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Wirtschaft

Minister Schmidt besucht die Bäume

In wenigen Wochen wird die Bundeswaldinventur veröffentlicht. Die Bundesregierung setzt hohe Erwartungen in die Vermessung der deutschen Wälder. Sie wird nicht enttäuscht werden.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt baut auf die Kraft des Waldes

Die Bäume bekommen hohen Besuch. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt tritt zwischen die Buchen eines Waldes am Rande des brandenburgischen Eberswalde und blickt an den silbrig-grauen Stämmen nach oben. "Schön gerade gewachsen, daraus lässt sich was machen", freut sich der CSU-Politiker. Die Wälder entwickeln sich gut nach Ansicht seiner Experten und Deutschland hat ehrgeizige Ziele mit dieser sprießenden Ressource.

Der Wald gewinnt an Bedeutung, aber auch an Konfliktpotenzial. Vor seiner Exkursion, erzählt der Minister, habe er noch kurz mit Angela Merkel gesprochen: "Die Kanzlerin wollte wissen, wie wir die ökonomische Nutzung und die Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung in Einklang bringen wollen."

In wenigen Wochen wird ihr Minister Schmidt konkrete Zahlen dazu vorlegen können – die 3. Bundeswaldinventur ist dann fertig. Der Politiker schaut sich bei Eberswalde an, wie die penible Vermessung an den 60.000 geheimen Messpunkten vor sich gegangen ist. Dort wird erhoben, wie sich der Bestand seit der letzten Inventur 2002 verändert hat: Wie viel Holz ist entnommen worden, wie viel ist nachgewachsen und als Totholz liegen geblieben?

Schmidt müht sich mit der Höhenbestimmung eines Baumriesen ab, aber das, so erklärt einer der anwesenden Profis, "ist auch für uns ziemlich kompliziert". Aus den Daten, die vom Thünen-Institut in Eberwalde koordiniert werden, wird die Inventur zusammengestellt. Die Daten sind noch geheim, aber Schmidt kennt die Grundzüge natürlich schon, denn das Institut ist seinem Ministerium unterstellt. Die Zahlen passen zu seinen Plänen. Der Politiker lächelt.

Deutsche Buchenwälder

Deutschland würde natürlicherweise vor allem mit Buchenwäldern bedeckt sein.

Wucherndes Kapital

Deutschland nimmt eine Spitzenstellung in Europa ein, was seine Wälder betrifft. Ein Drittel des Landes, etwa 11 Millionen Hektar, sind von ihnen bedeckt. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums holen nur die Schweizer mehr Profit aus dem Forst, ohne dass der Wald von seiner Masse einbüßt. Nachhaltigkeit heißt das Prinzip, das vor 300 Jahren von deutschen Forstwirten entwickelt worden ist und einen zentralen, gesetzlich festgelegten Aspekt der Waldbewirtschaftung ausmacht.

Deutschlands Waldfläche hat in den vergangenen Jahren zugenommen und in den Wäldern steht mehr Holz als je zuvor. Ein Grund dafür sind die großen Nadelholzbestände, die nach dem letzen Weltkrieg angepflanzt worden sind, um die Rodungsflächen aufzuforsten, die durch die Reparationsleistungen entstanden sind. Diese Bäume sind jetzt zwischen 50 und 60 Jahre alt - die Anbauflächen haben ihre produktivste Phase erreicht.

Damit lässt sich viel anfangen. In zwei Strategiepapieren hat die Bundesregierung festgelegt, welchen Zielen die Bäume dienen sollen. Es geht um Klimaschutz, Biodiversität und Erholung – aber vor allem um die wirtschaftlichen Aspekte. Die Waldstrategie 2020 sieht vor, die geschlagene Holzmenge deutlich zu steigern. Und das Holz, das den Berechnungen zufolge nachwächst, soll auch wirklich geerntet werden. Dadurch soll Deutschland unabhängiger von den herkömmlichen fossilen Rohstoffen Öl und Gas werden.

Die Planer der Energiewende setzen darauf, dass Holz zur Wärmeerzeugung und zur Dämmung eingesetzt wird. In beeindruckenden Versuchsanlagen wird demonstriert, dass die chemische Industrie künftig verstärkt auf Grundstoffe bauen kann, die aus Bäumen gewonnen werden. "Der Wald beschäftigt mehr als eine Million Menschen in Deutschland", betont Schmidt, als er auf die Bedeutung des Waldes angesprochen wird. Die Arbeiter im Wald und in waldnahen Industriezweigen erwirtschaften 170 Millionen Euro im Jahr. Der Sektor wächst.

Welche Nachhaltigkeit?

Das sorgt durchaus für Kritik. Mit der Nachhaltigkeit, die der Agrarminister beim Umgang mit dem Wald verspricht, ist es nämlich so eine Sache: "Ich benutze das Wort gar nicht mehr, das ist eine Worthülse geworden", meint der Waldexperte und Försterssohn Markus Schönmüller aus Nordhessen. Die Nachhaltigkeitskriterien würden zu sehr auf die Holzmenge verengt, zu Gunsten quantitativer Aspekte würde die Qualität vernachlässigt.

Markus Schönmüller und Norbert Panek

Forstpolitik-Kritiker Markus Schönmüller und Norbert Panek

Der renommierte Nationalpark-Aktivist Norbert Panek pflichtet dem bei: "Wenn da statt einer 200-jährigen Buche drei jüngere stehen, dann ist das vielleicht die gleiche Holzmenge, aber als Habitat für Pilze und Käfer sehen die schwach aus", unterstreicht Panek. Beide fordern, dass Deutschland "endlich" seiner internationalen Verpflichtung nachkomme und fünf Prozent seiner Wälder aus der wirtschaftlichen Nutzung nimmt - der Biodiversität wegen. "Zehn Prozent wären eigentlich nötig", fügt Schönmüller an.

Bundesminister Schmidt hat inzwischen Messlatte und Maßband aus der Hand gelegt und steht auf dem aufgeräumten Waldweg. Die Bundeswaldinventur, die er am 6. Oktober vorstellt, wird ihm neue Argumente für seine Forststrategie liefern. Wenn eintritt, was die Kritiker vorhersagen, dann wird sich der Wald schrittweise verändern: Es wird weniger Wildwuchs geben, der Wald wird immer mehr zur Holzfabrik. Aber er wird immer noch grün sein und aus Bäumen bestehen. Schmidt atmet tief ein. "Der Wald reinigt die Seele."