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Deutschlandtour

Mit 9500 PS zum Shoppen

Wenn die großen Fähren anlegen, sind die Einheimischen plötzlich in der Minderheit. 250.000 Tagestouristen besuchen jedes Jahr Helgoland. Ein Tag zwischen Lummen, Plüschrobben und Schnäppchenjägern.

Knapp vier Stunden hat die Bootsreise von Hamburg nach Helgoland gedauert, doch für einige Touristen hat sich der Aufwand schon Minuten nach der Ankunft gelohnt. "Uli, komm schnell her", sagt eine Frau aufgeregt und zupft Uli am Ärmel seiner atmungsaktiven Windjacke. "Schau mal hier!"

Der Grund für die Aufregung ist nicht etwa ein gestrandeter Seehund, ein Eissturmvogel oder eine der bunt gestrichenen Hummerbuden, für die Helgoland so berühmt ist. Sondern Zigaretten. Ziemlich viele Zigaretten, die ein Shop direkt am Fähranleger anbietet. Winston, Lucky Strike, Pall Mall, die Stange für nur 29 Euro - Traumpreise für Raucher. Auf Helgoland gibt es keine Alkohol-, Tabak- und Mehrwertsteuer, ein Relikt aus der Zeit der britischen Herrschaft, und so ist das Eiland heute ein Paradies für Schnäppchenjäger.

Die ganze Insel ein Duty-free-Shop

Insel Helgoland

Schon am Fähranleger preisen Verkäufer ihre zollfreie Ware an

Immer mehr Touristen kommen nun von Bord der "Halunder Jet". Mit dem 9500-PS-Katamaran sind sie von Hamburg über Elbe und Nordsee gejagt und stoppen am ersten Duty-Free-Geschäft. Der Verkäufer weiß, dass er schnell handeln muss. Nur Meter hinter ihm reiht sich Laden an Laden, sie alle bieten das Gleiche an wie er. "Hört her, ihr bekommt einen Schlechtwetterrabatt, weil ihr eben so durchgeschüttelt worden seid", ruft er. Das Wetter ist mit 19 Grad zwar gar nicht schlecht, und die See gleicht einem Ententeich, aber der Spruch kommt an. Die Stange Zigaretten, jetzt noch einen Euro billiger! Uli und seine Frau schlagen zu, als der Verkäufer sein letztes Ass ausspielt: Alle Waren können bequem zurückgelegt werden, bis die Tagestouristen in dreieinhalb Stunden Helgoland wieder verlassen.

Insgesamt acht Stunden Schifffahrt für dreieinhalb Stunden Inselaufenthalt - lohnt das überhaupt? Es gibt Menschen, die das bezweifeln; Madleen Claasen etwa, eine Helgoländerin. Sie kennt sich aus mit den Tagestouristen, denn sie pendelt selbst oft zwischen dem 40 Kilometer entfernten Festland und Deutschlands einziger Hochseeinsel, gezwungenermaßen allerdings. Auf Helgoland gibt es keine Berufsschule, kein Gymnasium, deshalb musste Madleen nach der zehnten Klasse in Cuxhaven zur Schule gehen. Seitdem hat sich ihr Bild von den Helgolandtouristen verfestigt.

Klischees halten sich hartnäckig

Da gebe es jene, die sich schon auf der Hinfahrt zubecherten und dabei die oft so raue See völlig unterschätzten. "Ich war bei Fahrten dabei, da haben neunzig Prozent der Reisenden gekotzt." Madleen versteht nicht, warum sich die Menschen nicht vorher über den aktuellen Wellengang erkundigen. Warum sie auf den Fähren trinken, obwohl der Alkohol erst auf der Insel günstig ist. Warum einige ihre schlechte Laune dann an den Einheimischen auslassen. "Sie meckern über Wind, Wellen, Regen, alles. Und dann heißt es wieder, Helgoland sei blöd oder langweilig." Madleen hat sich nun etwas in Rage geredet. "Das nervt schon. Ich meine: Was denken die denn? Das ist eine Hochseeinsel! Und die kommen für ein paar Stunden und erwarten, dass immer die Sonne scheint!" Man müsse schon fünf Tage bleiben, um den Charme der Insel mit dem Herzen spüren zu können, sagt Madleen, ziemlich pathetisch für eine 17-Jährige.

Insel Helgoland

Im Vordergrund die Lange Anna, eine 47 Meter hohe Felsnadel, dahinter Teile des alten Bunkerkomplexes

Sie dürfte Recht haben. Karg und und abweisend wirkt die Insel nur auf den ersten Blick. Es gibt eine spektakuläre Steilküste aus rötlichem Sandstein, ein idealer Brutplatz für Tausende Seevögel. Eine Hummeraufzuchtstation, in der man winzige Baby-Hummer beobachten kann. Einen unterirdischen Bunkerkomplex aus der Zeit des NS-Regimes, das Helgoland zum uneinnehmbaren Flottenstützpunkt ausbauen wollte. Und natürlich die Düne, jene Nachbarinsel, auf der man nicht nur einen der schönsten Strände der Nordsee findet, sondern auch Kegelrobben und Seehunde beobachten kann.

Shoppen statt Robben

Doch genau da beginnt das Problem für Tagestouristen: Es ist unmöglich, in der kurzen Zeit ein Boot zur Düne zu nehmen, dort zu baden, die Robben zu beobachten, das Boot zurück zu nehmen und dann noch den drei Kilometer langen Klippenrundweg zu laufen. Wer nur einen Nachmittag bleibt, wird Robben daher meist nur als Plüschtiere in Souvenirläden oder Steinfiguren im örtlichen Kleingartenverein entdecken. Das dürfte ganz schön vielen Besuchern so gehen: Von 319.000 Gästen im vergangenen Jahr waren 250.000 Tagestouristen.

Bildergalerie Helgoland

Mit bunten Häuserfassaden begrüßt der Inselhafen seine Besucher

An diesem Donnerstag Anfang Juli kommen allein 1400 neue Gäste aus Cuxhaven, Hamburg und Büsum, das entspricht in etwa der Einwohnerzahl der Insel. In Scharen ziehen die Menschen vom Hafen zum einzigen Ort, der einfach "Dorf" genannt wird. Auf dem Weg dorthin gibt es jede Menge Ablenkung in den zollfreien Shops: Ein großes Geschäft, das sich "Schiffsausrüstung" nennt, aber nur Alkohol verkauft. XXL-Nutella-Gläser mit einem sagenhaften Fassungsvermögen von fünf Kilogramm. Handgerollte Zigarren aus Kuba, fünf Stück für 6 Euro 50, aufbewahrt in einem speziellen Klimaraum. Und überall Ouzo, Gin, Wodka auch in Vierliterflaschen, dabei darf pro Person nur ein Liter Schnaps zollfrei ausgeführt werden. "Komm, die machen wir auf der Rückfahrt platt", witzelt ein Tourist und stemmt eine Riesenflasche Whiskey hoch.

"So günstig und gut kann man nirgendwo in Deutschland einkaufen", wirbt selbst der Internetauftritt der Kurverwaltung: "Wer klug einkauft und auf Qualität bedacht ist, kann nicht nur die Kosten der Überfahrt wieder hereinholen, sondern holt als 'Bonus' noch eine Übernachtung raus." Ein vollmundiges Versprechen. Allein die Bootsfahrt von Hamburg kostet 75,90 Euro hin und zurück.

Für das wahre Helgoland bleibt keine Zeit

Natur? Seeluft? Die gibt es auch, wenn auch nicht ganz so euphorisch beworben. Gleich hinter dem Dorf mit seinen zahllosen Fischbrötchen-Buden und den aggressiven Möwen, die durch das eigentlich streng verbotene Anfüttern ziemlich furchtlose Brötchen-Diebe geworden sind, beginnt das Helgoland, das man von Postkarten kennt: Fernblicke auf den weißen Strand der Düne. Friedlich grasende Schafe, gegen den Wind anfliegende Seevögel, die in der Luft zu stehen scheinen. Als sich kurz die Sonne durch die Wolken kämpft, explodieren die Farben und die Steilküste samt der Langen Anna, dem Wahrzeichen der Insel, glühen plötzlich hellrot auf.

Insel Helgoland

Seltene Vögel: Seit 1991 brütet der Basstölpel auf Helgoland

Nur: Allein ist man auch hier nicht. Wer nicht nur zum Shoppen gekommen ist, läuft um die Klippen. Deshalb steht am Lummenfelsen eine Ornithologin des Vogelschutzvereins Jordsand, um Fragen zu beantworten. Der Felsen ist berühmt für die ersten Flugversuche der Lummenküken, die sich hier 50 Meter in die Tiefe stürzen. Die Arbeit der Vogelschützerin dürfte nicht minder anstrengend sein. "Die großen weißen Vögel da, das sind Lummen, oder?", fragt eine Frau um die vierzig, ihre blonden Strähnen flattern im Wind. "Nein, das sind Basstölpel. Die Lummen sind die kleinen schwarzen", erklärt die Ornithologin geduldig. "Ach so", sagt die Frau enttäuscht. "Aber die weißen sind doch viel schöner und größer als die Lummen!" Andere Touristen interessieren sich noch weit weniger für die Lummen und fragen lieber nach Lüftungsschächten des alten Hitler-Bunkers, die von hier oben zu sehen sind.

Ohne Touristen kaum Einnahmen

Um drei Uhr packt die Ornithologin ihre Sachen ein. Die meisten Touristen sind schon auf dem Rückweg zum Schiff, auch wenn es erst um 16 Uhr 45 ablegen wird. Deutsche Vogelliebhaber und Schnäppchenjäger sind pünktlich. Ob das Sinn macht, für einen Tag? Die Vogelkundlerin lächelt unsicher, sie macht schließlich Öffentlichkeitsarbeit, dann sagt sie vorsichtig: "Nicht so richtig."

Insel Helgoland

Grüne Natur, weites Meer: Die andere Seite Helgolands

Anderseits: Ohne die Besuchermassen wäre die Insel kaum überlebensfähig. Etwa 75 Prozent des jährlichen Umsatzes wird mit dem Tourismus gemacht. Das weiß auch Madleen Claasen. Trotzdem schwärmt sie: "Wenn alle wieder weg sind, dann kehrt plötzlich wieder diese unglaubliche Ruhe ein. Selbst die Möwen ziehen ab, weil sie wissen, dass sie jetzt nicht mehr viel holen können." Gerne genießt Madleen dann den Sonnenuntergang, auf der Klippe, der Düne, egal, die Sicht sei überall phantastisch: nur Meer und Sonne, sonst nichts. "Für Verliebte", sagt sie, "gibt es keinen besseren Ort in Deutschland."

Wenn die Sonne in der Nordsee versunken ist, sind die Tagestouristen längst zurück in Hamburg oder Cuxhaven. Am nächsten Tag werden neue kommen und die Ruhe beenden.