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Kultur

Mit Ausdauer zurück zur Sprache

Nicht die frischgekürte Nobelpreisträgerin Herta Müller, sondern Kathrin Schmidt ist mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Die Autorin bekam den Preis für ihren Roman "Du stirbst nicht".

Preisträgerin Kathrin Schmidt mit ihrem Roman 'Du stirbst nicht' (Foto: AP)

Ausgezeichnet: Kathrin Schmidt

In ihrem autobiografisch geprägten Roman erzählt Kathrin Schmidt die Geschichte einer Frau, die nach einer Hirnblutung im Krankenhaus aus der Bewusstlosigkeit erwacht. Ihr Körper gehorcht ihr nicht mehr und sie hat ihre Sprache verloren. Wie sie sich langsam ins Leben zurückkämpft, das ist das Thema dieses Buches, von dem Jurymitglied Iris Radisch sagt: "Man ist eigentlich bei einer Geburt dabei. Man liest, wie es ist, wenn ein Mensch entsteht, wie Identität entsteht."

Dabei ist das Wiedererlernen der Sprache existenziell für die Heldin, die von Beruf Schriftstellerin ist. Und wie sie sich Wort für Wort, Satz für Satz die Welt zurückerobert, erzählt Kathrin Schmidt ebenso berührend wie lakonisch und mit schwarzem Humor.

Eine psychosoziale Historiografin

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2009: Lothar Müller, Michael Lemling, Hubert Winkels, Martin Lüdke, Richard Kämmerlings, Iris Radisch, Daniela Strigl (Foto: DW)

Die Jury 2009: Lothar Müller, Michael Lemling, Hubert Winkels, Martin Lüdke, Richard Kämmerlings, Iris Radisch, Daniela Strigl (v.l.n.r.)

"Ihre Stärke", so die Autorin über ihre Hauptfigur, "ist, dass sie nicht depressiv ist. Und das ist sehr ähnlich meiner eigenen Geschichte." Auch sie habe ihr zuweilen schwarzer, galliger Humor über die Krankheitsphase gerettet, so Schmidt am Rande der Preisverleihung. Eine fiktive Geschichte habe sie allerdings erst geschrieben, als die Verarbeitungsphase hinter ihr lag. Und so ist der Roman denn auch alles andere als Selbsterfahrungsliteratur.

Das würde auch nicht passen zu einer Autorin, deren Kunst gerade darin besteht, Zeitgeschichte durch die Biografien ihrer Figuren mitzuerzählen - hier die Jahre zwischen der Wiedervereinigung und dem Beginn des 21. Jahrhunderts. Ihre Erfahrungen als studierte Sozialpsychologin kommen ihr dabei sicher zugute. Schon in ihrem fulminanten Debütroman von 1998, "Die Gunnar-Lennefsen-Expedition", hat sie eine ganze Jahrhundertchronik entfaltet - konsequent aus der Sicht der weiblichen Familienmitglieder. Auch in ihren beiden folgenden Romanen "Koenigs Kinder" (2002) und "Seebachs schwarze Katzen" stehen psychologische Milieu- und Personenstudien im Mittelpunkt. Als "psychosoziale Historiografin" hat die Literaturkritikerin Frauke Meyer-Gosau sie zutreffend bezeichnet. Und das trifft vor allem auf die Verarbeitung von DDR-Vergangenheit zu, die immer wieder in ihre Texte hineinragt.

Mit der Ausdauer einer Langstreckenläuferin

1958 im thüringischen Gotha in der DDR geboren, studierte Kathrin Schmidt Sozialpsychologie und arbeitete als Kinderpsychologin. Von 1983 bis 1990 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ost-Berliner Institut für vergleichende Sozialforschung. In der Umbruchszeit der Wende und Wiedervereinigung hat sie die Stelle gekündigt, um sich politisch zu engagieren - unter anderem am sogenannten "Runden Tisch" in Ost-Berlin, der die Demokratisierung mit vorantrieb.

Logo des Deutschen Buchpreis 2009

Seit 1994 ist Schmidt "hauptberuflich" Schriftstellerin. Neben Romanen hat sie Erzählungen und vor allem Gedichte geschrieben.

"Du stirbst nicht" ist ihr vierter Roman, der in diesem Frühjahr erschienen ist. Ein Buch, das Ähnlichkeiten mit ihr selbst habe, wie sie auf der Preisverleihung sagte. Sie selbst sei eine schlechte Sprinterin gewesen, aber sehr gut im Ausdauerlauf und irgendwie sei es mit diesem Buch auch so gegangen: "Im Frühjahrssprint kam es nicht so richtig zum Zuge, aber dann haben es immer mehr Leute gelesen. Und insofern möchte ich dem Buch danken, weil es ein bisschen von mir gelernt hat."

Eine sehr zutreffende Einschätzung auch für ihr gesamtes Werk. Mit Ausdauer, einer ganz besonderen Sprache und Sichtweise auf das Wirken der Geschichte im Leben der Menschen hat sich Kathrin Schmidt in die erste Riege der deutschen Gegenwartsautoren geschrieben. Die Verleihung des Deutschen Buchpreises hat das nun bestätigt. Sie hat ihn unbedingt verdient.

Autorin: Gabriela Schaaf
Redaktion: Frank Wörner

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