1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Mit Bier die Welt retten

Die USA ist nicht unbedingt die erste Nation, die einem einfällt, wenn es um die Vielfalt von Bier geht. Aber die Amerikaner haben deutlich aufgeholt. Besonders das sogenannte "Craft Beer" ist beliebt.

Der Abend ist noch früh in der Bar Kiabacca in Hells Kirchen, dem Ausgehviertel unweit des Times Square in New York. Brittany Blust steht hinter der Theke und zapft ein dunkles Stout, ein Starkbier. Hier haben Kunden die Qual der Wahl, denn es werden rund 20 lokale Biere vom Fass angeboten. So genannte Craft-Biere, zu deutsch handwerklich, also nicht industriell hergestellt.

"Meine Vorfahren kamen aus Deutschland, Großbritannien und Belgien", sagt Brittany und versucht ihre Leidenschaft für Bier zu erklären. Entdeckt hat sie die vor ein paar Jahren, als sie einen Job in einer Brauerei annahm. Sie musste Kunden so viel über den Brauprozess und die Zutaten erklären, dass sich die eigene Faszination dafür nicht aufhalten liess. Mit Gewürzen und Geschmäckern hat sie vorher auch schon beim Kochen gerne gespielt, Brauen sagt sie, "ist da nicht so viel anders."

Bier mit Chili und Schoko

Empire Brauerei in Syracuse USA

Die Mädels von der Braustelle...

Es folgten weitere Jobs in Brauereien, Bierbars und auf Veranstaltungen der Industrie. Leider seien Frauen in diesem Geschäft immer noch in der Mindeheit. Auch deswegen hat sie sich einigen anderen Freundinnen aus der New Yorker Bierindustrie angeschlossen, um ein gemeinsames, eigenes Bier zu brauen. Mit dem vielversprechenden Namen "Sweet Fire". Kakaokerne und Chili sind mit drin. "Das meiste ist geheime Rezeptur, aber Schoko schmeckt man deutlich", so Brittany. "Ein Starkbier, nicht zu süß und dann am Ende mit leichter Schärfe im Gaumen."

Gemeinsam mit der Empire Brauerei in dem Ort Syracuse, rund vier Autostunden nördlich von New York, haben die acht Frauen das Projekt Sweet Fire umgesetzt. Es ist eines der Biere, das die Brauerei dieses Jahr für die New Yorker Bierwoche gebraut hat. Ein Event, bei dem die Industrie der Stadt und des Staates zusammen kommt, um sich auszutauschen und neue Produkte zu verkosten. "Das ist wie ein freundliches Familientreffen", sagt Olivia Cerio von der Empire Brauerei. Aber die Veranstaltungen und Verkostungen sind auch für Bierliebhaber interessant, so können sie ihre Lieblingsbrauereien persönlich treffen.

Die Prohibition war Fluch und Segen

Denn sie wächst rasant, die Craft-Bier Industrie, nicht nur in New York, auch in den USA ingesamt: In den 1970er Jahren gab es landesweit gerade mal 50 Brauerein, innerhalb weniger Dekaden hat sich die Zahl bis heute auf rund 2700 gesteigert. Besonders weil die kleinen, unabhängigen lokalen Brauereien mit ihren frechen Biermixturen aus dem Boden schiessen.

"Wir hatten diese lustige Sache damals Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Prohibition, als Alkohol komplett verbannt wurde", scherzt Kelly Taylor, Präsident der New Yorker Brauzunft. Dieses geschichtliche Detail sei Fluch und Segen für die US Bierindustrie, meint Taylor. "Damals Fluch und heute Segen. Weil wir ganz frisch und ohne traditionelle Zwänge drauflos brauen dürfen."

Die Craft-Bier Verkäufe haben sich in den letzten sechs Jahren verdoppelt - auf 12 Milliarden US-Dollar. Studien zufolge könnten sie sich bis 2017 noch verdreifachen, glaubt auch Kelly Taylor. Zwar habe man jetzt wieder so viele Brauerein wie vor der Prohibition, nur dass die Bevölkerung vor 100 Jahren viel kleiner gewesen sei. "Das Verhältnis Brauerei-pro-Kopf war also viel größer."

Er glaubt, dass in den nächsten fünf Jahren allein noch mal 2700 Brauereien dazu kommen. Zwar ist das immer noch ein kleiner Anteil vom gesamten US-Biermarkt, der rund 78 Milliarden Dollar stark ist. Allerdings sinkt der Anteil an industriellem Bier seit 2008 leicht. Und somit ist es die aufholende Craft Beer Industrie, die den Gesamtmarkt stabilisiert.

Bei so vielen kleinen gibt es auch ein paar, die heraus stechen. Die beispielsweise besonders in Europa sehr populäre Brooklyn Brewery exportiert inzwischen in 21 Länder. Vor allem in Skandinavien wird das Bier so sehr nachgefragt, dass eine Aussenstelle in Stockholm für fast vier Millionen Dollar gemeinsam mit Carlsberg und Carnegie&Co eröffnet wurde.

Brooklyn Brewery vielleicht bald in Berlin?

Man sei trotz globalem Erfolg eine lokale Craftbeer-Brauerei geblieben, meint Gabe Barry von der Brooklyn Brewery: "Wir produzieren weit unter der Menge, die nötig wäre aus der Kategorie zu fallen, und wir nutzen lokale Zutaten." So habe sich das Team der Brauerer entschieden und das bleibe auch so. Zwar ist die Brauerei die neuntgrösste Lokalbrauerei, aber mit rund 250.000 Fässern im Jahr bleibt sie unter der Grenze von sechs Millionen Fässern. Ab da zählt eine Brauerei als eine industrielle.

Gerüchten zufolge plant die Brooklyn Brewery auch einen Standort in Berlin. Gabe Berry lässt sich grinsend zu einer Aussage hinreissen. "Das bestätige ich nicht und streite es auch nicht ab." Sie lacht laut und rudert dann vorsichtshalber zurück. "Nein ehrlich, ich bin nur ein 'Klugscheißer' und weiß es eigentlich nicht genau."

In New York City soll es bald eine App für das Smartphone geben, die Bierfeunde zu den Bars führt, die besonders viele lokale Biere anbieten. Denn auch diese würden immer mehr. "Alles was nicht aus der Region ist wird weniger angeboten und die lokale Produktion steigt", freut sich Kelly Taylor. Allein im Großraum New York City gibt es rund 23 Brauereien. Das sei besser für die Wirtschaft und steigere die Auswahl für den Konsumenten. "Bier hilft. Bier wird die Welt retten", sagt er und prostet in die Runde.

Audio und Video zum Thema