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Wissen & Umwelt

Mit Birkenwasser das Immunsystem aufpäppeln

Eine klare Flüssigkeit tropft aus einem winzigen Loch in einem Birkenstamm: Birkenwasser. Eines von vielen Waldprodukten, die gut für die Gesundheit, aber heute fast in Vergessenheit geraten sind.

Oberforstrat Ingo Esser, Leiter des Waldpädagogikzentrums Eifel, geht zielstrebig durch das Gelände des Freilichtmuseums Kommern zu einem kleinen Waldstück mit Birken. "Auf dem Kahlenbusch" heißt das Gebiet mit felsigem Untergrund und kargem Boden. Schon vom Hauptweg aus sind die weißlichen Stämme mit den schwarzen Musterungen zu sehen. Ein schmaler Trampelpfad führt direkt zur Birkengruppe.

Oberforstrat Esser kniet neben einer frisch angezapften Birke, aus der Birkenwasser tröpfelt (Foto: DW)

Frisch angezapft: Birkenwasser

Knapp zehn Zentimeter über dem Waldboden hat Ingo Esser ein kleines Loch in den Birkenstamm gebohrt, mit einem Akkubohrer, verrät er schmunzelnd. Das Loch ist nur wenige Millimeter groß, ein dünnes Plastikrohr führt vom Stamm direkt in ein Glasgefäß mit Deckel. Schon halbvoll ist das Glas – nach nur einer Stunde. Winzige Tropfen tröpfeln nach und nach in den Behälter. Manchmal laufe innerhalb einer Stunde schon ein halber bis dreiviertel Liter aus dem Birkenstamm heraus, hat Ingo Esser beobachtet. Birkenwasser schmeckt fast wie normales Wasser, es ist nur ein bisschen süßlicher.

Birkenwasser ist reich an Vitaminen

Eine andere Methode, um an das Birkenwasser zu kommen, ist das Freigraben der Wurzeln, wie der Oberforstrat erzählt. Schneide man eine etwa fingerstarke Wurzel ab, tropfe dort ebenfalls Birkenwasser heraus. Bei jungen Bäumen könnte man auch einen Zweig abschneiden und an der Schnittstelle laufe dann die Flüssigkeit heraus. Circa 150 bis 200 Liter Birkenwasser transportiert eine Birke im Frühjahr. In den Monaten Februar und März schießt das Wasser aus dem Boden in den Stamm der Birke, fließt in die Äste des Baumes und regt das Wachstum an. 

Auf einem Rucksack liegen eine Schale aus Birkenrinde, Birkenschnaps aus Minsk (Foto: DW)

Walderlebnisrucksack mit vielen Überraschungen

Insbesondere die Waldarbeiter nutzten früher in dieser Jahreszeit das Birkenwasser und hatten dadurch ihr Getränk direkt vor Ort. Sie wussten, dass das Birkenwasser reich an Vitaminen und wichtigen Inhaltsstoffen ist und dadurch gut für die Gesundheit. Außerdem gilt Birkenwasser als haarwuchsfördernd. Auch heute finden sich in jedem deutschen Drogeriemarkt Schampoos oder Haarpflegeprodukte mit Birkenwasser.

Nebenbei erzählt Ingo Esser, dass eine handvoll junger Birkenblätter auch als Salatblätter genutzt werden können und dass ein Teeaufguss mit getrockneten Birkenblättern gut gegen Rheuma wirkt.  

Zeitdruck und begrenzte Erntezeiten bei Waldprodukten

Der studierte Forstwissenschaftler hat eine tiefe Verbundenheit zum Wald. "Wir leben in der Natur und wir leben von der Natur", sagt er mit nachdenklicher Stimme. "Wir müssen die Natur nutzen, um zu überleben", vor allen Dingen, weil es natürliche Produkte seien. Genau das möchte er an interessierte Besucher des Freilichtmuseums weitergeben. An die Erwachsenen, aber auch an die Kinder.

Auf dem Waldboden hat Ingo Esser seinen großen Rucksack abgestellt.  Darin hat er verschiedene Dinge eingepackt, die sich aus Waldprodukten herstellen lassen, wie zum Beispiel eine Schale aus geflochtener Birkenrinde oder auch Birkenschnaps aus Minsk.

Eine Flasche mit eingelegten Fichten- und Kiefernspitzen (Foto: DW)

Eingelegte Fichtenspitzen gegen Magenverstimmung

Jetzt holt er eine selbst befüllte Flasche heraus mit Fichten- bzw. Kiefernspitzen. Nur 14 Tage dürfen diese alt sein, wenn sie geerntet werden – er muss also die Bäume genau beobachten. Zusammen mit klarem Korn und Honig oder Kandiszucker füllt er die Spitzen in eine Flasche und stellt sie ein halbes Jahr ins Sonnenlicht. Dadurch lösen sich die Inhaltsstoffe wie zum Beispiel die ätherischen Öle der Nadelbäume im Alkohol auf. Anschließend wird das Gebräu gefiltert und ist einsatzbereit: Der würzig, harzig schmeckende Kräuterschnaps soll bei Magenverstimmungen helfen.

Der Oberforstrat schwenkt die Flasche, so dass die Fichten- und Kiefernspitzen in der Flüssigkeit hin- und herschwappen. Ohne die Zugabe von Süßungsmitteln, verrät er, helfe der Kräuterschnaps bei Muskelschmerzen und Gelenkentzündungen.

Naturheilmittel direkt aus dem Wald

Oberforstrat Ingo Esser mit einer Handvoll Lindenblüten (Foto: DW)

Lindenblütentee ist ratsam bei Erkältungen

Ingo Esser verstaut die Flasche mit dem Kräuterschnaps wieder in seinem Rucksack und zaubert jetzt eine große weiße Dose hervor: Sie ist bis zum Rand mit Lindenblüten samt Blättern gefüllt. Die Erntezeit sei sehr begrenzt, erzählt der Förster. Im letzten Juni habe er wegen der vielen Regentage nur zwei bis drei Tage Zeit gehabt für die Ernte. Die Blüten müssen trocken und zugleich noch vollständig sein. Außerdem sei das Ernten zeitaufwendig und mühsam, weil die Blüten weit auseinander liegen. Anschließend trocknet er die Blüten und Blätter und hat einen prima Tee gegen Erkältungen. "Man kommt richtig ins Schwitzen durch eine Kanne Lindenblütentee", erzählt Ingo Esser. Man könne die Erkältung förmlich herausschwitzen.

Der Waldliebhaber packt seinen Rucksack zusammen und es geht weiter zu den alten Kohlemeilern. Dort muss er Blätter beiseite räumen und die oberste Erdschicht vorsichtig abtragen, ehe ein Stück Holzkohle zum Vorschein kommt. Heute werde Holzkohle vor allen Dingen zum Grillen verwendet, erzählt er, aber früher hatte sie medizinische Zwecke.

Mit dem Mörser oder in der Kaffeemühle wurde die Holzkohle zunächst gemahlen. Dann war sie einsatzbereit: Ein Löffel gemahlene Holzkohle mit etwas Flüssigkeit helfe wunderbar gegen Durchfall. "Meine Kinder mussten das essen, wenn sie krank waren, ob sie wollten oder nicht", sagt Ingo Esser lachend. Die Holzkohle, in der Apotheke auch als Kohlekompretten bekannt, saugt die Giftstoffe im Darm auf. Dadurch wirkt sie auch bei zu viel Alkoholkonsum.

Ich habe eine tiefe Verbundenheit zum Wald

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Welchen Wert hat der Wald?

Jetzt geht es ein Stück aus dem Wald heraus zu Tipis aus Weidenzweigen. Kinder haben sie gebaut als Verstecke und Höhlen. Ingo Esser interessieren die äußeren Weidenzweige. Er holt seinen Lohelöffel heraus und fängt an, die Rinde abzuschälen. Sie lässt sich noch nicht gut lösen, nur kleine Stücke fallen ab. Es ist noch zu früh im Jahr, die Weide ist noch nicht im Saft, erläutert der Waldkenner. In ein paar Wochen wird er es wieder versuchen und die Weidenrinde dann zuhause trocknen lassen. In der Weidenrinde ist Salizylsäure enthalten, zwar nicht in reiner Form, aber als Grundstoff, so Ingo Esser. Und das helfe gegen Kopfschmerzen.

Von einer Samenfrau in Schweden weiß er, dass ihr Volk auch heute noch Weidenrinde kaut: bei Zahn- und Kopfschmerzen. Diese und andere selbst erlebte Geschichten erzählt der Oberforstrat auch seinen Besuchern. Das mache alles viel anschaulicher, sagt er schmunzelnd. Solche Geschichten blieben im Gedächtnis haften.

Leben im Rhythmus mit der Natur ist heute schwierig

Loheschälen von Weidenrinde (Foto: DW)

Weidenrinde hilft bei Kopfschmerzen

Warum sind diese Waldprodukte heute fast in Vergessenheit geraten? Oberforstrat Esser schaut gedankenverloren in den Wald hinein. Weil sie nicht mehr lebensnotwendig seien. Früher hätten die Menschen gerade in Kriegszeiten aus der Not heraus Waldprodukte genutzt wie zum  Beispiel Eichelkaffee. Eine mühsame Angelegenheit, ehe überhaupt die Eicheln geschält, in Wasser eingelegt, geröstet und gemahlen waren, um überhaupt als Kaffeemehl verwendet werden zu können.

Und heute seien die meisten Menschen zu bequem, das zeitraubende und oft auch mühsame Sammeln von bestimmten Waldprodukten in ihren schnelllebigen Alltag zu integrieren, gibt Ingo Esser zu bedenken. "Aber wenn man es möchte, kann man einen großen Teil umsetzen." Und genau das möchte der Naturliebhaber vermitteln: "Der Wald ist nicht nur zur Erholung und zum Spazierengehen da, sondern er bietet auch viele Waldprodukte, die gut für die Gesundheit sind." Wenn sich das stärker in das Bewusstsein der Waldbesucher einpräge, sei das ein sehr großer Schritt in Richtung eines besseren Verständnisses für die Natur, sagt Ingo Esser mit Nachdruck.

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