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Meister-Porträt

Minimalziel Meisterschaft erreicht

Nach den Enttäuschungen in der Champions League und dem DFB-Pokal holen die Münchner Bayern wenigstens den deutschen Meistertitel. Rundum zufrieden sind die Verantwortlichen beim Liga-Krösus allerdings nicht.

Es ist in den vergangenen Jahren zu einer Gewohnheit geworden: Irgendwann im Frühjahr ist der FC Bayern als Spitzenreiter in der Bundesliga-Tabelle nicht mehr einzuholen - und feiert folglich die deutsche Meisterschaft. In diesem Jahr ist es der fünfte Titel in Folge. Eine solche Erfolgsserie hat bisher noch keine Mannschaft in der Bundesliga geschafft, und natürlich gehört dieser Rekord nun den Bayern. In Deutschland hat nur der BFC Dynamo in der DDR-Oberliga eine vergleichbare Titelserie hingelegt (mit allerdings gleich zehn Meisterschaften in Folge).

Für den Rekordmeister ist es die erste Meisterschaft in der Nach-Pep-Guardiola-Ära - und der erste Titel für Guardiola-Nachfolger Carlo Ancelotti, abgesehen vom deutschen Supercup zu Beginn dieser Saison. Doch so rundum glücklich scheint die Vereinsführung mit der Mannschaftsperformance unter dem international erfahrenen Trainer nicht zu sein.

Ancelotti und die Herausforderung als Guardiola-Nachfolger

Dabei hat der 57-Jährige Italiener die schwierige und undankbare Aufgabe als Nachfolger von Trainer-Lichtgestalt Guardiola in der ihm typischen, sehr unaufgeregten Art bewältigt. Ancelotti blieb in der Öffentlichkeit stets gelassen, wollte sich offenbar so gar nicht von der oft überdrehten bis hysterischen Aufgeregtheit bei den Bayern beeindrucken lassen.

Trainer Carlo Ancelotti. Foto: dpa-pa

"Nur" ein Titel im ersten Trainerjahr Carlo Ancelottis bei den Bayern

Auf dem Platz war recht bald Ancelottis taktische Handschrift erkennbar: weniger Kurzpass-Feuerwerk, Ballbesitz-Fußball und totale Dominanz wie noch unter Guardiola, dafür taktisch variabler, aber eher nüchterner Ergebnisfußball italienischer Prägung. Die Spieler werden weniger in ein fein justiertes Gesamtschema gepresst, stattdessen soll vor allem erst einmal die defensive Grundordnung hergestellt sein. Für die Offensiv-Akzente bekommen die starken Individualisten den notwendigen Freiraum. Da ist auch einmal ein intuitives Dribbling oder ein langer Vertikalpass erlaubt.

Ein Spielerkader von herausragender Qualität

Und starke Individualisten, die ein Spiel auch einmal im Alleingang entscheiden können, gibt es im Spielerkader des FC Bayern reichlich: In vorderster Linie Torjäger Robert Lewandowski. Der Pole ist einer der besten Stürmer Europas mit eiskaltem Torabschluss, kopfballstark, kombinationssicher, schnell und zugleich mit physischer Präsenz in der Ballbehauptung. Dann sind da auf den beiden Flügeln die Tempodribbler Arjen Robben und Franck Ribéry, die bei vorhandener Fitness auch noch mit über 30 Jahren gegnerische Verteidiger schwindelig spielen können. Als jüngere Alternativen sind die Flügelflitzer Douglas Costa und Kingsley Coman nicht weniger beeindruckend. Thomas Müller vermisst in dieser Saison zwar seine Sicherheit im Abschluss, als unkonventioneller Vorbereiter ist er jedoch schwer auszurechnen und somit sehr wertvoll. Als Einfädler hinter den Spitzen spielt Edeltechniker Thiago seine bisher beste Saison bei den Münchnern.

Die für die Bundesliga herausragende Qualität des Bayern-Kaders setzt sich in den anderen Mannschaftsteilen fort: Wohl dem, der vor Welttorhüter Manuel Neuer das Innenverteidiger-Duo des aktuellen Weltmeisters aufbieten kann. Neuzugang Mats Hummels konnte sich ohne Probleme einfügen. Allerdings spielte er aus Verletzungsgründen bisher eher selten neben Jerome Boateng, Javi Martinez ist ein zuverlässiger Vertreter. Kapitän Philipp Lahm überzeugt auch in seiner letzten Saison als Fußballprofi mit nahezu makellosen Leistungen. Und im zentralen defensiven Mittelfeld ordnet Xabi Alonso, ebenfalls auf Abschiedstour, gewohnt umsichtig das Aufbauspiel.

Die Bundesliga beherrscht, doch der große Wurf misslingt

Mit diesem in Deutschland konkurrenzlosen Starensemble dominierten die Bayern die Bundesliga nach Belieben. Allerdings wirkten ihre Siege oftmals pflichtgemäß. Nur selten ließen die Münchner ihrer Spielfreude freien Lauf - wie bei den Heimsiegen gegen Bremen (6:0), Hamburg (8:0), Augsburg (6:0) oder jetzt in Wolfsburg (6:0). Die Leistungen im Tagesgeschäft "Bundesliga" hatten ein wenig den Anschein, als seien die Bayern im Sparmodus gelaufen, um Energie für die wichtige Saisonphase im April zu sparen. Sprich für die entscheidenden Duelle in der Champions League und im DFB-Pokal.

In den vergangenen Jahren unter Guardiola litt der FC Bayern in jenen Wochen stets unter einem Spannungsabfall, sobald der nationale Titel meist schon eingefahren war. Für den ganz großen Wurf in der europäischen Königsklasse reichte es dann nicht mehr. In diesem Jahr ist der Traum vom Triple ebenfalls geplatzt, aus verschiedenen Gründen: zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen, individuelle Fehler, Verletzungspech. Insofern steht natürlich auch Carlo Ancelotti in der Kritik. Für die Bayern-Vereinsführung steht die Arbeit des Trainerstabs auf dem Prüfstand. Während Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge Ancelotti klar den Rücken gestärkt hat, soll sich Präsident Uli Hoeneß angeblich über das "unfitteste Bayern-Team aller Zeiten" mokiert haben.

Der Umbau steht an

Diese Saison unter Carlo Ancelotti wird demnach als eine Art Übergangsjahr in die Geschichte des FC Bayern eingehen. Das Maximalziel Triple klar verpasst, der Umbau des überalterten Kaders steht an, Kapitän Lahm und Xabi Alonso nehmen Abschied. Robben und Ribéry werden fortan häufiger Nebenrollen einnehmen, weil sie wegen ihrer Verletzungsanfälligkeit seltener in Topform sind. Neben den Neuzugängen Niklas Süle und Sebastian Rudy müssen die Münchner auf dem Transfermarkt fündig werden.

Der Meistertitel 2017 war das Standardprogramm für eine Bayern-Mannschaft, die punktuell den aufkommenden Konkurrenten die Grenzen aufgezeigt haben - wie beim klaren 3:0-Heimsieg gegen RB Leipzig und beim 4:1-Heimerfolg gegen Borussia Dortmund. Eine Saison, an deren Ende die Münchner Bayern eine deutsche Meisterschaft feiern können, ist in ihrem Selbstverständnis ganz in Ordnung. Für Jubelorgien muss es dann aber schon mindestens das Double sein. Aber auch das kam ja nicht zustande. Der BVB hatte im Pokal-Halbfinale etwas dagegen.

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