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Aktuell Deutschland

Missbrauchs-Opfer fordern gründliche Aufarbeitung

Der Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs möchte eine weitere Kommission zur Aufarbeitung. Die Politik zögert. In einer hoch emotionalen öffentlichen Anhörung unterstützen Betroffene seine Forderung.

Es dauert nicht lange, bis Hedda Petersen die Stimme versagt. Sie hat die Geschichte ihres Missbrauchs inzwischen einige Male öffentlich erzählt, war eine der ersten, die vor dem Runden Tisch ausgesagt hat, der sich nach 2010 zum ersten Mal in der deutschen Geschichte mit dem Thema sexueller Missbrauch befasst hat. Doch noch immer muss sie um jedes Wort kämpfen. Sie erzählt, wie sie sich als Dreijährige in eine Parallelwelt flüchtete, um die Übergriffe in ihrer Familie zu ertragen. Wie sie sich eine neue Persönlichkeit erfand, um ihre Realität zu ertragen. "Ich hatte drei Welten. Ich hatte die verrückte Welt im Elternhaus, ich hatte die Welt in Kindergarten und Schule. Und meine Dritte Welt war meine Rettung", sagt sie. "Das war meine eigene Welt, da ging es mir saugut." Abspaltung nennen Psychologen diesen Vorgang. Hedda Petersen sagt, sie habe bis zu ihrem 25. Lebensjahr nicht gewusst, dass sie Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen sei: "So gut war meine Welt."

"Ich habe beschlossen: ich kämpfe"

Als sie sich in ihrer Diplomarbeit mit dem Thema auseinandersetzte, brach diese Welt zusammen. Sie kollabierte, konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen, nicht mehr lesen. Die Tränen laufen, immer wieder versagt ihre Stimme, während sie von Psychiatrieaufenthalten erzählt und von ihrer Therapeutin, die immer einen Eimer Wasser bereithielt, für den Fall, dass sie sich während der Sitzungen in die Ohnmacht redete. "Ich habe beschlossen: ich kämpfe", presst sie schließlich hervor und reckt etwas unbeholfen ihre Faust in die Luft. Der Saal, in dem sich Betroffene und Experten zusammengefunden haben, bricht in Beifall aus.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (Foto: Soeren Stache)

Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig

Johannes-Wilhelm Rörig, der von der Bundesregierung als Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs eingesetzt wurde, hat zu einem Hearing nach Berlin eingeladen, das sich mit dem Thema Aufarbeitung beschäftigt. Er hat von der Politik gefordert, dass nach dem Runden Tisch, in dem sich Opfer, Institutionen und Behörden zusammengesetzt und Entschädigungen geredet haben, nun eine Kommission eingesetzt wird, die Missbrauchsfälle der Vergangenheit systematisch aufarbeitet. Fälle, die in kirchlichen Institutionen, in DDR-Kinderheimen, in den Familien stattgefunden haben. Es geht um die Anerkennung von Leid, um die Benennung von Tätern, und um ein gesellschaftliches Erinnern. "Wir stehen am Anfang", sagt Rörig. "Wir wissen von anderen Ländern, dass Aufarbeitung ein langer und schmerzhafter Prozess ist."

Im politischen Berlin führt seine Forderung bisher kaum zu Reaktionen. Die einzige, die auf Rörigs Forderung bisher geantwortet hat, ist bisher Justizministern Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). "Was wir jetzt brauchen, ist nicht eine neue Kommission", sagte sie, "sondern eine rasche Umsetzung der Beschlüsse des Runden Tisches."

Misstrauen gegenüber Institutionen

Die Odenwaldschule (Foto: apn/Bernd Kammerer)

Die gute Ruf der Odenwaldschule habe die Aufklärung verhindert, sagt die ehemalige Leiterin heute.

Im Saal ist die Stimmung eine andere. Opfer, die in katholischen Institutionen, in evangelischen Gemeinden, in der Familie oder der reformpädagogischen Odenwaldschule Übergriffen ausgesetzt waren, erzählen ihre Geschichte. Experten, die sich mit DDR-Kinderheimen beschäftigen, berichten von der Aufarbeitung dieses Kapitels der ostdeutschen Geschichte. Und alle kommen zu dem Schluss, dass eine unabhängige Kommission die Geschichte aufarbeiten solle. Als Hauptgrund nennen die meisten das Misstrauen den Institutionen gegenüber, in denen diese Fälle stattgefunden haben.

"Die Täter folgten einem kranken Trieb", sagt er. "Aber die Verantwortlichen der kollektiven Vertuschung, und damit der kollektiven Beihilfe zu weiteren tausenden Straftaten, haben aus Überzeugung gehandelt", stellt Matthias Bubel vom Verein Eckiger Tisch fest, in dem sich Missbrauchsopfer aus katholischen Institutionen zusammengeschlossen haben.

Pater Klaus Mertes, Direktor am Canisius-Kolleg (Foto: apn/Franka Bruns)

Klaus Mertes, ehemaliger Direktor des Canisius-Kollegs trat eine Welle von Enthüllungen los

"Aufklärung geht nur von außen. Die Black Box muss sich öffnen", sagt auch Pater Klaus Mertes, Rektor des jesuitischen Canisius-Kollegs in Berlin, der 2010 Fälle an seiner Schule publik machte und damit eine Welle von Enthüllungen auslöste, in der bald neben katholischen Internaten auch die reformpädagogische Odenwaldschule in die Aufmerksamkeit rückte. Auch deren ehemalige Leiterin Margarita Kaufmann erzählt von "institutioneller Ahnungslosigkeit", die Aufklärung verhindert habe. Sie hatte sich nach Bekanntwerden von Vorwürfen gegen den früheren Schulleiter Gerold Becker für eine öffentliche Aufarbeitung stark gemacht. Der angesehene Reformpädagoge habe "perfekte Täterstrukturen" aufgebaut, sagt sie. Der große pädagogische Ruf des Internats habe dazu geführt, dass die Opfer einfach nicht ernst genommen wurden. "Die Aufgabe von Aufarbeitung wäre, sich mit den Strukturen auseinander zu setzen", sagt Kaufmann, die die Schule 2012 verlassen hat.

Opfer fühlen sich nicht verstanden

Viele der Redner erhoffen sich auch, dass eine Untersuchung zu einer weiteren Sensibilisierung in der Gesellschaft führt. Seit den Vorfällen an Canisius-Kolleg und Odenwaldschule ist das Thema Missbrauch so präsent in der Diskussion wie nie zuvor. Dennoch fühlen sich viele Opfer nicht verstanden. Hedda Petersen hat im vergangenen Jahr beschlossen, einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz zu stellen. Nach deutschem Recht haben alle Gewaltopfer ein Recht auf finanzielle und medizinische Unterstützung. Nachdem sie den Antrag gestellt hatte und alle Gutachten, die bisher über sie angefertigt worden waren, eingeschickt hatte, kam die Nachricht, sie müsse zu einer zweitägigen Glaubwürdigkeitsprüfung - eine schwere Belastung für sie. Ihre Stimme ist jetzt wieder fester. "Ich werde die Gutachterin fragen, wie viel sie aushalten kann", kündigt sie an. "Und dann servier ich der alles. Wahrscheinlich werden die mich ohnmächtig da wieder heraustragen müssen." Dann spricht sie noch einmal vom Kämpfen und reckt wieder ihre Faust in die Luft.

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