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Kultur

Ministerium für Staatssicherheit? Keine Ahnung!

20 Jahre nach dem Ende der DDR wissen Jugendliche wenig über den kommunistischen Geheimdienst, die "Staatssicherheit" - kurz "Stasi". Nun hat die Stasi-Unterlagen-Behörde einen Film gedreht. Er ist entlarvend offen.

'Ein Volk unter Verdacht'; Film-Cover. Foto: BStU

"So weit ich weiß, war die Stasi für Hitler." Der Satz stammt von einer Jugendlichen, die zu Beginn des Films "Ein Volk unter Verdacht" nach dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gefragt wird. Der Name des Nazi-Diktators fällt kurz darauf noch einmal. Immerhin verorten einige der Befragten die Stasi auch in der DDR, mehr wissen sie aber meistens auch nicht. Erstaunlich, könnte man meinen, schließlich sorgt das Thema Stasi immer wieder für Schlagzeilen, wenn Politiker, Sportler oder Künstler als ehemalige Stasi-Spitzel enttarnt werden.

Nichts voraussetzen, bei Null anfangen

Wenn derlei Enthüllungen anscheinend spurlos an jungen Leuten vorbei gehen, dann müssten doch wenigstens Bildungseinrichtungen, allen voran Schulen, Wissenslücken schließen. Ein Irrtum, wie Umfragen seit Jahren belegen. Und weil das so ist, setzt die Regisseurin und Drehbuch-Autorin Franziska Schlotterer bei Null an. Nichts wird vorausgesetzt, Stasi für Anfänger gewissermaßen. Wer und was war die Stasi? Wo und wie hat sie gearbeitet? Welche Bedeutung hatte sie für die Menschen? Diese und viele andere Fragen werden in dem Film so beantwortet, dass auch völlig Uninformierte und Ahnungslose am Ende schlauer sind. Das klingt strenger, als es gemeint ist. Schließlich müssen die Jugendlichen da abgeholt werden, wo offenbar die meisten von ihnen sind. Und das heißt beim Thema Stasi: am Anfang.

"Misstrauen, Angst, Verfolgung, Verrat"

Ulrike Poppe, DDR-Bürgerrechtlerin, berichtet in dem Film, wie sie und ihre Familie von der Stasi überwacht wurden. Foto: BStU

Ulrike Poppe, DDR-Bürgerrechtlerin, berichtet in dem Film, wie sie und ihre Familie von der Stasi überwacht wurden.

Überzeugend und beklemmend ist der Film vor allem dann, wenn Menschen, die jahrelang überwacht und bespitzelt wurden über ihre Ängste und Gefühle sprechen, nachdem zuvor die perfiden Bespitzelungs- und Verhör-Methoden zu sehen waren. "Misstrauen, Angst, Verfolgung, Bedrückung, Bedrohung, Bespitzelung, Verrat", mit diesen Wörtern beantworten Zeitzeugen, woran sie bei der Stasi zuerst denken müssen. Ein ehemaliger politischer Häftling schildert seine Erfahrungen noch drastischer: "Drehen Sie sich nicht um! Gesicht zur Wand! Hände auf den Rücken!" Die Staatssicherheit war für alle die große Unbekannte, "die immer im Hinterkopf war, die immer dabei war, egal, was man gemacht macht", wie es eine Frau ausdrückt, die in der Kirche aktiv war und deshalb den Argwohn des DDR-Geheimdienstes weckte.

112 Kilometer schriftliche Akten

Stasi, das bedeutete die totale Überwachung. Notiert wurde alles, oft Belangloses. Allein die schriftlichen Akten sind unglaubliche 112 Kilometer lang. Ein gigantisches Erbe in Form von Aktenordnern, Fotos und Abhör-Protokollen, das dem Betrachter des Films von der Reporterin Malin Büttner näher gebracht wird. Die junge Frau verabredet sich mit dem Wissenschaftler Ilko-Sascha Kowalczuk, der auch im echten Leben Stasi-Forscher ist. Gemeinsam machen sie einen Gang durch die am 15. Januar 1990 von Bürgerrechtlern erstürmte Berliner Stasi-Zentrale.

DDR-typischer Charme reiner Zweckmäßigkeit

Szene aus dem Film 'Ein Volk unter Verdacht'. Der Wissenschaftler Ilko-Sascha Kowalczuk zeigt der Reporterin Malin Büttner den Tür-Spion einer Zelle in einem Stasi-Gefängnis, durch den die Wärter blickten, um die Häftlinge zu beobachten. Foto: BStU

Ilko-Sascha Kowalczuk zeigt der Reporterin Malin Büttner den Tür-Spion einer Zelle in einem Stasi-Gefängnis.

Große Augen macht die Reporterin, als sie das Arbeitszimmer des von 1957 bis 1989 amtierenden Stasi-Chefs Erich Mielke betritt. "Wow! Das sieht aber ganz schön imposant aus", entfährt es ihr. Im Vergleich zu den kleinen Amtsstuben ist das Minister-Büro in der Tat beeindruckend: Parkett-Boden, roter Teppich, blau gepolsterte Stühle. Mit dem Luxus moderner Chef-Zimmer aber hat das Ganze überhaupt nichts zu tun, vielmehr versprüht es den DDR-typischen Charme reiner Zweckmäßigkeit. Imposant ist hier allein die Weitläufigkeit des Raumes; Ausdruck von Macht, egal in welchem Gesellschaftssystem.

Das ganze Arsenal einer Geheimpolizei

Eindringlicher noch als Erich Mielkes Arbeitszimmer sind allerdings die Schilderungen von Stasi-Opfern. Für die ist es mitunter eine bedrückende Reise in die Vergangenheit. Sie erinnern sich an die perfiden Methoden, mit denen der DDR-Geheimdienst, wie der Film-Titel ja auch lautet, "Ein Volk unter Verdacht" stellte: Abhör-Wanzen, Tonbänder, Verhör-Zimmer. Das ganze Arsenal einer Geheimpolizei, denn auch und vor allem das war die Stasi. Ein Hauch von James Bond wabert durch den Film, wenn die Reporterin und der Wissenschaftler eine auf den ersten Blick unauffällige Tasche inspizieren, in der eine Kamera zum heimlichen Observieren steckt.

Muster-Beispiel originaler Stasi-Ästhetik

Nichts wurde dem Zufall überlassen. Und damit Stasi-Spitzel ihr Handwerk auch richtig lernten, gab’s sogar Schulungsmaterial, das in dem Film gezeigt wird. In solchen Momenten wird die ganze Spießigkeit, aber auch menschliche Kälte spürbar, mit der die Stasi operierte. Hölzern, bürokratisch und total emotionslos schildert ein unsichtbarer Sprecher die schmutzige Arbeit eines Stasi-Teams: "Der Spezialist öffnete mittels Nachschlüssel das Schloss um 9 Uhr 10. Die Mitarbeiter begannen mit der Durchsuchung des Wohnzimmers und fertigten, wie auch in den anderen Zimmern, zuerst Übersichts-Bilder mit einer Polaroid-Kamera." In diesem Stil geht es weiter, ein Muster-Beispiel originaler Stasi-Ästhetik.

"Da liegen die Nerven blank"

Bernd Stracke; ehemaliger Stasi-Häftling und Punk-Musiker zu DDR-Zeiten. Foto: BStU

Kennt den Stasi-Knast von innen: der ehemalige Punk-Musiker Bernd Stracke.

Einer der Zeitzeugen in dem Film ist Bernd Stracke, der als Punk-Musiker in die Fänge der Stasi geriet und in den Knast gesteckt wurde. Seine Schilderung der Untersuchungshaft, dazu die begleitenden Bilder, gehört zu den eindringlichsten Szenen. "Wenn man ein halbes Jahr lang mit einer Person auf so engem Raum isst, kackt, schläft und alles andere auch macht, da liegen die Nerven blank, wenn man den schon atmen hört", beschreibt Stracke seine Erlebnisse, die immerhin 25 Jahre zurück liegen und für ein Stasi-Opfer doch so nah sind.

"Sehr subjektiv, oft auch verdrehend"

Als der ehemalige Punk gefragt wurde, ob er in dem Dokumentar-Film mitwirken wolle, zögerte er keinen Moment. Es sei in den 20 Jahren unheimlich viel versäumt worden, bedauert Stracke die weit verbreitete Unwissenheit in Sachen Stasi unter Jugendlichen. Das liege vor allem daran, dass sie oft nur die Möglichkeit hätten, sich an ihre Eltern zu wenden, wenn sie etwas über die DDR-Vergangenheit erfahren wollen, vermutet Stracke. Was sie dann zu hören bekämen, sei immer sehr subjektiv, oft auch verdrehend. "Die fühlen sich immer in ihrer Lebenswelt angegriffen und betrachten nicht das ganze DDR-System", bedauert Stracke.

Die DVD "Ein Volk unter Verdacht" ist in der Stasi-Unterlagen-Behörde erhältlich ( www.bstu.de )

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Elena Singer