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Sport

Milram, das Reservat der letzten deutschen Radsport-Mohikaner

Nach dem Ausstieg von Gerolsteiner ist Milram das einzige deutsche Profiradteam der Elite-Klasse. Es vereint die letzten Hoffnungsträger des von Dopingskandalen gebeutelten deutschen Radsports.

Gruppenfoto Team Milram 2009. Quelle: dw/Stefan Nestler

Schwere Zeiten für deutsche Radprofis

Die deutschen Radprofis können einem fast leid tun. Das Dauerthema Doping hängt wie ein Schatten über jeder Veranstaltung. Eine dreiviertel Stunde lang umkurvten die Verantwortlichen des Teams Milram in Dortmund bei der Präsentation der Mannschaft für die Saison 2009 den heiklen Punkt, um ihn dann zunächst ganz kurz abzuhandeln. "Bei uns gibt es nur saubere Milch", sagte der niederländische Teammanager Gerry van Gerwen. Bei den anschließenden Einzel-Interviews mussten die 25 Profis des einzig noch verbliebenen deutschen Eliteradteams dann aber doch zu kritischen Fragen Rede und Antwort stehen. Einigen Fahrern merkte man an, dass sie keine Lust mehr haben, sich immer wieder für die Verfehlungen ihrer Berufskollegen rechtfertigen zu müssen.

"Ich als Fahrer wurde auch betrogen"

Plastik-Kuh bei der Präsentation des Radteams Milram. Quelle: dw/Stefan Nestler

Das geht doch auf keine Kuhhaut!

Fabian Wegmann geht mit dem Thema Doping offensiv um. Der deutsche Meister ist allerdings auch ein gebranntes Kind, fuhr er bis zur Auflösung des Teams Ende 2008 doch noch für Gerolsteiner. Dort wurden im vergangenen Jahr der Tour-de-France-Etappensieger Stefan Schumacher sowie der Drittplatzierte der Rundfahrt und Gewinner des Bergtrikots, der Österreicher Bernhard Kohl, als Dopingsünder enttarnt. "Der Schock saß bei mir sehr tief", sagt Wegmann. Er habe viel Zeit gebraucht, um sich wieder neu zu motivieren. "Man ist mit diesen Leuten mehr oder weniger Tag und Nacht unterwegs und vertraut ihnen." Um eines Tages zu erfahren, dass sie gedopt haben. "Und dann muss ich mich für den Sport rechtfertigen, den ich betreibe", klagt der 28-Jährige. "Nicht nur die Medien wurden betrogen, auch ich als Fahrer." Nach seinem Wechsel zu Milram ist der Spezialist für die klassischen Eintagesrennen vorsichtiger geworden, wenn er seine neue Teamkollegen einschätzen soll. "Grundsätzlich lege ich für niemanden mehr die Hand ins Feuer. Meine offene Art will ich eigentlich nicht verlieren, aber dann kriegt man halt auf die Fresse."

"Bloß nicht verrückt machen lassen"

Fabian Wegmann, Gerald Ciolek und Linus Gerdemann bei der Milram-Teampräsentation 2009. Quelle: dw/Stefan Nestler

Wegmann, Ciolek, Gerdemann (v.li.)

Mit Fabian Wegmann haben weitere Fahrer und Betreuer des aufgelösten Teams Gerolsteiner bei Milram einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Unumstrittene Kapitäne sind aber Rundfahrtspezialist Linus Gerdemann und Sprinter Gerald Ciolek, die beide vom US-Team Columbia kamen. Gerdemann, Sieger der letzten Deutschland-Rundfahrt, sieht sich nicht als Häuptling im Reservat der letzten überlebenden deutschen Radprofis. "Ich würde es ein bisschen positiver formulieren. Es sind nicht nur Überlebende, es sind auch Leute, die etwas können und wissen, worauf es ankommt." Allen sei klar, so Gerdemann, dass sie als letztes verbliebenes deutsches Eliteteam eine große Verantwortung trügen. Dennoch dürfe man sich nicht verrückt machen lassen. "Druck gibt es überall, wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Ich denke, wir können ganz gut damit umgehen." Sportlich will der 26-Jährige vor allem bei der Tour de France Zeichen setzen. Dort wird er auch aller Voraussicht nach auf Rekordsieger Lance Armstrong treffen, der in diesen Tagen sein Comeback gibt. Gerdemann lässt das vorläufig noch kalt. "Das mag ja ein ganz nettes Medienereignis sein. Aber ich muss mich auf mich selbst konzentrieren und habe damit eigentlich genug zu tun."

Image des Radsports entscheidet über Zukunft

Portrait des Vorstandsmitglieds der Nordmilch AG, Claus Fischer. Quelle: dw/Stefan Nestler

Nordmilch AG-Vorstandsmitglied Fischer

25 Saisonsiege hat Teammanager van Gerwen als Ziel ausgegeben. Da ist vor allem der Mann für die Sprintankünfte gefordert: Gerald Ciolek. Der 22-Jährige liebäugelt mit dem Grünen Trikot des besten Sprinters der Tour de France. Auf jeden Fall aber strebt er einen Tagessieg bei der Frankreich-Rundfahrt an. Die Schmähungen der Fans am Straßenrand als Folge der Dopingskandale seien inzwischen Vergangenheit, behauptet Ciolek. "So etwas vergeht sehr schnell. Man muss nur aufpassen, dass der Radsport nicht bei diesem Image hängen bleibt." Dann würde unter Umständen auch der Sponsor des Teams die Notbremse ziehen. Bei Milram habe von Beginn an das Motto "Wer dopt, der fliegt" gegolten, sagt Claus Fischer, im Vorstand der Nordmilch AG für Marketing zuständig. "Wenn wir feststellen sollten, dass wir eine negative Auswirkung auf unser Geschäft haben, dann müssten wir unser Engagement definitiv überdenken. Das war bisher aber nicht der Fall." Den Milram-Profis muss also klar sein: Sie fahren 2009 nicht nur um die eigene, sondern auch um die Zukunft des gesamten deutschen Profiradsports.

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