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Deutschland

Milizen im Visier der Demonstranten

Weltweit forderten die Ausschreitungen wegen eines Mohammed-Schmähvideos Tote und Verletzte. In Libyen wandelt sich die Wut gegen den Westen nun zum Zorn gegen die Extremisten im eigenen Land.

"Das Blut, das wir für die Freiheit vergossen haben, soll nicht umsonst gewesen sein", rufen die Demonstranten. Zum Unmut über die westlichen Mohammed-Darstellungen mischt sich in Libyen der Ärger über die Entwicklung im eigenen Land. Auch fast ein Jahr nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis hat es die Regierung noch immer nicht geschafft, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

Während sich die staatlichen Sicherheitskräfte noch im Aufbau befinden, sind es im Wesentlichen bewaffnete Milizen, die das Sagen haben. Das erklärt Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt in Mainz, im Gespräch mit der DW. "Die Milizen sind in der Regel deutlich besser bewaffnet als die staatlichen Sicherheitskräfte und sie sind nicht bereit, ihre Waffen abzuliefern", sagt der Libyen-Experte.

Demonstranten in Libyen (Foto: Reuters)

In Bengasi gingen die Menschen auf die Straße

Die Aufständischen von einst bekämpfen sich inzwischen gegenseitig. Viele wollen ihre radikalen Vorstellungen durchsetzen - zum Frust vieler Menschen. Dieser Frust entlud sich in Bengasi nun in Gewalt: Hunderte Demonstranten griffen dort insgesamt drei Stützpunkte von Milizen an. Erstes Ziel war das Hauptquartier der salafistischen Ansar al-Scharia Miliz, die als treibende Kraft hinter der Erstürmung des US-Konsulats Mitte September gilt. Bei der Erstürmung kamen der US-Botschafter und drei weitere Amerikaner ums Leben.

Die Mehrheit will keine Milizen mehr

Die Ansar al-Scharia steht al-Kaida nahe und gehört zu den wichtigsten bewaffneten Gruppierungen im Land. In der Vergangenheit habe sie sich immer wieder durch eine antiwestliche Haltung ausgezeichnet, erklärt Libyen-Experte Meyer. "Diese Position und vor allem auch der Anschlag auf das US-Konsulat wird durchaus von der Mehrheit der libyschen Bevölkerung abgelehnt", so Meyer weiter.

Bewaffnete Milizen (Foto: AFP/Getty Images)

Die Milizen sind besser bewaffnet als das Militär

Doch der Zorn der Demonstranten richtete sich anscheinend nicht allein gegen radikalislamische Mächte. Mit Schwertern und Fleischermessern griffen Demonstranten auch den Stützpunkt einer dem Verteidigungsministerium unterstellten Brigade an. Während die Ansar al-Scharia Miliz in die Flucht geschlagen wurde, feuerten die regierungsnahen Truppen Schüsse in die Menge. Insgesamt kamen mindestens drei Menschen ums Leben, etwa 30 wurden verletzt. Dass auch nicht-islamistische Gruppen angegriffen wurden, zeigt nach Günter Meyer die grundsätzliche Ablehnung der bewaffneten Milizen durch Teile der Bevölkerung.

30.000 demonstrieren friedlich

Den Ausschreitungen gegen die bewaffneten Gruppierungen war die größte Demonstration seit dem Sturz Gaddafis vorangegangen. In Bengasi gingen etwa 30.000 Menschen friedlich auf die Straße, um gegen umstrittene Mohammed-Darstellungen zu protestieren. Bei den Protesten wurden aber auch andere Themen aufgegriffen, erklärt Meyer: "Hier in Libyen hat man die Demonstration sogleich genutzt, um die Unzufriedenheit mit den Milizen und vor allem den Protest gegen die Ermordung des amerikanischen Botschafters mitaufzunehmen."

Günter Meyer, Libyen-Experte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (Foto: Privat)

Günter Meyer ist Professor an der Universität Mainz

Ein Jahr nach dem Sturz Gaddafis ist die Situation in Libyen noch immer kompliziert. "Es ist ein Konglomerat aus innerlibyschen politischen Machtinteressen und Konflikten zwischen dem Westen und dem Osten des Landes", sagt der Libyen-Experte. Dazu kämen Auseinandersetzungen zwischen den Aufständischen, die Einflussnahme von al-Kaida und nicht zuletzt die zivilen Proteste gegen die Dominanz der Milizen.

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