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Wirtschaft

Milliarden für den Ökostrom

Spätestens 2050 könnte der Strom in Deutschland allein aus Wind, Sonne, Biomasse und anderen erneuerbaren Energien erzeugt werden. Das sagt der Sachverständigenrat für Umweltfragen.

Offshore Windpark Alpha Ventus (Foto: dpa)

Der Wind wird in Deutschland als Energiequelle zu wenig genutzt

Das Ziel steht fest: Um bis zu 95 Prozent müssen die Treibhausgasemissionen der Industrieländer reduziert werden, um die globale Temperaturerhöhung einzudämmen. Eine gewaltige Aufgabe, an der die Umstellung der Stromerzeugung einen erheblichen Anteil haben wird. 40 Prozent der deutschen CO2-Emissionen entfallen auf die Stromversorgung. Martin Faulstich, Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen, stellt daher fest, dass eine nachhaltige Stromversorgung nur durch einhundert Prozent erneuerbare Energien machbar sei: "Wir haben sehr dezidiert gezeigt, dass das bis 2050 realistisch machbar ist, dass es auch bezahlbar ist, dass es langfristig sogar die günstigste ökonomische Strategie ist und dass es jetzt klarer Anreize und Signale bedarf, die die Politik setzen muss."

Falsche Signale

Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Kanzleramt in Berlin (Foto: dpa)

Die Laufzeitverlängerung hat im letzten Herbst massive Proteste ausgelöst

Allerdings ist der Sachverständigenrat, der aus sieben Universitätsprofessoren besteht und die Bundesregierung seit 1972 berät, der Meinung, dass die deutsche Politik im Moment viele falsche Signale setzt. Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke und der Bau neuer Kohlekraftwerke seien für den Übergang ins regenerative Zeitalter nicht nur unnötig, sie würden sogar ein Risiko darstellen. Kritik übt der Rat auch an der aktuellen Förderpolitik.

Die Subventionen für Solarstrom müssten angesichts des explosionsartigen Wachstums dieser Branche drastisch gekürzt werden, so Karin Holm-Müller. Mittlerweile entfallen fast 40 Prozent der Fördergelder auf die Photovoltaik, Sonne erzeugt aber nur 10 Prozent des gesamten Ökostroms. "Das Ziel des EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) ist ja, dass man Lernkosteneffekte haben will, also die Entwicklung von Technologien unterstützen will. Und da war das deutsche EEG weltweit positiv", sagt Holm-Müller. Das Gesetz hätte zu Entwicklungen beigetragen, die diese Technologie in vielen anderen Ländern interessant machen, so dass die Marktentwicklung nicht mehr abhängig von der Förderung in Deutschland sei.

Zu viel Solarförderung

Module im Solarpark Lieberose bei Cottbus, Brandenburg

Für die Solarförderung müssen die Verbraucher Milliarden zahlen

Dank deutlich gesunkener Preise für Solaranlagen bei gleichzeitig üppiger Förderung waren 2010 rund 7000 Megawatt auf deutschen Dächern und Äckern installiert worden - das entspricht bei maximaler Sonneneinstrahlung der Leistung von fast sechs Kraftwerken. Allerdings wird diese Leistung nie erzielt, weil die Sonne in Deutschland nicht entsprechend intensiv scheint. Trotzdem müssen die Verbraucher 2011 über ihre Stromrechnungen rund 13,5 Milliarden Euro für die Förderung zahlen. Das sei ein Wildwuchs, der nicht mehr ins System passe, so der Sachverständigenrat. Photovoltaik werde zwar auch in Zukunft eine Rolle spielen, viel mehr und viel kostengünstigerer Strom könne jedoch durch Windenergie erzeugt werden.

Die Frage ist allerdings, ob die Windindustrie den ihr zugedachten Anteil an den erneuerbaren Energien wird schultern können. Derzeit herrscht Flaute in der Branche, wie Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie zugeben muss: "Wir haben eine Entwicklung, die im Gesamtmarkt ein Ergebnis von minus 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr aufweist."

Zu wenig Windräder

Ende 2010 drehten sich in Deutschland rund 21.600 Windanlagen. Ihr Anteil an der Stromerzeugung liegt bei rund sieben Prozent. Im vergangenen Jahr wurden nur 754 Windräder neu installiert, der Markt, so sagt Albers, befinde sich damit wieder auf dem Stand von 1999. Für diese enttäuschende Entwicklung macht er unter anderem den frühen Wintereinbruch verantwortlich, außerdem sei die Finanzierung von Großvorhaben als Folge der Finanzkrise immer noch schwierig. Wegen strengerer Vorschriften für Abstand und Höhen von Windrädern ist es auch nicht mehr so leicht, neue Anlagen an Land zu errichten.

Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie (Foto: dpa)

Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie

Regelrecht in Rage gerät Albers aber, wenn die Sprache auf die derzeitige Diskussion über die weitere Förderung von Ökostrom geht. Das verunsichere die Branche ungemein, so sagt er und nennt explizit auch die Pläne auf EU-Ebene, die Höhe der Subventionen europaweit zu vereinheitlichen: "Die Atmosphäre in diesem Jahr - Laufzeitverlängerung der Kernenergie, Energiekonzept mit sehr geringen Zubauraten für die Windenergie, die EU-Harmonisierung, das ist kein Umfeld, in dem die Bundesregierung Wirtschaftsimpulse für unsere Branche setzt." Es sei sogar für 2012 sehr schwer, überhaupt noch Kontrakte abzuschließen. Denn letztendlich kenne man den Spielraum gar nicht. "Und die Banken geben uns auch gar nicht mehr die Grundlage dafür", klagt Verbandspräsident Hermann Albers.

Eine Kritik, die durch den Sachverständigenrat für Umweltfragen gestützt wird. Es müsse mehr Sicherheit und Kontinuität in der Förderung geben, sonst werde die Verunsicherung auch beim Verbraucher zu groß. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz wollen die Wissenschaftler nur behutsam weiterentwickelt sehen und eine europäische Harmonisierung zum jetzigen Zeitpunkt lehnen sie einheitlich ab.

Autorin: Sabine Kinkartz
Redaktion: Zhang Danhong