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Amerika

Milizen in Rio verlieren an Selbstbewusstsein

Paramilitärische Milizen, die in vielen Armenvierteln Rio de Janeiros herrschen, sind weiterhin gefährlich. Allerdings agieren sie inzwischen unauffälliger als früher - und das hat einen speziellen Grund.

Eine Favela fotografiert am 23.10.2012 in Sao Bernardo do Compo bei Sao Paulo, Brasilien. Foto: Friso Gentsch/dpa

Favela bei Sao Paulo

Der Alltag in vielen Armenvierteln Rio de Janeiros, den Favelas, wird von Gewalt und Verbrechen bestimmt. In einigen Favelas herrschen Drogenbanden, in anderen Milizen - beide sind in ihren Territorien mächtiger als die Polizei. Die brasilianische Regierung ist im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 damit beschäftigt, die Favelas aus den Händen der Milizen und Drogenbosse zu befreien. Dafür wurde 2008 eine Polizeieinheit ins Leben gerufen, die so genannte UPP (Unidade de Polícia Pacificadora), die bereits in über 40 Favelas für Sicherheit sorgt. Viele der über 1000 Armenviertel Rios sind jedoch weiterhin unter Kontrolle der Milizen.

Brazil's polocemen guard the streets of the Rocinha slum in Rio de Janeiro, Sunday, Nov.13, 2011. Elite police units backed by armored military vehicles and helicopters invaded the largest slum in this seaside Olympic city before dawn Sunday. It's the most ambitious attempt yet to bring security to a town long known for its violence. (Foto:Silvia Izquierdo/AP/dapd)

Polizisten patrouillieren in einer Favela

Die Milizen sind paramilitärische Organisationen, die aus aktiven oder ehemaligen Polizisten und Sicherheitskräften bestehen. Im Laufe der 1980er Jahre verschrieben sie sich der "Säuberung" der Armenviertel Rio de Janeiros von den Drogenbanden. Gleichzeitig bauten sie dort aber einen eigenen Machtapparat auf. Seitdem bekleiden sie politische Ämter, kontrollieren lokale Waren und Dienstleistungen und verlangen Schutzgelder von den Bewohnern der Favelas

Aber die Milizen büßen an Selbstbewusstsein ein - das ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie. Die brasilianischen Soziologen Ignácio Cano und Thais Duarte vom Zentrum für Gewaltanalyse der staatlichen Universität Rio de Janeiro untersuchten mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung die Entwicklung der Milizen in Rio de Janeiro.

Grund für die Veränderung

2008 wurden drei Mitarbeiter der brasilianischen Zeitung "O Dia" von Milizenanhängern entführt und gefoltert. Die Journalisten hatten in der Favela Batan, im Osten Rio de Janeiros, recherchiert, um das Milizenregime aufzudecken. Nachdem sie wieder frei waren und von den Erlebnissen berichteten, änderte sich die zuvor eher positive Grundeinstellung der Gesellschaft gegenüber den Milizen. "Vor diesem Ereignis gab es Menschen, die die Milizen, im Gegensatz zu den Drogenbanden, als nicht so schlimm empfanden", erklärt Cano im Interview mit der DW.

Als Reaktion auf die Entführung der Journalisten wurden rund 700 Milizionäre vom brasilianischen Staat verfolgt, verklagt und verhaftet. Sie verloren ihre Ämter im Stadtrat und dem Landesparlament. "Heute gibt es hier noch zwei Kommunalpolitiker, die angeblich eine indirekte Verbindung zu den Milizen haben. Früher hatten zahlreiche Milizionäre einen Sitz im Stadtrat oder waren Abgeordnete", so der brasilianische Soziologe. "Dies ist ein wichtiger Fortschritt."

Gefährlich unauffällig

Die Ereignisse von 2008 hinterließen Spuren bei den Milizen. Sie scheuen inzwischen die von ihnen zuvor gesuchte Aufmerksamkeit und agieren unauffälliger. So rekrutieren die Milizen Jugendliche, die für sie im Vordergrund arbeiten und zum Beispiel das Geld eintreiben und Personen beschatten. Die Milizionäre selbst halten sich diskret im Hintergrund - nur bei Schwierigkeiten schreiten sie ein.

Ein weiteres Indiz für das neue Auftreten der Organisationen sind die vielen Vermissten in den von Milizen beherrschten Regionen. "Die Zahl der Vermissten in diesen Gebieten ist im Gegensatz zu der der gewalttätig Ermordeten gestiegen", sagt der brasilianische Soziologe Cano. "Doch die Bewertung dieser Entwicklung bleibt fraglich, denn, dass es dort offiziell weniger Tote gibt, bedeutet nicht, dass die vermissten Personen noch leben - sie werden schlichtweg nicht gefunden." Früher galt es als Zeichen der Macht, wenn die Milizen ihre toten Opfer für jeden sichtbar auf der Straße liegen ließen. Mittlerweile ruft dies wahrscheinlich zu viel negative Aufmerksamkeit hervor. Für Cano ist die hohe Anzahl der Vermissten ein starker Hinweis darauf, "dass die Milizen sich wahrscheinlich dafür entschieden haben, unauffälliger zu agieren".

http://www.flickr.com/photos/fulminating/534766582/ Lizens:http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/ +++CC/fulminating+++ Aufgenommen am 24. Mai 2007, geladen am 17.5.2011 Rio, Brasilien, Slum, Stromversorgung, Rochina, die größte innerstädtische Favela mit mehr als 120.000 Einwohnern

Eine Straße in der Favela Rochinha im Süden Rio de Janeiros

Das veränderte Verhalten der Milizen schüchtert die Bewohner der Armenviertel ein. Cano zufolge ist die allgemeine Unsicherheit ein Grund dafür. "In manchen Gemeinden ist nicht klar, wer zu den Milizen gehört und wer nicht", erklärt der Soziologe. "Die Milizen sind vorsichtiger und unauffälliger geworden, aber sie machen weiter."

Wirtschaftsmonopol

Doch es gibt noch viele mächtige Milizen in Rio de Janeiro. Ihnen gehören Transportunternehmen, Kabel-TV-Anbieter oder Gasfirmen - das ist sehr lukrativ, denn meist sind die Favelas nicht an die offiziellen Gasleitungen angeschlossen. In vielen Vierteln verleihen die Milizen sogar Geld. Doch wenn jemand nicht bezahlt folgen Strafen: Folter, Verbrennung oder Tod. Seit einiger Zeit kann der zu Bestrafende allerdings auch eingesperrt werden - das ist neu und viel unauffälliger als Mord. Für die "Häftlinge" wurde kein eigenes Gebäude errichtet, das wäre zu auffällig gewesen. "Derjenige muss dann beispielsweise drei Monate in seinem Haus bleiben und darf nicht nach draußen gehen", erläutert Cano. Dies ist in sofern eine Strafe, als die Häuser in den Favelas winzig sind und sich das Leben auf den Straßen abspielt. Zudem kann, gefangen im eigenen Heim, kein Geld verdient werden.

Vorschläge für die Zukunft

"Nur die strafrechtliche Verfolgung und Verurteilung stoppt die Milizen nicht. Dies ist ein wichtiger Schritt, aber damit ist es nicht getan", erinnert Cano. Die Milizen treten bereits weniger selbstbewusst auf, doch um sie zu entmachten, müsse die Polizei vor Ort sein: "Eine bewaffnete staatliche Präsenz ist in den von Milizen beherrschten Vierteln unvermeidlich, wenigstens für einige Zeit", so Soziologe Cano. Bezahlbare Dienstleistungen privater Firmen wären ein weiterer wichtiger Schritt. Den Milizen würde so das Wirtschaftsmonopol genommen und zugleich die alleinige Macht über die Bewohner der Viertel.

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