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Alltagsdeutsch – Podcast

Militärsprache

Dass der Sportreporter gerne auf sprachliche Wendungen mit kriegerischem Hintergrund zurückgreift, ist bekannt. Doch auch im Alltag benutzen viele Menschen Ausdrücke aus der Militärsprache – häufig ohne es zu wissen.

Sprecher:

Den meisten Menschen ist gar nicht bewusst, wie kriegerisch sie sich mitunter ausdrücken. Viele der militärischen Begriffe im Deutschen stammen noch aus dem Zweiten Weltkrieg.

Sprecherin:

Wer würde sich denn auch beispielsweise bei der harmlosen Zahlenfolge null-acht-fünfzehn oder, umgangssprachlich ausgesprochen, null-acht-fuffzehn etwas Böses denken? Die Leute, die ich dazu befragt habe, dachten dabei jedenfalls nicht an den Krieg.

O-Töne:

"Meine Mutter hat immer gesagt: Das ist ja 08/15, wenn zum Beispiel sie sich getroffen haben mit irgendwelchen Freunden und es war etwas schickere Kleidung angesagt, und meine Mutter hat nun mal sehr gerne sehr gute Kleidung angezogen. Und denn waren da irgendwelche Frauen bei, die hatten eben nicht so todschicke Klamotten an wie sie, und dann hat sie gesagt: Ah, das war ja alles 08/15, was die so angehabt haben." / "Man könnte auch sagen, stinknormal. Ich würd' den VW-Golf als 08/15 bezeichnen, weil das Ding ist einfach so häufig, dass es überhaupt nicht mehr aus der Masse raussticht, dann noch in Dunkelblau, wundert man sich ja, dass man immer in den richtigen einsteigt."

Sprecherin:

08/15 ist alles das, was durchschnittlich ist; es meint nicht nur normal, sondern stinknormal, wie mein letzter Gesprächspartner es ausdrückte. Das trifft allerdings nicht auf die todschicken Klamotten zu, die die Mutter meiner ersten Gesprächspartnerin gerne anzog.

Sprecher:

Der Ausdruck stinknormal stammt aus der Jugendsprache und meint sozusagen normaler als normal. Ebenso ist todschick eine Steigerung von schick, so schick also, dass den Leuten gleich der Mund offen stehen bleibt. Klamotten kommt schließlich aus der Gaunersprache Rotwelsch und ist die umgangssprachliche Variante zu Kleidung.

Sprecherin:

Jetzt wissen wir allerdings immer noch nicht, was es mit der Zahl 08/15 auf sich hat.

Sprecher:

08/15 war im Zweiten Weltkrieg die Typenbezeichnung für ein Maschinengewehr, das 1908 eingeführt und 1915 noch einmal modernisiert worden war – in Anlehnung an diese Jahreszahlen 08/15 genannt. An diesem Maschinengewehr wurden die Infanteristen ausgebildet; die 08/15 galt als Standardwaffe, die serienmäßig hergestellt wurde und schon etwas veraltet war. Daher also die Bedeutung von etwas sehr Gewöhnlichem.

Sprecherin:

Ein anderer Ausdruck, der eigentlich ganz harmlos klingt, ist von der Pike auf. Besonders Handwerker pflegen ja besonderen Wert darauf zu legen, dass man einen Beruf von der Pike auf erlernen muss.

O-Töne:

"Dass man viel Zeit in etwas investiert und dass man auch ein bisschen Gehirnschmalz vergeudet, um wirklich alle Details eines Handwerks zu beherrschen und wirklich etwas gut zu können." / "Von der Pike auf lernen heißt wirklich, ganz, ganz unten anzufangen und sich hochzuarbeiten. So bin ich im Journalismus gelandet. Praktikum beim Boulevardblatt und anschließend richtig schön aufgestiegen."

Sprecher:

Die Pike ist eine Lanze, die im alten Heereswesen als einfachste Waffe galt. Jeder hohe Offizier hatte irgendwann einmal an der Pike gedient, er hatte mit anderen Worten als gemeiner Soldat angefangen und die ganze Heereshierarchie durchlaufen. Wer seinen Beruf von der Pike auf gelernt hat, hat sich also von der untersten Stufe an hochgearbeitet, er hat seine Sache gründlich gelernt.

Sprecherin:

Ein Soldat, der von der Pike auf dient, muss viel militärischen Drill über sich ergehen lassen. Bevor er eine Waffe in die Hand bekommt, bringen seine Vorgesetzten ihn erst einmal auf Vordermann.

O-Töne:

"Jemand auf Vordermann bringen heißt, jemand fit zu machen für eine bestimmte Aufgabe. Personal-Trainer im Fitness-Studio, der bringt einen auf Vordermann." / "Also, meine Mutter hat immer die Wohnung auf Vordermann gebracht, also alles ganz sauber gemacht, picobello, so dass das ganz schnieke aussah und alles blitzte und … so dass die Besucher sich auch wohlfühlten und sagen konnten: Mann, hier ist aber wirklich alles picobello, also Sie haben die Wohnung ja wirklich auf Vordermann gebracht."

Sprecher:

Bei der militärischen Grundausbildung werden die Rekruten darauf gedrillt, sich in Reih und Glied aufzustellen, wobei die hinteren Soldaten genau in einer Linie mit ihren Vordermännern stehen. Wenn das nicht der Fall ist, werden sie von ihren Vorgesetzten auf Vordermann gebracht, also genau in einer Linie aufgestellt. Es versteht sich von selbst, dass es dabei nicht besonders höflich zugeht. Jemanden auf Vordermann bringen hat darum auch bis heute den Beiklang von Drill und Zwang behalten. Etwas auf Vordermann bringen heißt dagegen so viel wie: wieder in Ordnung bringen.

Sprecherin:

Wenn die Mutter meiner Gesprächspartnerin ihre Wohnung auf Vordermann gebracht hat, dann sieht sie hinterher picobello und ganz schnieke aus.

Sprecher:

Picobello ist eine italienisch klingende, scherzhafte Abwandlung von piekfein. Das wiederum kommt aus dem Niederdeutschen und meint "schick", genauer gesagt; todschick. Schnieke hat sich vermutlich aus dem niederdeutschen Wort "snicker" gebildet, was so viel heißt wie "hübsch", "schmuck".

Sprecherin:

Nicht alle Ausdrücke aus dem Militärbereich tarnen sich als harmlose Wald-und-Wiesen-Sprache. Es gibt auch eine ganze Reihe von Wendungen, bei denen man sozusagen die Kanonen donnern hört. Meist werden diese Ausdrücke für verbale Auseinandersetzungen verwendet – alle zusammengenommen könnte man einen ganzen Feldzug mit ihnen bestreiten. Beginnen würde er damit, dass jemand schweres Geschütz auffährt.

O-Töne:

"Ja, mit Kanonen auf Spatzen schießen, also: zu viel verwenden, zu viel einsetzen, zu viel an Macht einsetzen." / "Schwerwiegende Argumente im Streit. Oder wenn man auch mal unter der Gürtellinie landet in 'ner Diskussion. Überall da, wo man einen Tick mehr aufträgt, als eigentlich nötig wäre."

Sprecher:

Im Boxsport ist die Gürtellinie die Trennlinie für erlaubte und unerlaubte Schläge. Ein Schlag unter die Gürtellinie gilt als unfair und wird im Wiederholungsfall mit Disqualifikation bestraft. Auch außerhalb des Boxsports gilt der Unterleib als Tabuzone und ein Angriff darauf als unanständig. Das gilt auch für verbale Angriffe, mit denen man einem anderen zu nahe kommt.

Sprecherin:

Dabei täte so viel Aufrüstung vielleicht gar nicht not. Am Ende stellt sich heraus, dass man mit Kanonen auf Spatzen geschossen hat.

Sprecher:

Der Spatz ist gegenüber der Kanone ein denkbar unterlegener Gegner – ein Kontrast, der die Unverhältnismäßigkeit der Mittel sehr bildlich ausmalt. Man könnte den kleinen Vogel genauso gut mit einem Händeklatschen verscheuchen.

Sprecherin:

Das schwere Geschütz ist aufgefahren; im nächsten Schritt gehen die Heere zum Angriff über. Wesentlich ungefährlicher als einen Angriff zu starten ist es, eine Sache in Angriff zu nehmen.

O-Ton:

"Etwas in Angriff zu nehmen, heißt für mich, etwas, was vielleicht nicht sonderlich angenehm ist für mich, was mir bevorsteht, das dann doch wirklich anzupacken, anzugehen."

Sprecherin:

In der Tat muss man ab und zu schon mal eine Sache in Angriff nehmen. Sonst kann es nämlich passieren, dass man ins Hintertreffen gerät.

O-Ton:

"Ich war früher Rennruderer. Da hat man ja Wettkämpfe, zum Beispiel liegt man nach einem furiosen Start vorne, führt das Feld an, und dann rücken die anderen unaufhaltsam näher. Und irgendwann ist man dann überholt worden und spürt, dass einem so die Kräfte schwinden. Und die anderen ziehen vorbei, und dann ist man natürlich ins Hintertreffen geraten, und das ist dann ein ganz schön frustrierendes Gefühl."

Sprecher:

In der Militärsprache war mit Hintertreffen die Reservetruppe gemeint. Sie war nicht am Kampf beteiligt und erhielt darum im Falle des Sieges auch keinen Anteil an der Kriegsbeute. Wer ins Hintertreffen geriet, war darum gegenüber den kämpfenden Soldaten im Nachteil – zumindest was die Beute betraf.

Sprecherin:

Manchmal ist es dennoch besser, ins Hintertreffen zu geraten als im Eifer des Gefechts zu handeln.

O-Töne:

"Wenn der Adrenalinspiegel sehr hoch ist und es rutscht einem ein unbedachtes Wort heraus. Das ist dann im Eifer des Gefechts passiert. Das heißt, die Sicherungen brennen durch. Das ist wiederum 'ne andere Redewendung." / "Also, dass ich Sachen mache, die mir nachher entweder peinlich sind oder wo ich einfach was vermasselt habe – dass ich wie so 'n Elefant im Porzellanladen irgendwas kaputttrete oder ich mich irgendwie ungeschickt bewege."

Sprecherin:

Wenn wir im Eifer des Gefechts etwas tun, handeln wir unbedacht. Aber was haben denn Elefanten im Porzellanladen und durchgebrannte Sicherungen damit zu tun?

Sprecher:

Sobald die Sicherung durchbrennt, gibt es einen Kurzschluss. Wenn wir uns zu sehr aufregen, ergeht es uns ähnlich: Unser inneres Sicherungssystem ist dem Adrenalinstoß dann nicht mehr gewachsen, und wir handeln nicht so, wie wir es in einem überlegteren Augenblick getan hätten. Wir handeln wie ein Elefant im Porzellanladen. Das heißt, wir verhalten uns so unsensibel wie ein unförmiger Dickhäuter, der alles um sich herum kaputttritt.

Sprecherin:

Meine erste Gesprächspartnerin sprach auch davon, dass sie in einer solchen Situation Dinge vermasselt.

Sprecher:

Das jiddische Wort Massel ist von hebräisch "Mazzal" abgeleitet und bedeutet "Glück" oder "Schicksal". Der hat einen unglaublichen Massel sagt man, wenn jemand ganz unerwartet Glück hat. Wer etwas vermasselt, macht dieses Glück zunichte, er vertut eine Chance.

Sprecherin:

Der Kampf ist spätestens dann vorbei, wenn wir all unser Pulver verschossen haben. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Waffen zu strecken.

O-Ton:

"Wenn einem die Argumente ausgehen, dann hat man sein Pulver verschossen. Dann sollte man sich vielleicht überlegen, ob man 'ne andere Front aufmacht."

Sprecher:

Wenn wir die Waffen strecken, geben wir uns in einem Streit oder einer Diskussion geschlagen, was, nebenbei gesagt, wieder so ein militärischer Ausdruck ist. Wir haben unser Pulver verschossen, das heißt, wir haben keine Argumente oder Beschuldigungen mehr, mit denen wir unseren Gegner angreifen könnten.

Sprecherin:

Die Schlacht ist geschlagen, das Heer besiegt, und trotzdem findet sich immer noch ein unerschrockener Kämpfer, der die Fahne hochhält.

O-Ton:

"Also, die Fahne hochhalten hat eher was total Lustiges, also ich stell mir dann immer so Szenen vor, wo eigentlich alles schon am Untergehen ist und man immer noch ganz trotzig und ganz mutig die Fahne hochhält und sagt, hier bin ich und hier stehe ich, und ich gehöre zu dieser und jener Kompanie oder ich habe diese und jene Idee gehabt. Ja, so 'n bisschen auch bei der Stange bleiben, das ist sehr ähnlich."

Sprecher:

Die Fahne hochhalten heißt, einer Sache treu zu bleiben, auch wenn sie vielleicht schon dem Untergang entgegengeht. Bei der Stange bleiben ist ein ähnliches Bild; mit Stange ist hier nämlich die Fahnenstange gemeint. Wer bei der Stange bleibt, bleibt einer Sache treu.

Fragen zum Text:

Woher stammt der Ausdruck 08/15?

1. von der Seriennummer eines Jagdflugzeugs

2. von der Ziffer auf amtlichen Standardformularen

3. von der Typenbezeichnung eines Maschinengewehrs

Wer zur Erledigung einer Aufgabe unverhältnismäßige Mittel einsetzt, der …

1. schießt mit Kanonen auf Spatzen

2. verhält sich wie ein Elefant im Porzellanladen

3. bringt etwas auf Vordermann

Aus welcher Sprache leitet sich das Wort Massel (Glück) ab?

1. aus dem Griechischen

2. aus dem Phönizischen

3. aus dem Hebräischen

Arbeitsauftrag:

In Deutschland ist die Frage nach der Rolle der Bundeswehr sehr umstritten (UN-Einsätze, Katastrophenschutz, innere Sicherheit usw.). Diskutieren Sie, welche Funktionen eine Armee übernehmen sollte.

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