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Kunst

"Mit anderen Augen": Warum Porträtfotografie neue Sichtweisen öffnet

Porträtfotografie in Zeiten des Selfies? Längst Alltag, könnte man meinen. Eine Doppelausstellung zeigt das Gegenteil: Porträts bilden nicht die Realität ab. Sie öffnen unseren Blick für eine ganz andere Wirklichkeit.

"Menschen fotografieren heißt ihnen Gewalt antun", schrieb Susan Sontag einst in ihrem bahnbrechenden Essay "Über Fotografie". "Indem man sie so sieht, wie sie selbst sich niemalssehen, indem man etwas von ihnen erfährt, was sie selbst nie erfahren; es verwandelt Menschen in Objekte, die man symbolisch besitzen kann."

Als das Werk 1977 erschien, löste es einen Skandal aus, übte Sontag darin doch harte Kritik an einer Kunstform, die gerade dabei war, sich neu zu etablieren. Mittlerweile ist "Über Fotografie" zu einer Art Bibel für alle Kunsttheoretiker geworden, die sich mit der gesellschaftlichen Rolle von Fotografie beschäftigen. Ganz gleich, ob Verfechter oder Kritiker ihrer Theorie, die von Sonntag geprägten Begriffe verwenden sie alle.

Aber gilt Sontags Kritik am Porträt auch heute noch? Werden Menschen zum Objekt, gar zur Ware, wenn man sie fotografiert?

Fast vierzig Jahre sind vergangen, seit Sontags Essay veröffentlicht wurde. Mittlerweile sind Porträts zu einem allgegenwärtigen Bestandteil unseres Alltags geworden. Ein Abbild seiner selbst zu besitzen, ist längst kein Luxus wohlhabender Eliten mehr - wie noch zu Zeiten des berühmten amerikanischen Porträtmalers John Singer Sargant Anfang des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich scheinen Sontags Befürchtungen wahrgeworden zu sein.

Die Sucht nach dem Selfie

"Das Bedürfnis nach Bestätigung der Realität und Ausweitung des Erfahrungshorizontes durch Fotografien ist ein ästhetisches Konsumverhalten, dem heute jedermann verfallen ist. Die Industriegesellschaften verwandeln ihre Bürger in Bilder-Süchtige", schrieb Sontag bereits damals.

In unserer heutigen Welt seien "Selfies eine Art Sport" geworden, schreibt die New Yorker Journalistin Rachel Syme in ihrer umfangreichen Hommage an diese neue Kunstform. Welche Relevanz hat da noch das Porträt eines Fotografen?

Genau um diese Frage kreist die Doppelausstellung "Mit anderen Augen. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie". Ein zeitloses Thema, denn das Porträt hat seine Relevanz im Verlauf der Kunstgeschichte nie verloren. In parallel stattfindenden Ausstellungen in Bonn und Köln wird die Frage aufgegriffen, wie sich Porträtfotografie verändert hat, um überhaupt noch in unsere heutige kommerzialisierte und bildgesättigte Welt zu passen.

Die beiden Museen - das Kunstmuseum Bonn und die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln - setzen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte bei der Auseinandersetzung mit dem Thema der Porträtfotografie. In Bonn reicht die Bandbreite von dokumentarischen bis hin zu stark inszenierten Bildansätzen, von der Neuformulierung ikonografischer Bildtraditionen bis hin zur künstlerischen Beschäftigung mit der Amateurfotografie. Der Kölner Ausstellungsteil hingegen konzentriert sich auf serielle Porträtarbeiten, die einem künstlerisch-dokumentarischen Ansatz folgen. Dies mag auch daran liegen, dass die SK Stiftung Kultur das Archiv des berühmten Kölner Fotografen August Sander Archiv beherbergt, dem großen Dokumentaristen der "Menschen des 20. Jahrhunderts". Die dokumentarische Fotografie ist also in der Kölner Institution beheimatet. Im Rahmen der Ausstellung "Mit anderen Augen" werden Werkserien aus der eigenen Sammlung präsentiert und um ausgewählte Arbeiten von neun Fotografen aus aller Welt ergänzt.

Die Ausstellung bietet einen umfangreichen Überblick über die Porträtfotografie zum Beginn des 21. Jahrhunderts und zeigt beeindruckende Arbeiten diverser Künstlerinnen und Künstler, die mithilfe verschiedener Medien - von Einzelporträts über Rauminstallationen bis zu Video - einen eigenen Kosmos kreieren.

Die Männer der Arktis

Mit dabei sind Arbeiten der norwegischen Fotokünstlerin Mette Tronvoll. Die Bilder sind als Teil ihrer zwanzigteiligen Dokumentationsserie zu der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen entstanden, auf der Tronvoll atemberaubende, arktische - beinahe jenseitig anmutende - Landschaften festhielt.

Früher beherbergte Spitzbergen wegen reicher Kohlevorkommen mehrere Bergbausiedlungen. Heute leben auf der Inselgruppe viele Forscher, Biologen und Meteorologen, die dort Erkenntnisse über die Folgen des Klimawandels zu gewinnen versuchen. Diesen Wandel fängt Tronvoll visuell eindrucksvoll ein - mit Porträtfotos von Männern in ihrer neuen arktischen Heimat.

Ebenfalls ausgestellt werden Porträts des britischen Fotografen Mark Neville, der sich zwischen 2010 und 2011 vier Monate bei den britischen Truppen in Afghanistan aufhielt. Mit den Fotos, die aus seinem Buch "Battle against Stigma" stammen, versucht Neville, eine Brücke zu schlagen zwischen den Soldaten, die er begleitet hat, und der afghanischen Bevölkerung.

"Man kann in ihren Augen sehen, dass ihr Kontakt mit mir und der Kamera jäh davon beeinflusst wurde, dass wir von Männern mit Maschinengewehren umgeben waren. Davon, dass wir uns in einem Kriegsgebiet befanden", schreibt Neville in seinem Fotobuch.

Einzeln betrachtet, fangen die in der Ausstellung präsentierten Porträts jeweils einen bestimmten Ort zu einer bestimmte Zeit ein. Sie sind, um mit Susan Sontag zu sagen, eine zeitgenössische Form, die Realität unserer modernen Welt festzuhalten und "einzuschließen". Zusammengenommen, sind die Porträts jedoch etwas anderes: Weder das narzisstische, kommerzialisierte Objekt, das ein Selfie vielleicht darstellt, noch der von Sontag postulierte "Gewaltakt", sondern ein reines Erfassen der Seele eines ganz bestimmten Augenblicks.

Die Bilder zeigen das Nebeneinander vielfältiger Realitäten – betrachtet durch den Blick des Fremden. Wenn man so will, "mit anderen Augen".

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