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Europa

Minenfelder bald auch in der EU

Wenn Kroatien am 1. Juli 2013 EU-Mitglied wird, liegen auch auf dem Boden der Union ungeräumte Minenfelder. Sie umfassen etwa 680 Quadratkilometer und sind Relikte des Krieges in den frühen 90er Jahren.

"Wir dürfen nur fünf Stunden am Tag arbeiten", so Stjepan Tadić und Tomislav Ledić, "und wir arbeiten immer draußen. Wir bewegen uns entlang der früheren Frontlinien." Die beiden Kroaten sind Pyrotechniker und arbeiten für private Firmen, die sich auf Minenräumung in Kroatien spezialisiert haben. "Wir sind immer unterwegs in Kroatien, von Ort zu Ort, das ist das Schöne an unserer Arbeit", sagen sie. "Aber jedes Mal, wenn wir von zu Hause weggehen, könnte es sein, dass wir nicht wiederkommen. Unsere Arbeit duldet keine Fehler."

Kroatische Minenräumer, Stjepan Tadic und Tomislav Ledic (Foto: Bogradnić/DW)

Kroatische Minenräumer: Stjepan Tadić und Tomislav Ledić

Ein Minenräumer verdient in Kroatien umgerechnet etwa 800 - 900 Euro im Monat - das liegt leicht über dem landesüblichen Durchschnittslohn. "Jeder kann selbst beurteilen, ob das angemessen ist für diesen Job", sagt Ledić. Minenräumer schätzen, dass seit dem Ende des Krieges im Jahr 1995 etwa 60 ihrer Kollegen während der Arbeit ums Leben gekommen sind und mehr als 200 verletzt wurden - viele auch schwer. Die meisten Minenräumer sind Kriegsveteranen, sie hätten daher bereits in den Ruhestand treten können. "Aber wir machen das gerne, wir sind stolz auf unsere Arbeit", betont Tomislav Ledić.

Das Land und die Minen

Offiziellen Angaben zufolge gibt es - knapp zwei Jahrzehnte nach Kriegsende - noch in zwölf von insgesamt 21 kroatischen Gespanschaften (Verwaltungsbezirke) Minenfelder. Während des vierjährigen Krieges von 1991 bis 1995 wurden im ganzen Land etwa 90.000 Landminen verlegt, meist ohne strategische Pläne. In einem Land, in dem viele Menschen von der Landwirtschaft leben und in dem Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig ist, stellen diese Landminen für fast 100 Städte und Gemeinden eine große Hürde für die weitere wirtschaftliche Entwicklung dar. In den vergangenen 15 Jahren sind in Kroatien mehr als 500 Menschen durch Landminen ums Leben gekommen.

Minensprengung in Kroatien (Bild Copyright: Ivana Zrilic / DW)

Lebensgefährliche Arbeit: Minensprengung in Kroatien

Dabei unternimmt das Land große Anstrengungen, sich dieser Altlasten zu entledigen. "Unmittelbar nach dem Krieg waren in Kroatien etwa 2500 Quadratkilometer von Landminen verseucht. Seitdem wurden über 500 Millionen Euro für die Räumung der Minenfelder ausgegeben", sagt Dijana Pleština, Leiterin des staatlichen Büros für Minenräumung. Heute seien noch etwa 680 Quadratkilometer vermint - sie zu "säubern" würde aber noch einmal so viel kosten, betont Pleština. Die meisten Mittel kommen aus dem Haushalt des Landes, "dafür gab es günstige Kredite von der Weltbank." Auch mehrere staatliche Betriebe finanzieren einige Programme, und mittlerweile fließt auch Geld aus den EU-Fonds - denn Kroatien wird am 01. Juli  2013 als 28. Mitgliedstaat der Europäischen Union beitreten.

Dumpingpreise für die Minenräumung

In Kroatien gibt es zurzeit 36 Firmen, die im Land Minen räumen, die meisten sind kleine private Unternehmen. Die größte ist allerdings die staatliche Firma "Mungos" - hier arbeiten etwa 80 Minenräumer. Obwohl ihr Job lebensgefährlich ist: Verdienen können die Leute nur wenig - pro Quadratmeter des von Minen befreiten Bodens erhalten sie zwischen 50 Euro-Cent und 1,20 Euro.

Dijana Pleština (Foto: Bogdanić/DW)

Dijana Pleština: "Politik der Dumpingpreise"

Zurzeit herrscht ein harter Konkurrenzkampf, Dumpingpreise sind da ein erprobtes Mittel, sich auf dem Markt zu behaupten. "Schon vor zehn Jahren habe ich verlangt, dass ein Mindestpreis für die Minenräumung festgelegt wird, dazu ist es aber nicht gekommen", sagt Dijana Pleština. Deswegen bestimmt der freie Markt den Preis: "Das ist wie in einem Laden: zunächst bietest du deine Dienste unter Preis an, und wenn die Konkurrenten pleite sind, hast du die Kontrolle über den Markt. Hier spielen einige Unternehmer schon ein sehr schmutziges Spiel."

Die Leidtragenden sind in erster Linie die Minenräumer. Sie wissen nicht, ob sie im nächsten Monat immer noch genug zu tun haben werden, mitunter erhalten sie monatelang keinen Lohn. "Die Ursache liegt im System: den Job bekommt, wer den niedrigsten Preis anbietet, und das geht auf Kosten der Minenräumer", sagt Tomislav Ledić, der auch gewerkschaftlich engagiert ist. "Zurzeit kann die Hälfte der Firmen ihre Leute nicht regelmäßig entlohnen."

"Wenn alles vorbei ist..."

Diese Ungewissheit beeinträchtige auch die Arbeit, sagt Ledić - man überlege oft, ob die Familie genug zum Leben haben werde, "stattdessen sollten wir uns ausschließlich auf unsere Arbeit konzentrieren." Dabei geht es nicht nur um die eigene Sicherheit: laut kroatischem Strafgesetz ist jeder Minenräumer zehn Jahre lang verantwortlich für das Terrain, das er von den Minen geräumt hat.

Schild: Achtung, Minen! in Kroatien (Copyright: Ivana Zrilic / DW)

Minenwarnschild in Kroatien: Jeder Arbeitstag könnte der letzte sein

Juristisch geregelt ist auch der Status der Minenräumer. Nach einem Arbeitsunfall erhält er dieselben Rechte wie ein Kriegsveteran - Invalidenrente inklusive. Sollte ein Minenräumer während eines Einsatzes ums Leben kommen, gelten für seine Familie Regelungen wie bei gefallenen Soldaten. Gezahlt wird eine Hinterbliebenenrente, die Familienmitglieder sind krankenversichert und die Ausbildung der Kinder wird gefördert.

Daran denken die Männer aber nie - mit der Angst im Nacken kann man diese Arbeit nicht präzise ausführen. Woran sie schon denken, ist ihre Zukunft: Was wird, wenn Kroatien von Minen vollständig befreit ist? "Zu einer normalen Arbeit sind wir nicht mehr in der Lage. Nach den Jahren des Krieges und der jahrelangen Minenräumung sind wir nicht wirklich für etwas anderes zu gebrauchen", sagen Stjepan Tadić und Tomislav Ledić. Offiziell hält Kroatien nach wie vor an dem Ziel fest, bis 2019 ein minenfreies Land zu werden. Danach, sagen die Minenräumer, wollen sie in den Ruhestand gehen. Sie hoffen, dass sie bis dahin unversehrt bleiben.

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