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Kultur

Mission Neue Musik: der Dirigent Stefan Blunier

Er ist einer der namhaftesten Vertreter der jüngeren Dirigenten-Generation. Und er liebt die Musik des 20. Jahrhunderts. Wie er diese auch dem Publikum näherbringen will, erklärt Stefan Blunier im DW-Gespräch.

Portrait von Stefan Blunier

Gibt seit 2008 in Bonn den Ton an: der junge Schweizer Dirigent Stefan Blunier

Stefan Blunier gilt als einer der bedeutendsten Dirigenten seiner Generation und als ausgezeichneter Interpret Neuer Musik. Seit Herbst 2008 ist der Schweizer Generalmusikdirektor in Bonn.

DW-WORLD.DE: Herr Blunier, wie sehen Sie Ihre Rolle als Generalmusikdirektor, sind Sie der Direktor des alten Schlages, der kommandiert, oder wie definieren Sie Ihre Position?

Stefan Blunier: Es ist eine Mischung: Natürlich ist man eine Art Übervater, auch was Probleme intern angeht in der Oper oder im Orchester. Ich bin durchaus ansprechbar, wenn es Konflikte gibt. Gleichzeitig muss ich natürlich eine genaue Marschrichtung vorgeben, aber andererseits bin ich auch sehr vom Teamcharakter geprägt. Natürlich behalte ich mir vor, die Entscheidungen zu fällen, aber ich bin nicht beratungsresistent und auch der Meinung, dass man die Leute mit ins Boot holen muss. Wir verkaufen schließlich gemeinsam das Produkt Musik, respektive Musiktheater.

Sie haben in einem Statement gesagt, Sie fühlen sich als Orchestererzieher. In wie weit muss das Beethoven-Orchester noch erzogen werden?

Das klingt immer so dramatisch und hat sicher bei dem einen oder anderen auch Unmut ausgelöst, weil es überheblich klingt. So war das gar nicht gemeint. Ich bin immer der Auffassung, dass ein Dirigent eine Handschrift hinterlassen sollte, sofern er eine bestimmte Zeit bleibt, und mein Vertrag läuft fünf Jahre. Das geht durch vielerlei Wege. Natürlich habe ich den Willen zur Perfektion, das forciere ich auch wirklich, soweit es geht. Ich möchte einfach, dass man nach fünf Jahren entscheiden kann: Wie war die "Ära Blunier". Das sind natürlich klangliche Aspekte, das sind Art und Weise, wie man die Stücke spielt.Und da muss ich eine Prägung machen.Wenn ich das nicht erreichen würde, hätte ich versagt.

Bedeutet das auf der anderen Seite, dass Sie sich und dem Orchester fünf Jahre geben, um zusammen zu arbeiten, und dann zu sehen: Wie ist das Resumee?

Das hoffe ich schon schwer, dass das vorher passiert, ich glaub, in kleinen Ansätzen spürt man das schnell. Das Orchester ist mir nicht fremd, ich kenne es fast seit einem Jahrzehnt, und wenn nicht eine gewisse Grundsympathie oder Grundchemie gestimmt hätte, wäre ich nie hierher gekommen. Gegner hat man immer, das ist klar, es gibt keinen Chef, der unangefochten ist. Nur: Das Gros muss hinter einem stehen, und ich empfinde das Orchester als sehr freundlich, als sehr lebendig - durchaus konfliktfähig, glaub ich. Das Orchester zeichnet vor allem aus, dass die Mitglieder den Wunsch haben, auch Sachen zu verändern. Und man sieht etwa an der Marketingstrategie oder der Kinder- und Jugendarbeit, dass da immer sehr viele ehrenamtlich neben ihrer Arbeitszeit mitwirken und konstruktiv sind. Und das ist eine Ausgangslage, die für mich natürlich sehr schön ist, und dann kann man recht schnell Veränderungen feststellen.Wie schnell sich der Klang ändert, da gebe ich mir nicht fünf Jahre, sondern eineinhalb bis zwei. Dann wird man das bemerken, glaube ich.

Portrait von Stefan Blunier

"Es ist für mich Ehre und Pflicht, mich mit Beethoven auseinander zu setzen"

Das Rheinland ist Ihnen nicht fremd, allein weil Sie ja ganz in der Nähe, im Ruhrgebiet studiert haben. Sie haben in Essen an der Folkwang-Musikhochschule studiert und Sie haben in Essen auch noch ein Ensemble für Neue Musik gegründet. Steht Neue Musik für Sie in Ihrer Arbeit hier auch an erster Stelle?

Nicht an erster Stelle, aber an wichtiger Stelle. Ich glaube, das ist im Rahmen der Sinfoniekonzerte immer sehr heikel, jetzt das Publikum mit neuer Musik zu überfrachten. Ich will das nicht bloß als Alibiübung verstanden wissen, aber es werden schon vermehrt neue Töne zu Wort kommen. Die müssen einfach, weil ich ja Programme komponiere, dramaturgisch ins Geschehen reinpassen. Und ich hab das Orchester jetzt als so klangprächtig erlebt und letztendlich als sehr flexibel. Es ist auch mein Wunsch, dass ganz andere Gastdirigenten kommen, das wird das Orchester auch mit Bravour schaffen.

Ist das auch Ihre Zielsetzung für die Programmgestaltung der nächsten Konzerte hier in Bonn?

Zielsetzung ist es, eine Abwechslung zu bieten, ohne dass es zu einer Beliebigkeit ausartet. Das ist immer eine Gratwanderung, und ich muss natürlich den Bonner auch kennenlernen. Ich will jetzt das Programm nicht auf die Gelüste des Publikums zuschneidern, aber ein bisschen Denkanstöße muss es geben. Letztendlich hat jede Stadt ihre eigenen Gesetze, erstaunlicherweise, und darauf werde ich leicht korrigierend vielleicht reagieren. Aber grundsätzlich gilt: wenn man mich einkauft, weiss man, was man kauft - auch wenn das etwas salopp klingt. Ich bin nicht der, der sich nur an Brahms-Zyklen ergötzt, ich liebe unbequeme Programme.

Sie haben einige Lieblingswerke wie beispielsweise Alban Bergs "Lulu", den "Rosenkavalier" und auch den "Palestrina", das sind Werke des frühen 20. Jahrhunderts. Welche Werke interessieren Sie noch, und welche Werke würden Sie in Bonn besonders gerne aufführen?

Ich bin unumwunden ein Liebhaber dieses dekadenten Zwischenzustandes, also der Zeit zwischen dem Beginn des 20. Jahrhunderts und dem ersten Weltkrieg, das ist für mich Nervenfutter, diese Klangsprache, die da vorherrscht. Generell werde ich in der Oper schon das große deutsche Repertoire bevorzugt behandeln, das war es längere Zeit nicht, und quasi eine zweite Linie fahren mit jüdischen verfemten Komponisten oder mit jüdischen Themen, das finde ich sehr interessant. Und ich erzähle immer gerne und oft, dass ich 2013 "Moses und Aaron" machen möchte. Das wäre quasi der Höhepunkt dieser Serie, und ich sage das so offensiv oft, dass ich dann gar nicht mehr zurück kann.

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