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Europa

Missbrauch-Skandal erschüttert Großbritannien

In Großbritannien weitet sich der Missbrauch-Skandal um einen der bekanntesten TV-Stars aus. Hauptverdächtiger ist der verstorbene BBC-Moderator Jimmy Savile. Aber auch ein Rockstar soll beteiligt sein.

Sir Jimmy Savile war einer der bekanntesten TV-Stars in Großbritannien und über viele Jahre eine hoch angesehene Persönlichkeit. Er moderierte einige der bekanntesten BBC-Shows - und soll mehr als 40 Millionen Pfund (rund 50 Millionen Euro) für Wohltätigkeitsorganisationen gesammelt haben.

Aber im Verlauf nur eines Jahres - seit seinem Tod im Oktober 2011 - hat sein Ruf dramatisch gelitten. Denn mehr als 300 Menschen haben angegeben, von dem Star missbraucht worden zu sein.

Portrait von Gary Glitter (Foto: dpa)

Gary Glitter wird 2006 in Vietnam zu drei Jahren Haft verurteilt

Untersucht wird auch die Rolle des britischen Glam-Rock-Stars Gary Glitter im Zusammenhang mit dem Missbrauch-Skandal. Der 68-Jährige war am vergangenen Sonntag (28.10.2012) in London wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs festgenommen worden, kam aber später gegen Kaution wieder frei.

Bekannt geworden ist Glitter in den 1970er-Jahren mit Hits wie "I didn't know I love you". 1999 war er in Großbritannien wegen Besitzes von Kinderpornografie zu vier Monaten Haft verurteilt worden. 2006 wurde er in Vietnam zu drei Jahren Haft verurteilt, nachdem er zwei Mädchen missbraucht hatte. In dem aktuellen Skandal um Kindesmissbrauch allerdings scheint er nur eine kleinere Rolle gespielt zu haben. Im Zentrum der Ermittlungen steht Jimmy Savile.

Doppelleben im Showgeschäft

Schwarzweiß-Foto von Jimmy Savile im Anzug mit Zylinder in der Hand (Foto: Getty Images)

Adrett und erfolgreich: Jimmy Savile im März 1972 in London

Savile kam in den 1960er-Jahren zur BBC. Extravaganz war immer Teil seiner Fernsehpersönlichkeit: Weißer Haarschopf, verrückte Sonnenbrillen, eine große Zigarre, bunte Trainingsanzüge und schwerer Goldschmuck waren sein Markenzeichen. In den 70ern wechselte er ins Kinderprogramm und präsentierte "Jim'll Fix It", die Show, die für sich in Anspruch nahm, Kinderträume zu erfüllen.

Nun gibt es allerdings Anschuldigungen, Savile habe viele der Personen, die in seinen Shows auftraten, missbraucht und manipuliert, indem er ihnen mehr Zeit auf dem Bildschirm oder eine begehrte "Jim'll Fix It"-Medaille gegen sexuelle Gefälligkeiten versprach.

Karin Ward war eine dieser Frauen, die in Saviles Shows auftraten. Im November 2011, kurz nach seinem Tod, gab Ward ein Fernsehinterview, in dem sie genau den Missbrauch an ihr und anderen jungen Frauen, die sie in den 70er-Jahren kannte, beschrieb.

"Er wollte, dass ich ihn streichle. Er fragte mich nach Oral-Sex, aber ich wollte nicht. Allerdings versprach er mir, dass, wenn ich mit ihm Oral-Sex mache, er mich und meine Freunde in seine Show bringen würde", erzählte Ward dem BBC-Magazin "Newsnight". Wegen dieses Versprechens erfüllte sie widerwillig Saviles Forderungen. "Ich war 14 und wollte ins Fernsehen. Ich wollte keinen Oral-Sex, weil ich das ekelhaft fand - aber ich tat es."

Eine Kultur des Schweigens

Aber die Anschuldigungen gehen über Saviles Arbeit bei der BBC hinaus. Viele der Berichte drehen sich um Saviles Wohltätigkeitsarbeit, bei der er sich gezielt verwundbare junge Menschen ausgesucht haben soll - in Institutionen, die eigentlich auf sie aufpassen sollten. Viele seiner Opfer sagten, sie hätten versucht, darüber zu sprechen, aber entweder sei ihnen nicht zugehört oder nicht geglaubt worden.

"Es gab Gerüchte in der Fernseh- und Musikbranche und, wie mir gesagt wurde, sogar beim Nationalen Gesundheitsdienst NHS", sagt Esther Rantzen, Gründerin des Kinderschutzbundes ChildLine, die zur selben Zeit wie Savile in einem anderen Bereich bei der BBC arbeitete.

Wenn sein Verhalten die Alarmglocken überhaupt läuten ließ, dann sei es immer abgetan worden mit den Worten: "Das ist halt Jimmys Art".

Macht und Institutionen

Genau wie die Ritterwürde im Jahr 1990, hat Savile auch den päpstlichen Gregoriusorden - eine der höchsten Auszeichnungen des Papstes für Laien - verliehen bekommen. Er liebte es, mit seinen Verbindungen zum Königshaus zu prahlen. So hatte er guten Kontakt zu Prinz Charles und Prinzessin Diana - inklusive Austausch von Weihnachtskarten und Essenseinladungen. Es stellt sich die Frage, wie Savile es geschafft hat, ins Herz der britischen Führungsschicht zu gelangen.

Eingang eines BBC-Gebäudes in London (Foto: EPA)

Wer wusste bei der BBC von den Missbrauchsfällen?

Im Zentrum der Kritik aber steht die BBC. Wie ist das Unternehmen mit der Affäre umgegangen? "Newsnight", das renommierteste Nachrichtenmagazin Großbritanniens, hatte im letzten Jahr Nachforschungen über Savile angestellt, die es aber nie auf den Bildschirm geschafft haben. Die Gründe dafür wurden noch nicht vollends dargelegt.

Vergangene Woche hat das Nachrichtenmagazin "Panorama" eine Dokumentation über den Savile-Skandal ausgestrahlt, für die der "Newsnight"-Producer Meirion Jones interviewt wurde. Jones erklärte dort, er habe dem Redaktionsleiter eine E-Mail geschickt, in der er davor gewarnt habe, so ein explosives Material nicht zu veröffentlichen. "Ich war mir sicher, dass die Geschichte ohnehin irgendwie an die Öffentlichkeit kommt, und dass wenn es passieren würde, die BBC beschuldigt werden würde, sie vertuscht zu haben. Genauer gesagt schrieb ich eine E-Mail mit dem Inhalt: 'Die Geschichte ist stark genug und wenn wir sie nicht erzählen, dann ist der gute Ruf der BBC in Gefahr.'"

Vertuschung seitens der BBC?

Die BBC wird nun zweier gravierender Vergehen beschuldigt: Einen Bericht über ihren größten Star unterdrückt zu haben und dann eine Lobeshymne auf ihn gesendet zu haben, obwohl sie von den Anschuldigungen wusste.

Der neue BBC-Generaldirektor George Entwistle erschien in der letzten Woche vor einem Ausschuss des Parlaments um Fragen darüber zu beantworten, was er damals wusste und was er heute weiß. Der "Newsnight"-Chef wurde, solange die Untersuchungen laufen, bei vollem Gehalt beurlaubt. Die Unternehmensführung bleibt bei ihrer Aussage, dass sie keinen Druck auf den Redaktionsleiter ausgeübt hätte, die Geschichte zu vertuschen.

Sogar Premierminister David Cameron hat sich in die Diskussion eingeschaltet. Er sagte: "Die Nation ist entsetzt. Wir alle sind entsetzt darüber was Jimmy Savile getan haben soll. Und jeden Tag kommt Schlimmeres ans Licht. Und deshalb sollte jede Organisation, die mit ihm zusammengearbeitet hat, den Anschuldigungen gründlich nachgehen."