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Bücher

Missbrauchtes Kinderleben: "Das Mädchen"

In der DDR war nichts besser. Auch dort gab es eine Unterschicht, Alkoholismus, Verwahrlosung und das Kinderheim als letzten Ausweg. Dem Mädchen in Angelika Klüssendorfs Roman ist es gelungen, daran nicht zu zerbrechen.

Die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf (Foto: Alex Reuter)

Angelika Klüssendorf

Vor vier Monaten ist Angelika Klüssendorf aufs Land gezogen. Weg vom Zionskirchplatz, von Kneipen, Szene und dem Latte-Macchiato-Volk in Berlin-Mitte und rein in die geordnete Welt eines Vierhundertseelendorfs im Brandenburgischen. Ein kleines Haus hat sie hier, mit einem großen, wilden Garten drum herum. Und zwei Gefährten, die ihr wachsam zur Seite stehen, Hugo, der Rauhaardackel, und Penny, seine Freundin. Die sieht aus wie eine Bonsai-Kuh. Also wie eine Mischung aus Kuh, Spitz und Fledermaus. Sagt jedenfalls Angelika Klüssendorf und guckt dabei sogar einigermaßen ernst. "Und nachts, wenn es manchmal raschelt in meinem Haus, dann denk ich, dass Penny davon fliegt, zu den anderen Fledermäusen".

Disziplinierte Arbeiterin

Mal abgesehen von dieser harmlosen, bellenden Bonsai-Kuh ist nachts nichts und niemand in Angelika Klüssendorfs Haus unterwegs. Ihren literarischen Figuren gewährt sie nämlich nur am Tage Zutritt, und zwar zu ziemlich festen Zeiten. Morgens gegen halb acht beginnt ihre Schicht, dann setzt sie sich an den Schreibtisch, schaltet den Computer an, und plötzlich sind sie alle da. Aber sobald Angelika Klüssendorf den Computer wieder ausschaltet, was allerdings meist erst am späteren Nachmittag der Fall ist, verschwinden all diese fiktiven Männer, Frauen und Kinder wieder. "Die sind nur in der Zeit da, in der ich den Computer einschalte und mich mit ihnen beschäftige".

Foto: raumlabor

Verwahrloster Plattenbau in Halle-Neustadt

Der Leser indes wird die Klüssendorfschen Figuren nicht so einfach los. Weil sich all diese Erniedrigten, Verwahrlosten und Beleidigten nämlich in ihm festkrallen, mit der ganzen Kraft ihrer verwundeten Körper und Seelen, und unnachgiebig jene Aufmerksamkeit einfordern, die ihnen im Leben zumeist verwehrt wird. Die, die Narben tragen, seien ihr die liebsten Gefährten, sagt Angelika Klüssendorf.

Leben mit und für die Literatur

In ihrem Leben hat sie denn immer auch dorthin geguckt, wo es dunkel ist. Und sie hat viel gelesen. Am liebsten Bücher, die tragisch und melancholisch sind. Wie die von Dostojewski. Selber hat sie mit sechzehn angefangen zu schreiben. Gedichte, im Stil von Else Lasker-Schüler. Dann, näher bei sich, Erzählungen, kunstvoll auf das Wesentliche zusammengeschliffen. Und nun der Roman, "Das Mädchen", ein ganzes missbrauchtes Kinderleben, eine ganze erbärmliche Familiengeschichte auf gerade einmal 180 Seiten, lakonisch erzählt und weit entfernt von jeder Ursachenforschung. Sozialstudien interessieren sie nicht, sagt die Autorin. Vielmehr betrachte sie ihre Figuren völlig wertungsfrei, als würden die sich hinter Glas befinden. "Ich beobachte vielleicht auch, was mit ihnen geschieht. Und wie sie sich verhalten.“

Die, die Narben tragen

Buchcover 'Das Mädchen'

Der Vater, dieser saufende Frauenheld, der nur selten zu Hause auftaucht. Die Mutter, die unstet ist und unkontrolliert, und ihren Zorn jäh an den Kindern auslässt - an dem dürren, stelzbeinigen Mädchen, das abzutreiben ihr nicht gelungen ist, und an dem engelslockigen Jungen, dem auch die Schwester zusetzt - wenn ihr alles mal wieder zu viel geworden ist: Die Schläge, die ekelhaften Erniedrigungen, die Wut und Empörung von Lehrern oder Nachbarn. Widerborstig wird dieses Mädchen, mitleids- und herzlos, eine Diebin aus Not und Hilflosigkeit, eine Ausgestoßene und schließlich ein kratzbürstiges Heimkind.

Die Geschichte könne heute spielen, sagt Angelika Klüssendorf, morgen oder gestern. Und was in ihr erzählt wird, sei immer möglich, unabhängig vom Ort. "Und das, was ich an Kindheit und DDR benutzt habe für mein Buch, das braucht man ja beim Schreiben. Man braucht ja ein äußeres Gebäude dafür.“

Überall und jederzeit

Eines, in dem man sich auskennt. Angelika Klüssendorf ist in der DDR groß geworden. Bis 1985 hat sie in Leipzig gelebt. Dann hat sie einen Ausreiseantrag gestellt. Weil sie nicht mehr in einem Land leben wollte, das seine Menschen eingemauert hat und in dem, wenn es offiziell wurde, so sonderbar verklausuliert gesprochen wurde. Vielleicht schreibt Angelika Klüssendorf auch deshalb so glasklar, so messerscharf, mit diesen gewetzten Worten. In jedem Fall konfrontiert sie das sozialistische Vaterland in ihrem Roman "Das Mädchen" mit einer Wahrheit, die man seinerzeit gerne verschwiegen hat, nämlich, dass es auch in Deutschlands Osten verrohte Unterschichtsfamilien gegeben hat. Gleichzeitig aber singt sie in diesem Buch ein Hohelied auf einen unzerstörbaren Charakter.

Foto. transit/Harald Kirschner - GESPERRT FÜR BILDFUNK - +++(c) dpa - Report+++

Neubaugebiet Leipzig-Grünau, aufgenommen 1988.

Angelika Klüssendorf schreibt über ein Mädchen, dem niemand moralische Prinzipien vermittelt. Alles muss sie sich selbst erarbeiten. Das tut sie misstrauisch, mit einem Panzer, der Gefühle dämmt, und mit Büchern. Märchen erzählen ihr von Gut und Böse, die Literatur ist ihr Rückzugsort und ihr Wegweiser. Das Mädchen versteht sich zu schützen und überlebt so auch die Zeit im Kinderheim und die anschließende Lehre als Rinderzüchterin. Eine verletzte Seele, die es gelernt hat, stark zu sein. Mit den Wildenten würde sie gerne fliegen, egal, wohin. Nur hoch und höher, bis sie ganz verschwunden ist.

Autorin. Silke Bartlick
Redaktion. Gabriela Schaaf

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