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Asien

Mit Blick zurück nach vorn?

Der 18.4.2002 ist ein historischer Tag. Denn an diesem Tag kehrte der Ex-König nach Afghanistan zurück, um zum Frieden und zur Stabilität beizutragen. Ein Kommentar von Günter Knabe.

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Ein rüstiger Greis von fast 90 Jahren kehrt nach drei Jahrzehnten aus der Fremde zurück in sein Land und wird dort als Held erwartet. Er wird - so hoffen die Menschen - sein Volk nach jahrelangem elenden Blutvergießen, nach Bruderzwist und tödlichen Intrigen endlich wieder einen und in eine schöne Zukunft führen. Das klingt wie eine der vielen Sagen und Legenden aus grauer Vorzeit. Es ist aber ein Stück von heute, der jüngste Akt aus dem politischen Drama Afghanistan.

Der Held in diesem Stück ist Mohammed Zahir, der 87-jährige Ex-König von Afghanistan. Er kehrt heute nach fast 29 Jahren aus dem italienischen Exil in sein Heimatland zurück. Für den letzten Abschnitt seines Lebens ist ihm die schwierigste Rolle zugedacht, die er je spielen musste. Die Erwartungen an ihn sind sehr hoch. Aber es ist noch allemal offen, ob er sie nur halbwegs erfüllen kann.

Das Drehbuch, nach dem der Ex-Monarch diesen schwierigen Part übernimmt, wurde in wesentlichen Teilen in Washington geschrieben. Die USA bestimmen seit dem Beginn des Kampfes gegen den Terror und damit gegen die Taliban und El-Kaida in Afghanistan, was am Hindukusch von wem wie gespielt werden soll.

Dazu gehört auch die Idee, dem alten Mohammed Zahir erneut eine wichtige Rolle zu geben. Bis zu seinem Sturz am 17. Juli 1973 war er tatsächlich das Symbol der Einheit aller Stämme und ethnischen Gruppierungen im Vielvölkerstaat Afghanistan. Die Paschtunen waren stolz auf ihn als König, weil er selbst aus diesem Teil der afghanischen Bevölkerung stammt. Da er in der Öffentlichkeit stets Dari sprach, konnten sich auch alle nicht-paschtunischen Afghanen mit ihm als ihrem Oberhaupt identifizieren.

In den fast 40 Jahren seiner Herrschaft wuchs Mohammed Zahir dann zunehmend in die Rolle eines Vaters aller Afghanen hinein, der zwischen den manchmal streitenden verschiedenen Zweigen der afghanischen Völkerfamilie ausglich und für Ruhe sorgte.

Mit Blick zurück auf diese Vergangenheit und sein damaliges Wirken wird nun dem früheren Monarchen die Aufgabe zugewiesen, seine Landsleute zurückzuführen auf den Weg zu innerem Frieden und Stabilität. Das ist kein schlechter Gedanke und auf jeden Fall einen Versuch der Ausführung wert. Aber es wäre naiv und geradezu gefährlich zu glauben, dieser Film könnte dort weiterlaufen, wo er mit dem Sturz des Königs gerissen ist.

Mohammed Zahir hat sein Land 29 Jahre lang nicht gesehen. Seine früheren Untertanen haben Jahrzehnte des Widerstandes gegen die afghanischen Kommunisten, gegen die sowjetischen Besatzer und die folgenden Bürgerkriegs-Schlächtereien hinter sich. Sehr tief ist die Kluft, die sich dadurch zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen aufgetan hat und sehr breit sind die Gräben, die aufgerissen wurden von Hass und Rachegefühlen. Die Paschtunen und die Minderheit der Hasaras fühlen sich außerdem benachteiligt, weil sie bei der Verteilung der Macht aufgrund der Petersberg-Vereinbarung nicht angemessen beteiligt seien.

Die Mehrzahl der Afghanen sind Analphabeten. Aber ihr politisches Bewusstsein ist aufgrund dieser Erfahrungen sehr hoch entwickelt. Trotz aller materiellen Zerstörungen und moralischen Verwüstungen sind die Traditionen der Afghanen und die seit Jahrhunderten überkommenen Institutionen erstaunlich intakt geblieben. Dazu gehören der Respekt vor dem Alter und die Anerkennung von Autoritäten ebenso wie das Wissen um die Funktion der Loya Dschirgah. Die Loya Dschirgah ist die Versammlung der Stammesältesten und anerkannten Führer aus allen Teilen Afghanistans. Auch die Erinnerung an die Monarchie und den damaligen König Mohammed Zahir ist bei den älteren Afghanen lebendig geblieben und von ihnen mit positiven Vorzeichen an die jungen Afghanen im Lande weiter gegeben worden.

Für große Teile der afghanischen Bevölkerung ist der Ex-König noch immer oder schon wieder der Baba, der gute Alte, der für alle sorgt. In dieser Idealisierung liegt die Gefahr, dass die Realität von heute in Afghanistan aus Sehnsucht nach Frieden verdrängt wird.

So anerkannt der Ex-Monarch auch immer noch sein mag, sein Wiederauftreten in Afghanistan alleine kann ein solches Wunder nicht bewirken. Obendrein gibt es starke Kräfte, die von vornherein gegen eine neue Rolle für ihn eingestellt waren. Das sind vor allem die Fundamentalisten, die es neben den Taliban in Afghanistan noch immer gibt. Auch viele der afghanischen Intellektuellen, von denen die meisten seit Jahren im Ausland leben, stehen dem früheren König und seiner politischen Reaktivierung überwiegend sehr reserviert gegenüber. Sie sind misstrauisch, weil sie ihm zu Recht einen Teil der Mitschuld an der tiefen Krise geben, in die Afghanistan während seiner früheren Herrschaft schließlich hineinrutschte. Gerade diese gut ausgebildeten Kräfte aber braucht das afghanische Volk für den Wiederaufbau.

Nur dann, wenn der Blick zurück auf afghanische Traditionen konzentriert wird auf die tragfähigen Grundlagen für eine Zusammenarbeit und Aussöhnung aller Afghanen, und es zudem gelingt, die im Ausland ausgebildeten Afghanen für die bitter notwendige Modernisierung und den Wiederaufbau ihres Landes zu gewinnen, besteht Hoffnung auf Frieden und Stabilität für Afghanistan.

Der Ex-König Mohammed Zahir kann einen Teil dazu beitragen. Dazu muss er sich aber darauf beschränken, als Bürger seines Landes sein immer noch vorhandenes Ansehen einzusetzen. Es ist ihm und seinem Volk zu wünschen, dass er diese historische Rolle im letzten Abschnitt seines Lebens erfolgreich spielt.