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Kultur

Mit Bildung aus dem Elend

Seit Wochen halten die Krawalle in Frankreich an. Dahinter stecken Perspektivlosigkeit und Diskriminierung Jugendlicher aus sozialen Brennpunkten. Ein neuer Weg aus der Misere könnte die "positive Diskriminierung" sein.

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Eine Chance auch für Jugendliche aus der Unterschicht

Tarik Bestandji kam 1982 in Algier zur Welt. Als er acht Jahre alt war, zogen seine Eltern in einen Vorort im Süden von Paris. Auf der Schule lernte er zuerst Französisch, dann ging er aufs Gymnasium in Les Ulysses, das in einem sozialen Brennpunkt liegt: "Ein Lehrer sprach dann mit mir über 'Sciences Po', weil ich gute Noten hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Universität etwas für mich wäre. Es hieß, 'Sciences Po' ist für die Bourgeois, also für die Reichen, aber nicht für mich."

Eliteuniversität ENA in Paris

Eliteuniversitäten bieten Chancen für Jugendliche aus sozialen Brennpunkten

Tatsächlich ist das Studium an dem renommierten Institut für Politikwissenschaften in der Regel nur etwas für Kinder gut verdienender Eltern. Die Kaderschmiede für den Politik- und Wirtschaftsnachwuchs Frankreichs kostet im Jahr 5000 Euro. Die Welt dort ist das Gegenteil von dem Leben der Jugendlichen in den tristen Vorortghettos, wo seit Wochen die Autos brennen. Dass diese Jugendlichen kaum eine Chance haben, aus dem Milieu heraus zu kommen, musste zuletzt auch Staatspräsident Jacques Chirac feststellen. Ein Weg aus dieser Misere könnte aber die so genannte "positive Diskriminierung" sein: die gezielte Förderung von Schülern aus sozialen Brennpunkten.

Gezielte Förderung

Seit dem Jahr 2001 versucht "Sciences Po" über Partnerschaften mit Gymnasien auch Studenten aus schwierigen Vierteln für sich zu interessieren. Wenn sie die Aufnahmeprüfung bestehen, bekommen sie Stipendien und im ersten Studienjahr einen Mentor. Tarik gehört zu den ersten Studenten dieser Partnerschaft und möchte nach diesem Studienjahr seinen Master-Abschluss machen.

Neuer Höhepunkt der Gewalt in Frankreich

Krawalle als Zeichen von Frust und Perspektivlosigkeit

"Als ich mit dem Studium anfing, kam ich zum dritten oder vierten Mal in meinem Leben nach Paris", erinnert er sich. "Ich entdeckte grandiose Räume, ein historisches Gebäude, man studiert in Hallen, die eine lange Geschichte haben! Das war am Anfang sehr beeindruckend!" Das neue Leben hat aber auch Kehrseiten: "Es liegen Welten zwischen dem, was man kennt und dem, was man nun erlebt. Das ist schwer, mit seinen bisherigen Freunden zu teilen, denn die können sich das gar nicht vorstellen", sagt Tarik.

Unterschiede überwinden

Tariks Mutter ist Sekretärin und arbeitslos. Sein Vater war Lastwagenfahrer und lebt derzeit in Algerien. Die Eltern der Kommilitonen sind Ärzte, Anwälte, haben wichtige Posten in bekannten Unternehmen und verdienen gut. Manche Studenten kennen sich seit der Schule, wohnen in denselben guten Vierteln, gingen auf dieselben für ihre gute Ausbildung bekannten Schulen. Dennoch fand Tarik mit der Zeit Freunde: "Bei manchen Themen spürt man den Unterschied, aber da ist es an uns, den zu überbrücken. Und wir bringen auch unsere Kultur ein. Wenn ich von der muslimischen Kultur rede, von Algerien oder vom Maghreb, wissen die anderen nicht Bescheid. Der Vorteil von 'Sciences Po' ist, dass man seine Erfahrungen austauschen kann. Die Professoren unterstützen das."

Demonstration gegen die Ausschreitungen in Frankreich, Vorort von Paris

Demonstration gegen die Ausschreitungen in Frankreich

Die ersten beiden Studienjahre wohnte Tarik im internationalen Studentenwohnheim, dann verbrachte er ein Auslandsjahr in Marokko. Im darauf folgenden Jahr musste er dann in Paris eine Wohnung suchen. Er fand sie, aber das war nicht leicht: "Wenn ich sagte, ich heiße Tarik Bestandji, hieß es, die Wohnung ist bereits vermietet. Wer nicht an jemand mit ausländischer Herkunft vermieten will, tut es nicht, ob einer 'Sciences' Po macht oder sonst wer ist."

Alltägliche Diskriminierung

Tarik weiß, dass dunkelhäutige Franzosen oder Bürger mit einem arabischen Namen wie er auch mit guten Diplomen Schwierigkeiten haben, einen entsprechenden Arbeitsplatz zu bekommen. Doch er ist fest entschlossen, sich seinen Platz zu erobern. Er möchte später im Finanzsektor arbeiten, wenn nicht in Paris, dann in New York oder in London.

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