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Nahost

Mit dem Islam gegen den Islamismus

Bei der Konferenz der "Organisation für Islamische Zusammenarbeit" ist die Mitgliedschaft Syriens wie erwartet ausgesetzt worden. Klar ist: Assad verliert den Rückhalt in der islamischen Welt.

Die Konferenz der "Organisation für Islamische Zusammenarbeit" (OIC) im saudi-arabischen Mekka begann mit einem Paukenschlag: Die Außenminister der knapp 60 dort versammelten Staaten empfahlen zu Beginn des Treffens, Syriens Mitgliedschaft in der Organisation zeitweilig aufzuheben. Einzig Algerien und Iran, einer der engsten Verbündeten der Regierung Assad, sprachen sich gegen den vorläufigen Ausschluss des Landes aus. Damit signalisierte die Konferenz, noch bevor sie eigentlich begonnen hatte, wie sehr die Region von konfessionellen Spannungen geprägt ist.

Sunniten versus Schiiten

Zwar beansprucht die OIC-Konferenz - wie alle anderen dem syrischen Bürgerkrieg gewidmeten Konferenzen auch - der Gewalt in Syrien ein Ende zu setzen. Unter der Hand vermittelt sie aber eine weitere Botschaft: Der Konflikt in Syrien steht immer stärker unter dem Vorzeichen der Religion. Und so ist es kein Zufall, dass sich Iran als großer schiitisch dominierter Staat gegen die Aufhebung von Syriens Mitgliedschaft aussprach, während sich die sunnitisch dominierten dafür aussprachen.

Ebenso passt dazu der Umstand, dass der ebenfalls schiitisch-regierte Irak an der Konferenz nicht teilnimmt. Die schiitischen Staaten - und mit ihnen das von der Alawiten-Familie Assad beherrschte Syrien - sind isoliert. Und auch, wenn das Assad-Regime noch nicht gestürzt ist, spricht doch alles dafür, dass die Sunniten das künftige Geschick Syriens erheblich stärker mitbestimmen werden als bislang. Denn bis auf Iran, Russland und China hat die Regierung Assad keine Verbündeten mehr. Und es scheint nicht so, als könnten diese drei Assads Fall verhindern. Seine Gegner hingegen sind allesamt Sunniten. Mit ihnen verbündet sind die westlichen Staaten, die ebenfalls auf den Sturz Assads hinarbeiten.

Gegen religiöse Extremisten

Der iranische Regierungschef Mahmud Ahmadinedschad, hier auf einer Konferenz an der Universität Teheran, 8.2. 2012. (Foto: Reuters)

In Mekka isoliert: der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad

So verstanden, spiegelt die Konferenz der 1969 gegründeten Organisation mit ihren derzeit 57 islamisch geprägten Mitgliedsstaaten den immer stärker konfessionellen Charakter des syrischen Bürgerkrieges – einen Charakter, den manche der in Mekka versammelten Akteure tatkräftig gefördert haben, allen voran solche aus Saudi-Arabien selbst. Denn es gilt als ausgemacht, dass eine ganze Reihe privater saudischer Institutionen sunnitische Extremisten fördern, die in Syrien nicht für die Demokratie, sondern den Triumph ihres Glaubens kämpfen. In anderen Worten: Sie kämpfen vornehmlich gegen syrische Schiiten.

Tatsächlich ließen sich in Syrien klare religiöse Spannungen beobachten, erklärt der Islamwissenschaftler Udo Steinbach. "Und wenn im Namen der Religion, im Namen religiöser Stigmatisierung ein Angehöriger einer Religionsgemeinschaft getötet wird, dann wird damit ein Element der Abrechnung in die Auseinandersetzung gebracht, das sich nach dem Sturz des Regimes böse auszahlen wird."

Doch an einem immer stärker konfessionell geprägten Charakter des Konflikts können Syriens Nachbarstaaten ebenso wie ihre westlichen Verbündeten kein Interesse haben. Aus diesem Grund hat Abdel Bari Atwan, der einflussreiche Chefredakteur der arabischen Tageszeitung "Al Quds al Arabi", am Dienstag in seinem Leitartikel an die Teilnehmer der Konferenz appelliert, die konfessionellen Spannung in der Region endlich zu überwinden. "Wir müssen vor allem lernen, miteinander zu leben und uns von den ideologischen und ethnischen Spannungen zu emanzipieren. Danach wird sich die Solidarität von selbst einstellen und auch ohne eine Konferenz festigen."

Iran droht konfessionelle Isolierung

Tausende von Pilgern umkreisen die Kaaba in Mekka, 4.11. 2011. (Foto: AP/dapd)

Zentrum der islamischen Welt: Mekka in Saudi Arabien

Tatsächlich könnten sich die religiösen Spannungen am Ende für keinen der beteiligten Staaten auszahlen. Am stärksten bekommt das derzeit Iran zu spüren, der als schiitischer Staat derzeit stark in die Defensive gerät. Stürzt Assad, verliert Iran den unmittelbaren Kontakt zur libanesischen Hisbollah, zu der er derzeit enge Beziehungen pflegt. Dadurch würde auch sein Ruf als unnachgiebigster Gegner Israels geschwächt. Stürzte das Assad-Regime, verlöre Iran viel, erklärt der Iranist Walter Posch.

"Den Iranern geht es weniger um die Familie Assad oder um die Baath-Partei. Ihnen macht der Umstand Sorge, dass ihre Kontakte zur Muslimbrüderschaft oder zu anderen sunnitischen islamistischen Gruppen, die die Mehrheit bilden, hintertrieben werden und sie dann überhaupt keinen Kontakt mehr zu den Syrern haben. Das erschwert auch die Kontaktaufnahme zu den libanesischen Schiiten." Aber vor allem, erklärt Posch, fürchte Iran dass die konfessionell geprägten Unruhen auch auf das eigene Staatsgebiet überspringen könnten. Dort bilden die Sunniten mit 9 Prozent der Bevölkerung nach den Schiiten die zweitgrößte konfessionelle Gruppierung des Landes.

Doch auch die sunnitischen Staaten haben Anlass, die Entwicklung der syrischen Revolution in Richtung einer konfessionell geprägten Auseinandersetzung mit Sorge zu betrachten. Denn die konfessionellen Spannungen könnten auch auf ihr Terrain durchschlagen, leben doch auch auf ihrem Staatsgebiet Schiiten. In Saudi Arabien bilden sie knapp 15 Prozent der Bevölkerung, in Kuwait 35 Prozent und in Bahrain sogar 60 Prozent. Die saudischen Schiiten sind aber auch in geographischer Hinsicht eine Herausforderung für das Königshaus: Sie leben überwiegend im Osten des Landes, da, wo sich auch die riesigen Ölfelder befinden. Begehrten sie auf, hätte das leicht auch wirtschaftliche Konsequenzen.

Geister in der Flasche

Insofern, erklärt Udo Steinbach, sei die Konferenz ein kluger Schritt, versuchten die Teilnehmer doch, die konfessionellen Spannungen zu überbrücken. Die Konferenz werde zwar auf den Konflikt in Syrien keine direkten Auswirkungen haben. "Langfristig aber kann sie zudem verhindern, dass die politischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten jenseits von Syrien gewissermaßen immer stärker eine konfessionelle Komponente bekommen."

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