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Stadt Land Mensch

Milllionengrab im Tropenparadies

Die Autorennstrecke Lausitzring und das Badeparadies Tropical Islands sollten im strukturschwachen Brandenburg den Aufschwung bringen. Heute sind es Subventionsruinen.

Kurz hinter dem Spreewald, die A13 hinunter wird es leer: Kiefern und Sandböden, Sandböden und Kiefern, ab und zu ein Dorf. Meuro, Drochow, Klettwitz. Unter der Erde lag hier die Braunkohle, zu DDR-Zeiten ein Garant für Wohlstand. Mit der Wende standen die Zechen still.

Das 200-Seelen-Dorf Drochow, das dem Braunkohle-Hunger der DDR weichen sollte, ist dem Abraumbagger gerade noch entgangen. Dafür verschwand die Jugend, verschwanden die Arbeitsplätze. Auch Trixys Lebensmittellädchen hat geschlossen.

Fehlstart der High-Speed-Rennstrecke

Auto auf dem “Eurospeedway Lausitz“ Foto: Leila Knüppel (DW)

Hobbyfahrer können ihre getunten Wagen auf der Rennstrecke testen

Nur eins gibt es hier noch reichlich: Platz. Platz für Pläne und Projekte, gigantische, viel zu große. Eins davon ist der Eurospeedway, eine der größten Rennstrecken Europas. Die einzige in Deutschland mit einem Hochgeschwindigkeitskurs, ein riesiges Asphaltdreieck, etwa 3,5 Kilometer lang. Für 150 Millionen Euro wurde der Eurospeedway auf den Lausitzer Sand gebaut - 123 Millionen davon Fördermittel.

Bereits zwei Jahre nach Eröffnung, 1999, stand die High-Speed-Rennstrecke vor dem Aus. Falsche Planung und eine Bankenkrise in Berlin machten das Projekt zur großen Subventionspleite.

Die Besser-Wessis kommen

Motorräder im Fahrerlager des “Eurospeedway Lausitz“ Foto: Leila Knüppel (DW)

17 Euro kostet eine Runde mit dem Motorrad auf dem Eurospeedway

“Servus“, begrüßt Speedway-Geschäftsführer Bert Ploensgen seine Gäste. Er kommt - genau wie die ganze neue Führungsriege aus Süddeutschland. Ein “Besser-Wessi“ - einer aus dem Westen, der angeblich alles besser weiß. 2008 übernahm die bayrische alpha Technik die heruntergewirtschaftete Anlage. “Am Anfang hatte ich mit viel Misstrauen zu kämpfen“, erzählt er bei Bier und Bratwurst neben dem Imbissbüdchen auf dem Ring.

Bis Ende 2016 betreiben die Unternehmer aus dem bayrischen Stephanskirchen die Rennstrecke, danach möchten sie die mit Steuergeldern errichtete Anlage ganz übernehmen, zum Schnäppchenpreis.

Bier und Bratwurst statt Champagnerdusche

Eurospeedway-Geschäftsführer Bert Poensgen an der Rennstrecke Foto: Leila Knüppel (DW)

Geschäftsführer Bert Poensgen fuhr in seiner Jugend selbst Rennen

Eine Goldgrube ist der Lausitzring trotzdem nicht: 50 bis 60 Angestellte, nur wenige Großveranstaltungen. Heute flitzen einige getunte Porsche und Motorräder über den Asphalt. Hobbyfahrer, die beim “Freien Fahren“ mal alles aus ihren Autos herausholen möchten. 15 Minuten heizen für 17 Euro.

Große Rennserien wie die Formel 1, für die der Lausitzring einst geplant wurde, bleiben bislang Utopie. “Das können wir nicht stemmen“, sagt Bert Ploensgen. Denn dafür müsse der Betreiber der Anlage mit Millionen in Vorlage gehen. Statt Champagnerduschen gibt es also frisch Gezapftes.

Schnelle Strecke, teurer Asphalt

Immerhin schreiben die Betreiber keine roten Zahlen mehr. “Dafür müssen wir uns allerdings ganz schön anstrengen“, sagt der 65-jährige Ploensgen, während er seinen Wagen über die zahllosen Nebenstrecken des Lausitzringes lenkt. Ein Windrad, eine Photovoltaikanlage sollen die Energiekosten senken und eine neue Motorcrossanlage zusätzliche Veranstaltungen auf das Gelände bringen.

Streckenplan des “Eurospeedway Lausitz“ Foto: Leila Knüppel (DW)

Eurospeedway-Übersichtskarte: Viele Strecken bleiben ungenutzt

Vor allem muss aber die überdimensionierte Anlage in Schuss gehalten werden. Zwei Gärtner seien angestellt, die ausschließlich Rasen mähen. “Wenn sie hinten fertig sind, fangen sie vorne wieder an“, erzählt Ploensgen. Der Eurospeedway hätte ruhig etwas kleiner werden können. “Dann hätte er nur die Hälfte gekostet und wäre jetzt leichter zu betreiben.“ Das Herzstück der Rennstrecke - der Hochgeschwindigkeitskurs - wurde erst dreimal befahren. Denn: High-Speed-Rennen werden bisher in Europa nicht veranstaltet.

“Leichter als Luft“

Die A13 gen Norden, 70 Kilometer vor Berlin: Auf dem ehemaligen sowjetischen Flugplatz Brand steht eine weitere Subventionsruine. Glänzend reckt sich das silbrige Rund zwischen grasbewachsenen Landebahnen und Flugzeugsheltern empor: ein über 100 Meter hohes Kuppelgebäude aus Metall und Glas – die einstige Werkhalle für die Luftschiffe der Cargolifter AG.

Die Firma, die mit dem Slogan “Leichter als Luft“ warb, entpuppte sich in der Tat als recht windige Unternehmung - und ging 2002 Pleite. Die Aktionäre des Unternehmens kostete die Firmenpleite damals etwa 300 Millionen Euro, den Staat 50 Millionen. Der surreale Kuppelbau wurde zur Ramschware, den der Tanjong-Konzern aus Malaysia zu einem Viertel der einstigen Baukosten gekauft hat.

Südseeträume im Gurkenland

Einstige Werfthalle der Cargolifter AG Foto: Leila Knüppel (DW)

In der einstigen Cargolifter-Luftschiffhalle ist heute der Erlebnispark “Tropical Islands“ untergebracht.

Heute stehen einige Wohnwagen, Touristenbusse und Autos im regnerischen Grau vor der Riesenhalle. Drinnen gedeihen Südseeträume bei konstanten 26 Grad, vor einer blauen Plastikplane mit Wolkenaufdruck planschen Kinder. “Tropical Islands“ heißt der überdachte Vergnügungspark mit Riesenrutsche, Hotelanlagen und Bali-Lagune.

Für etwa 160 Millionen Euro ließ der Investor aus Malaysia die exotische Kunstwelt gedeihen. Und auch der Staat hat noch mal 17 Millionen Euro für Sand und Sonnenliegen springen lassen. Pressesprecher Patrick Kastner führt vorbei am balinesischen Tempeltor, am Tropino-Kinderclub und Thai-Haus mit Restaurant. Die Tische sind kaum belegt.

“Der Pazifik läuft aus!“

Knapp 3000 Besucher kommen an einem Durchschnittstag ins “Tropical Islands“, für 8000 Besucher ist die Halle ausgelegt. Schwarze Zahlen schreibt das Unternehmen wegen hoher Abschreibungen nicht. Trotzdem soll weiter gebaut werden, Western-, Mittelalter- und 50er-Jahre-Dorf entstehen.

“Ein Deutscher Investor hätte sich da vielleicht nicht rangewagt“, sagt Kastner und 

führt seine Besucher hinter die blaue Himmelsplane des Südseestrandes. Statt weißem Sand liegen hier Schläuche und Leitungen auf dem grauen Betonboden. Eine Pfütze hat sich gebildet. “Oh nein, die Südsee läuft aus“, witzelt Kastner. Eine Lappalie - verglichen mit den Millionen-Subventionen, die bereits in der zur Lagune umgebauten Cargolifter-Halle versickert sind.

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