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Aktuell Deutschland

Missbrauchsbeauftragter will Prävention an Schulen verbessern

Berichte über sexuellen Missbrauch von Kindern sorgen immer wieder für Entsetzen. Doch die angekündigte finanzielle Hilfe für Beratungsstellen und Präventionsprogramme lässt teilweise auf sich warten.

Seine Amtsbezeichnung klingt ein wenig kompliziert: Johannes-Wilhelm Rörig ist "Unabhängiger Beauftragter für Fragen des Sexuellen Kindesmissbrauchs". Geschaffen wurde der Posten von der Bundesregierung 2011 unter dem Eindruck sich häufender Meldungen über oft lange zurückliegende Missbrauchsfälle insbesondere an kirchlichen Schulen. Anlässlich seiner Anfang April begonnenen zweiten Amtszeit legte Rörig am Dienstag in Berlin seine Agenda für die Jahre 2014 bis 2018 vor. Dabei nutzte er die Gelegenheit, Politik und Gesellschaft an ihre selbst auferlegte Verantwortung zu erinnern.

Er werde die Bundesregierung wohl weiterhin ermutigen müssen, "dass Überfällige endlich zu tun", sagte der Missbrauchsbeauftragte und kündigte einen hartnäckigen Arbeitsstil an. Die im Jahr 2011 versprochenen 100 Millionen Euro für den Hilfefonds für Opfer sexuellen Missbrauchs seien immer noch nicht zusammengekommen. Der Bund habe 50 Millionen beigesteuert, das sei "erfreulich". Aber nicht alle Länder seien ihren Verpflichtungen nachgekommen. Ausdrücklich lobte Rörig die vom Bundesjustizministerium angekündigte

Verschärfung des Sexualstrafrechts

. Damit werde eine zentrale Forderung von Betroffenen weitestgehend umgesetzt.

"Man sprach über Betroffene, nicht mit ihnen"

Beratungsstellen bräuchten "dringend" eine personelle und finanzielle Absicherung. Mit Hilfe einer Studie soll die "spezifische Beratungssituation" in allen 16 Bundesländern untersucht werden. Lange hätten Gesellschaft und Politik Missbrauchsopfern kein Gehör geschenkt, kritisierte Rörig. "Man sprach über Betroffene, aber nicht mit ihnen." Seit der Einrichtung des Rundes Tisches zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs hätten sich Betroffene ihre Mitarbeit hart erkämpfen müssen. Mit der Einrichtung eines Betroffenenrates sollten sie bis spätestens Ende des Jahres ein "dauerhaftes Forum" erhalten, betonte der Missbrauchsbeauftragte. Ende Mai will Rörig Betroffene persönlich über seine Pläne informieren.

Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (Foto: dpa)

Johannes-Wilhelm Rörig

Bei der Prävention stehe man "leider noch am Anfang", bedauerte Rörig. In der Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Bereichen strebe er einen "höheren Grad an Verbindlichkeit" an. Besonders viel verspricht sich der Missbrauchsbeauftragte von der Zusammenarbeit mit Schulen. Sie hätten eine Doppelrolle, könnten "leider Tatort sein, müssen aber unbedingt Kompetenzort werden". Deshalb solle Prävention an Schulen künftig einen "festen Platz" haben, forderte Rörig. "Dort können wir alle Kinder erreichen." Dafür müssten Fachkräfte besser fortgebildet und Eltern besser informiert werden. Kinder bräuchten eine moderne Sexualpädagogik und "dringend die flächendeckende Vermittlung von Medienkompetenz". Je ahnungsloser die Kinder seien, "desto besser greifen die perfiden Strategien der Täter und Täterinnen", sagte der Rörig unter Verweis auf die Rolle des Internets beim Kindesmissbrauch.

Keine Anzeichen für weniger Missbrauch

Man verzeichne weiterhin hohe Fallzahlen und habe keine sicheren Anzeichen dafür, "dass Missbrauch rückläufig ist". Von rund 12.500 Ermittlungsverfahren pro Jahr sprach Rörig. Die Zahl stamme aus der polizeilichen Kriminalstatistik, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Um sexuellen Kindesmissbrauch einzudämmen, bedarf es nach Rörigs Überzeugung einer weitaus besseren flächendeckenden Infrastruktur "für umfassende Prävention, ortsnahe Beratung und schnelle Hilfen". Politik, Kirchen und die Zivilgesellschaft stünden weiterhin in der Pflicht, "Schutz, Hilfen und Aufarbeitung zu gewährleisten".

Er werde alles daran setzen, dass Verbände und Einrichtungen ihr Engagement steigerten, betonte Rörig. Immer dann, wenn Anlässe es erforderten, werde er sich einmischen, kündigte der Missbrauchsbeauftragte an. Als Beispiele nannte er die jüngst bekannt gewordenen Verdachtsfälle an der seit Jahren im Visier der Ermittler stehenden

Odenwaldschule

und die viel diskutierte Affäre um den ehemaligen Bundestagsabgeordneten

Sebastian Edathy

. Nachdrücklich verlangte Rörig eine "wachsame Öffentlichkeit". Kindesmissbrauch lasse sich nur dann eindämmen, "wenn es dafür eine wachsendes, stabiles gesellschaftliches Bewusstsein gibt".

Aufarbeitung erst am Anfang

Die Vergangenheit ist aus Rörigs Sicht noch lange nicht zufriedenstellend aufgearbeitet. Es gebe noch viele "unausgesprochene und verdrängte Missbrauchstaten". Das Ausmaß und die begünstigenden Strukturen müssten bekannt sein, damit die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden könnten. Er setze auf eine unabhängige Kommission. Darüber will der Missbrauchsbeauftragte schon bald weitere Gespräche mit Vertretern des Bundestages führen. Mit Blick auf die vor ihm liegende fünfjährige Amtszeit zeigte sich der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung trotz aller Defizite zuversichtlich, viel erreichen zu können - "wenn alle mitziehen".

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