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Kultur

Mit dem Herzen reparieren

Von Pfarrer Gerhard Engelsberger, Dielheim

Pfarrer Gerhard Engelsberger

Er steht neben mir und schwitzt. Das mit der Gas-Therme für unsere Dusche ist doch schwieriger, als er dachte. Er ist eigentlich einer, der hinlangt, der nicht auf die Uhr schaut, der sich nicht so schnell unterkriegen lässt. Er hat eine Geduld wie ein Esel und schafft für zwei. Während er schraubt und schafft und hämmert und den Fehler sucht, der unseren Gasboiler im Bad so alt aussehen lässt, - während er mit Händen und Füßen arbeitet -, beginnt er zu erzählen. Von einem Freund. Und ich spüre, dass ihm das nachgeht.

Er erzählt jetzt nicht, weil da ein Pfarrer neben ihm steht. "Nach außen sieht es so aus, als sei alles mit ihm in Ordnung. Er sagt selbst, er sei über dem Berg. Er würde nichts trinken und hätte keine Probleme damit. Das sei jetzt ausgestanden."

Der Klempner legt den Schraubenzieher weg oder steckt ihn zerstreut in irgendeine Tasche. Er ist in Gedanken ja längst nicht mehr in unserem Bad. Er ist bei einem, den er "Freund" nennt, und dem - so sagt er - die Frau davongelaufen ist. Und das mit 52 Jahren. Da hätten sie’s doch eigentlich bald geschafft gehabt! Die Kinder sind aus dem Haus, und das Haus selbst ist fast schuldenfrei. Sagt er. Und wischt sich den Schweiß. "Ist das richtig?" fragt er.

Was soll ich sagen? Ich kenne weder sie noch ihn. Ich kenne nur viele Ehen, die nicht nur müde sind, die eigentlich längst schon gestorben sind. Nur, es beerdigt sie keiner. Und ich weiß, dass das Davonlaufen eine ebenso hilflose Geste ist wie das Durchhalten um jeden Preis. Ach, wenn sie doch gelernt hätten zu sagen, was sie fühlen und zu tun, was sie denken und zu verzeihen mit großem Herzen.

„Sie meinen auch, ich sollte noch einmal mit ihm reden.“ Ja, das meine ich. Dabei weiß ich, wie viele große Töne spucken und doch ganz kleine Brötchen backen, von denen sie selbst nicht satt werden. "Ja, Sie sollten noch einmal mit ihm reden", sage ich. Er verschwindet wieder unter dem Gasboiler, dreht Schrauben, hämmert, klopft, probiert, - es will nicht.

Irgendetwas, was er nicht kennt, was er nicht erklären und auch nicht auf die Schnelle beheben kann, klemmt, spielt ihm einen Streich. Dabei ist er ein so lieber Kerl, und gäbe vielleicht nicht das letzte, aber sicherlich das beste Hemd für den Freund. Und eine nicht berechnete Überstunde für mich, der ich nur warmes Wasser zum Duschen möchte.

Zwei Stunden werden es am Ende sein, die wir auf diese Weise miteinander verbringen. Ich schaue zu, wie er arbeitet, versuche zu helfen, wo ich kann. Und er schraubt, sucht den Fehler in einem Gewirr von Leitungen, Kabeln, Schaltern, Anschlüssen, Konstruktionen.

Am Ende tut der Boiler doch wieder seinen Dienst, und er weiß nicht warum. Und geht. Und wird vielleicht doch mit seinem Freund reden. Und vielleicht auch mit der eigenen Frau, dass ihnen so etwas nicht passiert. "Aber da steckt man nicht drin", sagt er.

Und hat Recht. Und hat sehr Recht. Und weiß vielleicht besser als unsereins, der Predigten schreibt und Bücher und gelegentlich Sendungen macht im Rundfunk, - weiß viel besser, was Gnade ist.

Und wird morgen in der Frühe, so hoffe ich, aufwachen neben einer Frau, die ihn liebt und die er liebt. Und wird vielleicht - wenigstens kurz und beiläufig - "danke" sagen, seiner Frau, dem lieben Gott oder all denen, die mit dem Herzen reparieren. Es gibt so wenige davon. Und wir haben sie so nötig. Die, die mit dem Herzen reparieren. Man nennt solche Menschen auch "Freunde".

Im Psalm 103 lesen wir: "Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Der dir alle deine Sünde vergibt … der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler."

Das wünsche ich Ihnen und all denen, denen Sie in Freundschaft oder Liebe verbunden sind.

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