regal, 80 mal 28 mal 202 zu posieren? Nein, der Buchhintergrund muss grenzenlos sein, um zu wirken. Zeitlos auch, deswegen haben sich zum Beispiel Politiker, Ratsherren, Könige über Jahrhunderte hinweg nicht als Zeitungsleser darstellen lassen. Zu vermeidende Botschaft: Wer die Zeitung liest, hat es nötig, etwas aus ihr zu erfahren. Außerdem sind Zeitungsleser dem schnellvergänglichen Tagesgeschehen verfallen.

Mit dem Rücken zum Buch

Porträt Thomas Böhm

Thomas Böhm...ohne Buch

Mein Verfallen-Sein hat mich dann schon interessiert und so habe ich mir die Zeitung mit meinem Bild gekauft. Bei längerer Betrachtung stellte sich bei mir ein Unwohlsein ein: Da stand ich also mit dem Rücken zum Buch. Aber ich konnte den Eindruck nicht loswerden, dass es die Bücher waren, die mir auf diesem Foto, auf dem ich eben nicht las, die kalte Schulter zeigten.

Redaktion: Gabriela Schaaf / Ba

Thomas Böhm ist Programmleiter des Gastlandauftritts Island bei der Frankfurter Buchmesse 2011

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