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Wirtschaft

Misereor: Spekulation verschärft Hungersnot

Um seine Behauptung mit Fakten zu unterfüttern, legt das katholische Hilfswerk eine Studie vor, die aus der Feder des bekanntesten deutschen Börsenmaklers Dirk Müller stammt. Der geht mit seiner Branche hart ins Gericht.

Ein Häufchen Körner in beiden Händen gehalten symbolisieren das Thema Hungersnot. (Foto: Achim Pohl / MISEREOR)

Das wichtigste von den Vereinten Nationen formulierte Millenniumsziel, die Halbierung der extremen Armut und des Hungers bis 2015, rückt in immer weitere Ferne. Nach Schätzungen des katholische Hilfswerks Misereor hat sich die Zahl der hungernden Menschen seit Mitte der 1990er Jahre von 850 auf 950 Millionen erhöht. Hauptursache dafür sei die Spekulation mit Nahrungsmitteln und Land, erklärten der Misereor-Agrar-Experte Benjamin Luig und der Finanzmarkt-Experte Dirk Müller am Freitag (07.10.2011) in Berlin.

Als häufiger Gast in TV-Talkshow und Sachverständiger für den Deutschen Bundestag ist Müller das bekannteste Börsen-Gesicht der Republik. Seit Jahren kritisiere er das unregulierte Treiben an den Finanzmärkten. Börsen seien wichtig, müssten aber der realen Wirtschaft dienen. Es dürfe nicht erlaubt sein, Geld in Rohstoffe wie Metalle oder Nahrungsmittel zu investieren, um sie aus dem Markt zu nehmen und damit Geld zu verdienen. Die auf Rendite orientierten Fonds handelten an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei. Es gehe um Menschenleben, empört sich Müller.

Nahrungsmittel landen in Lagerhallen

Mehrere Reihen mit Säcken voller verschiedener Sorten Reis. (Foto: Achim Pohl / MISEREOR)

Teile der Reisernten fehlen in Entwicklungsländern, wenn sie von Spekulanten gehortet werden

Spekulanten würden direkt von den Produzenten Aluminium und Nickel kaufen, es mit Lastwagen in Lagerhallen verfrachten und somit dem Markt entziehen, beschreibt der Branchen-Kenner die Praxis. "Dann profitieren sie von Preissteigerungen, die sie unter Umständen mit diesen Käufen selber auslösen." Momentan passiere das mit Metallen. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, wann auch mit Weizen, Mais oder Kakao so verfahren werden, meint Müller.

Wenn die Preise für Nahrungsmittel dann, wie von Spekulanten erhofft, in die Höhe schnellen, erzielen sie an den Börsen enorme Gewinne. Den Preis zahlen im wörtlichen Sinne die Ärmsten der Armen, vor allem in weiten Teilen Afrikas, beklagt Misereor. Bis zu 80 Prozent ihres Einkommens müssten sie für Lebensmittel aufbringen, sagt Agrar-Experte Benjamin Luig. Das Problem werde noch dadurch verschärft, dass große Mengen der Nahrungsmittel umgewidmet würden. Inzwischen würden nicht einmal 50 Prozent der globalen Getreide-Ernte für den direkten menschlichen Konsum verwendet werden. Rund 35 Prozent landeten als Futtermittel auf dem Weltmarkt und ein stark steigender Anteil werde entweder als Agro-Sprit verfeuert oder für die industrielle Nutzung zur Verfügung gestellt, sagt Luig.

Afrikanische Kleinbauern werden vertrieben

Portrait-Foto des Brille tragenden Agrar-Experten Placide Mukebo aus der Demokratischen Republik Kongo. (Foto: Daniela Singhal / MISEREOR)

Agrar-Experte Placide Mukebo

Wie sich die Spekulation mit Nahrungsmitteln und den dafür benötigten Anbauflächen auf die Menschen auswirkt, weiß der Misereor-Partner Placide Mukebo aus seinem Heimatland, der Demokratischen Republik Kongo. Seit vielen Jahren schon würden sich ausländische Konzerne und Staaten Millionen Hektar Land sichern, um dort beispielsweise Mais-, aber auch Palmöl- und Zuckerrohr-Kulturen zu betreiben. Leidtragende seien die rechtlosen Kleinbauern, berichtet Mukebo. In der Region Lubumbaschi bis zur Grenze nach Sambia sei Großbetrieben erlaubt worden, einen kilometerlangen Sperrgürtel zu errichten. Durch diese Maßnahme hätten 3000 Kleinbauern umgesiedelt werden müssen, die trotz massiver Proteste keinerlei Ausgleichzahlungen erhalten hätten.

Börsen-Profi Müller für höhere Eigenkapital-Quote

Börsen-Händler Dirk Müller presst angesichts fallender Kurse die Lippen zusammen. (Foto: Frank Rumpenhorst /dpa)

Börsianer Dirk Müller

Um Spekulanten unter Kontrolle bringen zu können, fordert Börsen-Makler Müller strengere Regeln an den Finanzmärkten. Konkret schlägt er vor, dass Investoren ihr Eigenkapital spürbar erhöhen müssten. Zurzeit könnten sie mit einem geringen finanziellen Anteil von oft nur sechs oder sieben Prozent beispielsweise in Weizen investieren. "Den Rest kriegen die auf Kredit von den Banken", empört sich Müller. Geld, das dann oft für Kredite in der Realwirtschaft fehle, beispielsweise um Maschinen anzuschaffen.

Das katholische Hilfswerk Misereor appelliert an die Bundesregierung, sich international für Obergrenzen bei der Spekulation mit Land und Rohstoffen einzusetzen. Möglich sei das im Rahmen der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G 20) sowie des UN-Komitees für Ernährungssicherung.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Martin Schrader