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Nahost

Minderheit in der Zwickmühle

Je näher der angedrohte amerikanische Angriff auf den Irak rückt, desto aktiver werden die Kurden im Nordirak. Mehr als alle anderen direkt Betroffenen müssen sie abwägen, was solch ein Krieg für sie bedeuten würde.

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Kurden: Ein Volk ohne Staat

Wie so oft in ihrer wechselhaften Geschichte müssen die Kurden befürchten, dass sich ihre gegenwärtige Lage eher verschlechtert und dass sie ernsthafte Probleme mit all den Staaten bekommen, die ihnen immer schon jedes Maß von Eigen- oder Selbstständigkeit verwehrt hatten: Syrien, der Iran und vor allem die Türkei.

Bemühen um Gemeinsamkeit


Angesichts solcher Aussichten haben die rivalisierenden Fraktionen innerhalb der nordirakischen Kurden in den letzten Tagen zu einander gefunden: In Erbil, dem Hauptsitz der "Demokratischen Partei Kurdistans" (DPK) von Masud Barzani, trat das vor zehn Jahren gewählte kurdische Parlament zusammen, dem neben 51 Barzani-Anhängern auch 49 Parteigänger der "Patriotischen Union Kurdistans" (PUK) von Jalal Talabani angehören.

Es war das erste Treffen dieser Art seit sechs Jahren, denn die beiden Gruppen hatten sich in der Zwischenzeit immer wieder bitter bekämpft oder zumindest einander argwöhnisch beäugt. Unter dem Druck der wachsenden Kriegsgefahr hatten ihre beiden Führer sich aber Anfang Oktober getroffen und vertraglich festgelegt, dass man künftig zusammenarbeiten wolle. Die Einberufung des Parlaments ist der erste Schritt in diese Richtung und es gehört zur Symbolik, dass man sich nach dem Treffen in Erbil nun auch in Suleimaniye treffen will, dem Sitz Talabanis.

Angst vor dem kurdischen Virus


Zusammenarbeit tut not, denn die Kurden müssen dringend Bedenken bei den Nachbarstaaten zerstreuen. Diese fürchten, dass in der Folge eines amerikanischen Sieges über das Regime Saddam Husseins ein unabhängiger kurdischer Staat im Nordirak entstehen könnte. Die kurdischen Minderheiten jenseits der Grenzen könnten sich dadurch zu separatistischen Bestrebungen ermuntert fühlen. Irakisch-kurdische Sprecher versichern deswegen in letzter Zeit besonders lautstark, dass sie nicht mehr wollten als eine weitgehende Autonomie, nicht aber den unabhängigen Staat von dem die Kurden zwar immer schon geträumt haben, um den sie aber regelmäßig betrogen wurden.

Der Status Quo als kurdisches Ziel


Im Grunde wollen die Kurden in etwa das erhalten und verfestigen, was sich im Schutz der amerikanisch-britischen Flugverbotszone im Nordirak in den letzten Jahren entwickelt hat: Einen vor allem durch Schmuggel wirtschaftlich florierenden Beinahe-Staat. Irakisches Militär betritt dieses Gebiet nicht, dafür greifen immer wieder türkische Streitkräfte ein - Angeblich zum Schutz der dort lebenden turkmenischen Minderheit, eher wohl, um allzu weitgehende Selbständigkeitsbestrebungen der Kurden rechtzeitig zu vereiteln.

So weit wollen die irakischen Kurden angeblich nicht gehen, davor haben auch die Vereinigten Staaten gewarnt. Ihr Ziel ist vielmehr, eine weitgehend autonome kurdische Provinz in einen künftigen föderativen Staat Irak zu übernehmen. Wobei für sie selbststverständlich ist, dass diese Provinz ausgedehnt wird bis nach Kirkuk, dem nordirakischen Erdöl-Zentrum.

Die amerikanischen Öl-Interessen in der Region stehen dahinter. Um solch ein Ziel zu erreichen, sind die Kurden offenbar auch bereit, sich den Amerikanern als Verbündete im Kampf gegen Saddam Hussein anzudienen. Nach dem Kuwaitkrieg mussten sie eine solche Zusammenarbeit mit den USA teuer bezahlen, als sie von diesen beim Angriff irakischer Truppen im Stich gelassen wurden. Diesmal werden sie wohl notgedrungen einen zweiten Versuch machen, als "irakische Nordallianz" anzutreten: Um wenigstens den Teil des Kuchens zu sichern, den sie heute schon haben, der ihnen im Verlauf eines Krieges aber auch wieder entgleiten könnte.

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