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Deutschland

Mit dem Drachen über die Weltmeere schippern

Hohe Treibstoffkosten zwingen Schiffsreedereien zum Sparen. Der Einsatz von alternativen Schiffsantrieben, wie zum Beispiel Windkraft, erlebt deshalb eine Renaissance.

Die MS Beluga mit einem Skysail (Foto: DW-TV)

Die MS Beluga probierte den Zugdrachen "Skysail" zuerst aus

Ein kleiner Junge tobt über den Strand an der Hamburger Elbe. Er hat einen Drachen dabei. Der Junge läuft und läuft, hinterlässt tiefe Spuren im feinen Sand. Dann steigt sein Drachen in die Luft. Erst ein paar Meter, dann höher und höher. Der Junge spürt diesen wahnsinnigen Druck in den Seilen. Die Kraft des Windes. Und ist fasziniert davon. Dieser Junge ist Stephan Wrage und heute erzählt er gerne diese Episode. Inzwischen ist er Geschäftsführer der Hamburger SkySails GmbH. "Wenn Sie einmal von so einem Lenkdrachen, über den Strand geschleift wurden und sich dann am nächsten Tag im Segelboot langweilen, dann kommt automatisch die Frage: Kann man nicht diese immense Kraft, die ein Drachen hat, auch ins Schiff übertragen und Schiffen zur Verfügung stellen?" schwelgt Wrage in jugendlicher Erinnerung. Denn ein Drachen sei um das drei- bis fünffache leistungsfähiger als ein normales Segel. Das müsste doch eigentlich etwas bewirken können, meint er.

Kein Ruß und Schwefel mehr

Die jugendliche Faszination hat sich Stephan Wrage bis heute bewahrt und daraus eine Geschäftsidee gemacht. Statt rußender Motoren sollen Drachen, größer als eine Fünfzimmerwohnung, die Frachter antreiben. Der Wind wirkt dabei als Hilfsmotor. 2001 gründete Wrage mit Freunden seine Firma SkySails in Hamburg. Im Prinzip funktioniert das Ganze wie beim Drachensurfen, auch Kitesurfen, nur etwa 80 mal größer. Der rechteckige Lenkdrachen fliegt in 300 bis 500 Metern Höhe dem Schiff voraus und zieht es an. Zwischen 10 und 35 Prozent Treibstoffersparnis soll der Einsatz eines Zugdrachens "Skysail" dabei bringen, auf einigen Routen sogar bis zu 50 Prozent. Da kämen schnell Millionenbeträge für die Reedereien zusammen, bei den langen Strecken die sie pro Jahr mit ihren Schiffen absolvieren. Treibstoff ist teuer.

Einwandfreie Jungfernfahrt

Erstflug des SkySails-Zugdrachenantriebs auf der MS Beluga SkySails (Foto: SkySails GmbH)

Bis zu 50 Prozent Treibstoffersparnis - der Skysails-Zugdrachenantrieb

Die Jungfernfahrt mit einem Zugdrachen absolvierte Kapitän Lutz Heldt 2008 von der Bremer Reederei "Beluga Shipping". Über Bremen ging es nach Südamerika und von dort retour nach Norwegen. Zu schaffen machten dem Drachen dabei vor allem lange, hohe Wellen. Diese beeinträchtigten die Flugeigenschaften des Skysails. "Das Schiff geht bei so einem Wellengang sehr weit hoch und runter, das zieht den Drachen runter. Dadurch verändert sich die Flugfähigkeit und die Gefahr eines Drachenabsturzes besteht," erläutert Kapitän Lutz. Trotz kleinerer Probleme war der Schiffskapitän aber sehr zufrieden. "Für Containerschiffe wird sich das System nicht etablieren, weil die einfach zu schnell sind. Wir können mit diesem System optimal arbeiten, wenn ein Schiff bis zu 30 Kilometer pro Stunde läuft. Danach ist es relativ sinnlos, den Drachen arbeiten zu lassen," schränkt Lutz die Nutzbarkeit des Drachens ein.

Für schnell fahrende und sehr lange Containerschiffe kommt der Zugdrachen deshalb nicht in Frage. Eigentlich müsste sich Wrage vor Bestellungen kaum noch retten können, aber die Wirtschaftskrise führte einige Reedereien in die Insolvenz. Viele warten jetzt die Langzeittests des Skysails ab, um genau zu wissen, wie hoch die Kosten und wie hoch die Ersparnisse sein werden.

Renaissance eines Auslaufmodells

Die Universität Flensburg mit einen Flettner Rotor an einem Katamaran (Foto: Universität Flensburg)

Die Universität Flensburg installierte einen Flettner Rotor an einem Katamaran

Wirklich neu ist der Einsatz der Windkraft auf modernen Schiffen allerdings nicht. Schon im Februar 1925 stach die Buckau in Hamburg in See, nur angetrieben von zwei masthohen rotierenden Säulen. Der von Anton Flettner konzipierte "Flettner-Rotor" nutzt den so genannten Magnus-Effekt. Der rotierende Zylinder wird vom Wind umströmt und erzeugt somit Antrieb. Damals hielten Beobachter die Erfindung für die Zukunft, doch dann sank der Ölpreis und der Antrieb wurde uninteressant. Treibstoff war schlicht und einfach zu billig. Schnickschack wie den umständlichen Flettner-Rotor wollte keiner haben.

83 Jahre später erlebt der Flettner-Rotor dann seine Renaissance. Am 2. August 2008 läuft das Frachtschiff "E-Ship 1" bei der Lindenau-Werft in Kiel vom Stapel. Auftraggeber ist der Auricher Hersteller von Windenergieanlagen Enercon. Auf Deck des 130 Meter langen Schiffs stehen vier 25 Meter hohe Flettner-Rotoren. Hauptantrieb bleiben zwei konventionelle Dieselmotoren. Das Schiff soll für Enercon Windkraftanlagen über die Weltmeere fahren. Auch hier erhofft man sich deutliche Treibstoffersparnisse. 2010 durchläuft das "E-Ship 1" umfangreiche Tests - alle wohl bisher ohne Zwischenfälle.

Autor: Arne Lichtenberg
Redaktion: Klaudia Prevezanos

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